Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 18 (29.4.1873)
- Date
- 1873-04-29
- Page
- Seite 290 (sequence 4)
- Language
- German
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200 Zeitrechnung kam der Reim in lateinischen Kirchcngebeten aus, und wurde seitdem in zahllosen lateinischen, kirchlichen und prosanen, C^crtd>ten angewendet. Findet sich bei den Klassikern mancknial mitten in einem Hexameter oder Pentameter ein Reim, so ist es sehr zweifelhaft, ob er beabsichtigt war, ob der Dichter durch diesen Gleichklang der Wörter einen musikalischen oder ästhetischen Zweck erreichen wollte, oder ob er ihm unbewusit entschlüpft ist. Ganz gleicher Weise haben die hebräischen Dichter in der heiligen Schrift den Reim nicht als Kunstmittel gekannt. Auch hier finden wir dann und wann einen Reim; so z. B. in dem ältesten 2ieU 1 Mos. 1, 23 mit 'p-nnr, oder Psalm IIS, 2$ Aber auch hier kommt er nur sporadisch vor, und kaum beabsichtigt. Wenn wir bei den griechischen mtd lateinischen (5 lasst lern ooranssetzen müssen, dast sie bei ihrer großen Bollendung und Fülle der Kunstformen ans einem inneren Grunde, aus einem, deni Genius ihrer Sprache entsprungenen, Motive den Oieim unangewendet ließen, so haben wir bei den hebräischen Dichtern noch den Grund zu demselben Schluffe, daß Diese, denen auch das Metrum abging, und die sich nur innerhalb der rhythmischen Hebung und Senkung, und nach dem rhythmischen. Tacte, bewegten, wohl nach Knnstformen suchten, und hierbei auf eine höchst äußerliche kamen, nämlich die nach dem Alphabete geordneten Versansänge, wie dies in einigen Psalmen und, nock ausgebilkeier, im Klageliede Ieremia's angewendet worden ist. Analog begann ungefähr im siebenten Jahrhunderte nach der gewöhnlichen Zeitrechnung die synagogale Poesie sich zu entwickeln, und itachdem sie Anfangs des Metrums und des Reimes elttbehrle, zuerst den Reim, dann die Zählung der Silben anzunehmen, und es ist bekannt, wie Beides seitdem in zahllosen Dichtungen beibehalten wurde, die znm größten Theile religiösen Inhaltes, schließlich auch profaner Natur, waren. 'Es geschah dies, und geschieht, in allen Ländern, wo der neuhebräischen Poesie gehuldigt wurde und wird. Für die griechischen und römischen Elassiker, ganz eben so, wie für die hebräischen Dichter der heiligen Schrift, entsteht also die Frage: warum haben sie den Reim als Kunstmittel durchaus verschmähet? und welches ist das Verhältnis; des Reimes zu den Sprachen dieser drei poetischen Literaturen, besonders im Vergleiche zur deutschen Sprache, die den Reim zu einem unentbehrlichen, und höchst eindrucksvollen Kunstmittel erhoben hat? lieber diese Fragen, soweit sie die Elassiker betreffen, enthietl 'Nr. 23 lS72 der Zeitschrift „Im neuen Reich" eine sehr ausklärenre Abhandlung von B. Delbrück. Der Verfasser beantwortet die oben ausgestellten Fragen in einer Weise, welche auch für die hebräische Sprache die Lösung giebt. Das Resultat ist Folgendes: Die reiu]d>e Sprache unterscheidet sich in ihrer geschichtlichen Entwickelung von den übrigen indogermanischen dadurch, daß sie allmälig die Betonung mit der Stammsilbe des Wortes verband, und die Rebcnstlben möglichst abschliff, und im Tone verkürzte, -bis ries vollständig Gesetz der Sprache wurde. Ganz anders in den übrigen Sprachen, wo der Ton nach bestimmten Gesetzen aus der letzten, vorletzten, höchstens drittletzten Silbe ruht, und zwar nach dem Tonwerlhe, niemals aber nach der Bedeutung rer Silben, und wo sich gerade unter diesem Schutze die Rebcnsilben mauuichfattig und ausgedehnt erhielten. Wie sich nun im Deutschen der Reim aus den sogenannten Stabreimen entwickelte, hatten die frühesten deutschen Dichter durchaus kein Arg, den Reim auch auf die Nebeusilbeu zu legen, was aber mit rer Abschleifung und Verkürzung rer letzteren von selbst aufgegeben ward, .so daß der Reim stets von der Stammsilbe entweder allein, z. B. gebracht und erdacht, oder von dieser mit einer Rebensilbe, ' z. B. sagen und klagen, getragen wird. Hierdurch ist nun verursacht worden, daß rer Reim eine doppelte Wirkung hat, eine musikalische durch den Gleichklaiig der Laute, und eine ästhetische durch die Befriedigung res Sinnes, der in den gleichklingenden Stammsilben ruhet. Die Entwickelung rer Gedanken, die An- und Einordnung derselben, das Festhalten des Wortes in der Erinnerung, Für welches der Reim erwartet wird, mir die Befriedigung dieser Erwartung, werden durch diesen mit der Stammsilbe, also mit der Wortbedeutung, verbundenen Reim zu einem ästhetischen Genüsse, dessen insbesondere die Lyrik nicht entbehren kann. Rehmen wir dagegen den Reim von bloßen Rebensilben, wie er B. in den lateinischen Gedichten des Mittelalters vorhanden ist, so wird er einerseits zu bloßem Geklingel und Geklapper, andererseits, durch die außerordentliche Leichtigkeit desselben, bedeutungslos. Rehmen wir;. B. den Gen. Plnr. -onnn, so läßt er sich von einer großen Menge 'Wörter Herstellen, oder die Adjectiva ans -osus, so bieten sie sich in Menge dar. Gerade Dies aber macht den Reim werthlos, und es ergiebt sich in ihm kein poetisches Schaffen. Hieraus geht hervor, daß der gute Geschmack die Griechen und Römer hinderte, den Reim anzuwenden, sie ihn nicht suchen, sondern vielmehr vermeiden ließ, weil er nach ihren Sprachgesetzen nur eine Wiederholung von Rebensilben ohne Bedeutung gewesen wäre. Diese eben so aus Geschichte wie ästhetischen Sinn gestützte Auseinandersetzung hat nun auch ihre volle 'Anwendung aus das Hebräische. In dieser Sprache ruht bekanntlich der Ton eigentlich nur aus der letzten Silbe (?-ir:i, und wird nur unter bestimmten Voraussetzungen auf die vorletzte zurückgezogen (b-rr:-. Nur eine einzige Ausnahme einer drittletzten Betonung sinket sich Ies. ."><«, b rr}';y:_. Mit der Bedeutung der Silbe hat dies gar Nichts zu thun. Wir wollen dies nur au einem einzigen Beispiele erweisen. Der Ton tritt aus der vorletzten. Silbe in die letzte, z. B. wenn vor die Verbalformen, die den Ton auf der vorletzten haben. ein V:iv eonvcrsiviim praeteriti tritt, B.