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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-04-29 · Heft 18 (29.4.1873) · p. Seite 294

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 18 (29.4.1873)
Date
1873-04-29
Page
Seite 294 (sequence 8)
Language
German
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2lN Diebstahl für minder sündhaft als die Verletzung des Sabbathcs und die Profanirung des Bersöhnungstages Hallen. Aus meiner Jugendzeit kann ich mich erinnern, wie sehr ich darüber schauderte, als ich hörte, daß ein Gemeindemitglied beschuldigt wurde, sich mit rem Messer zu rasiren. Hatte sich doch ein solcher Mann, so oft er sich rasirte, gegen fünf Verbote — wie die Tradition angiebt — versündigt. Selbstverständlich ist es nicht meine Absicht, das religiöse Leben irgend wie zu lockern, aber ich wünschte, daß Rabbiner, Prediger, Lehrer und Gemeindevorstände den Fall überlegen und eine Remedur, wo sie nöthig ist, herbeisühren. Jüngst las ich in der Allgemeinen Zeitung des Jurenthnmes eine Korrespondenz aus Rawiez, in welcher über die Stellung des jüdischen Reügionslehrers in der dortigen Mittelschule berichtet wird. Hier ertheilen seit mehreren Jahren die Herren S. Hammerschlag und Dr. G. Wölf, der erste in dem Eommunalrealobergymnasium, und der letzte in der k. k. Staatoberrealschule in der Leopoldstadt den Religionsunterricht für die israelitischen Schüler. Eine Klage über incollegiales Benehmen ist jedoch noch nie vorgekommen. Sie sind den anderen Herren Professoren in jeder Beziehung vollkommen gleichgestellt, und erfreuen sich auch in vollstem Maße der Achtung ihrer Collegen. Selbstverständlich haben sie auch bei allen Conferenzen Sitz und Stimme. Herr Reichsrathsabgeordneler Dir. Knranda hat wegen Geschäftsüberbnrdnng auf seine Stelle als GemeindeckStadt-irath resignirt. Bei der jiingsten Wahl wurde Herr Dr. Leopold Kompert gewählt. Frankreich. Pariö, 15. April. *) Das jüngste Heft der Archives isra61ites bietet uns Etwas, das so recht unsere Zeit charaklerisirt. Zn Paris verstarb jüngst der Überalts reiche Banqm'er A b r a h a m E a m o n d o auS K onftantinopel, und in Versailles der berühmte jüdische Schriftsteller Joseph Salvador. Tie Archiveö bringen an der Spitze des Heftes einen zehn Truckseiten langen Nekrolog, 'jede Seite mit schwarzem Trauerrande versehen, über Eamoneo, dagegen im Laufe des Heftes nur eine Seite für Salvador, und zwar Nichts weiter, als zwei Stellen aus Provincialblättern über fein Leichenbegängnis. Bon Mittheilungen über das Leben Salvadors, über seine Schriften und Verdienste, kein Wort, und doch ist dieser Salvador in neuerer Zeit auf dem Gebiete des Iudenthumes der einzige jüdische Schriftsteller Frankreichs von Originalität und Bedeutung! Wir wollen hieraus der Redaction der Archives israelites keinen be- *l Die Zeitungen melden: Die monarchischen und Neritaten «zraetioneu wollen den Elsässer Lippmaun. einen Ioraeliten, als Eandrdaten für Paris zur Nationalversammlung ausstellcn, der sich wäli rcnd der Commune mit Ersolg für die Erliallung der Lül'nccapclle t'ndwigs XVI. verwendet bat. Dieser Lippmaun ist aber gerauft. R c d a c t i o n. sonderen Borwurf machen; sie folgt hierin wahrscheinlich dem Geschmacke ihres Lescpublicums. In Deutschland ist es nicht so; die Nekrologe, die z. B. einem Kosch, Julius Fürst, Joseph Lehmann gewidmet werden, müsien, schon um dem Publicum zu genügen, ausführlich und würdigend sein, und die hohe Finanz wird mit Stillschweigen übergangen, wenn sie nicht Verdienste hat, die nicht mit Phrasen, sondern mit Daten sich erweisen lassen. Eamondo war nun, wie aus der Schilderung hervorgeht, ein würdiger Mann, der, 17SO in Konstantinopel geboren (nach der Rum. Pest erst 17S7 in Srtaköi am Bosporush also 03 Jahre alt geworden war, ein ungeheueres Vermögen erwarb, mancherlei Stiftungen in Koustantinopel und in Italien gemacht hat, türkische und öslreichische Orden, und den italienischen Eonteritel erhielt, isoo mit seinen Enkeln nach Paris übersiedelte, und hier am 30. März verstarb. Seine Leiche wurde, nach einem Trauergottesdieptste in seinem Hvrel, nach Koustantinopel gebracht. Wie seine Geburt 'und Heimath.schon voraussetzen läßt, war er dem jüdisch-religiösen Leben treu anhänglich. — IosepH Salvad or war zu Montpellier l 706 geboren, und starb am 17. März zu Versailles in einem Alter von 77 Jahren. So viel wir wissen, war er Arzt, und zog sich vor einem Jahrzehnt nach Versailles zurück. Er scheint unverheirathet gewesen zu sein. Sind uns in Deutschland seine Lebensschicksale so wenig bekannt, so sind seine literarischen Verdienste um so mehr anerkannt. Seine llistoire des Institution.-; de MoVse et du pcuplc heb reu, drei Bände, Paris 1S2S, welche in kürzerer Fassung, aber ohne Beachtung zu sinken, schon l 822 als Lei de Morse ou Systeme ivliiriciix et politupie des Ifcbreux in einem Bande erschienen war, war geradezu epochemachend. Sie kam 1830 in deutscher Uebersetznng von E. S. Nathan, bevorwortet von Gabriel Riesser, heraus, und stellte zum ersten Male die mosaische Gesetzgebung in ihrem socialen und politischen Theile, in ihrem wahren Geiste und von den höchsten Gesichtspnncten, dar, und eröfsuele so einen ganz neuen Einblick und ein allgemeines llrtheil über ihre welthistorische Bedeutung. Es versteht sich, daß die Ansichten Salvadors vieler Ausführungen und mancher Berichtignngen bedurften; sie waren aber jedenfalls die Basis einer ganz neuen Betrachtungsweise, die sich von früheren Bearbeitungen desselben Gegenstandes, namentlich von Michaelis, glänzend unterschied und sie beseitigte. Was Salvador über den Tod Jesu gesagt hatte, regle die französische Presse damals sehr auf, ilnd der bekannte Dupin der Aelterc verössentlichie eine Gegenschrift, die von Salvador kräftig widerlegt wurde. Im Jahre 1817 verössentlichie Salvador llistoire de In domination Romaine en Judee et de la ruiue de Jerusalem in zwei Bänken , welche L. Eichler noch in demselben Jahre in deutscher Sprache wiedergab. Dieses Werk enthält viele originale Gedanken, und stellt den Gegenstand aus höheren allgemeineren Gesichlöpunctcn dar, als wie cs gewöhnlich geschah, aber seine Kritik ist einseitig. Ueberhaupt inangelte dem französischen Autor die

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