Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 18 (29.4.1873)
- Date
- 1873-04-29
- Page
- Seite 289 (sequence 3)
- Language
- German
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289 also viel zeitiger zur Ehe, wovon der bei Weitem größte Antheil! auf Galizien fällt. Dagegen finden Wiedcrverehelichungen bei! den Juden weit seltener statt. Hinsichtlich der Geschlcchtsver- > hällnisse bei den Geburten fallen bei den Juden 128 Knaben auf 10» Mädchen, bei den übrigen Confessionen nur 1U5. Ta wir hier insonders die sittlichen Zustände im Auge haben, so muß uns das günstige Verhältniß der Eheschließungen bei unseren Glaubensgenossen sehr erfreulich sein, und nicht minder das Berhältniß der unehelichen zu den ehelichen Geburten. Hier aber treffen wir auf Verschiedenheiten in den einzelnen Kronländern, die wir näher in Betracht ziehen müssen. Wir geben daher die betreffende Stelle des Buches. Herr Schimmer sagt: „Und auch bezüglich des Bcrhältnisses zwischen den ehelich und unehelich Geborenen weisen die Israeliten noch günstigere Ergebnisse aus, indem sie 87-:* Procent eheliche und 12-7 uneheliche Kinder haben, gegen $5-3 Prccent eheliche und 14*7 uneheliche der Anhänger anderer Bekenntnisse. Aber schon bei dieser Partie der Bevölkerungsbewegung tritt ein außerordentlicher Unterschied der Ergebnisse in den Ländern, woselbst sich die Juden in größerer Anzahl vorsinden, auf. Unter den geborenen jüdischen Kindern ergeben sich: Proc. uneheliche in Niederöstreich 90*8 Proc. eheliche und 3*f» - Böhmen 97*8 - - 2-2 - Mähren 9Vl - - 1-9 - Schlesien 98 1 - r - 1-9 - Galizien 80-1 - - 139 - der Bukowina .','»'2 - - -448- - Während somit in Niederöstreich und in den Sudetenländern eine sehr geringe Ouote unehelicher Kinder der jüdischen Bevölkerung vorkömmt, und dieses Ergebniß weit günstiger ist, als jenes der Gesammtbcvölkerung dieser Länder (im zehnjährigen Durchschnitte 1861- 1870 in Niederöstreich 3<f9, in Böhmen lü-ti, in Mähren 13 7, in Schlesien l«>-2 Procent Unehelicher, schwillt es in Galizien, und besonders in der Bukowina, zu Dimensionen an, welche sehr zu Ungunsten der Israeliten anssallen. Tenn es werden im gleichen Zeiträume bei der Gesammtbevölkernng dieser Länder 8*7 Preeent uneheliche jüdische Kinder in Galizien und I I *2 Procent in der Bukowina gefunden." Unsere Leser werden von diesen Angaben wahrhaft überrascht sein. Tenn wenn in Niederöstreich, Böhmen, Mähren und Schlesien der Brnchtheil der unehelichen Geburten ein sehr geringer ist, schwillt er in Galizien.hoch an, beinahe bis zur Hälfte der Geburten überhaupt! Hierzu kommt nun noch, daß z. B. in Wien die unehelichen Geburten zu keinem kleinen Dheile gar nicht auf Wien selbst, sondern auf die östlichen Provinzen kommen, aus denen sich die betreffenden Personen nach Wien begeben. Die Dichtigkeit der jüdischen Bevölkerung zieht hierbei unsere Blicke tlicht allein aus sich. In Galizien und ter Bukowina herrscht die obstinateste Orthodoxie, während Wien, Böhmen, Mähren und Schlesien der Culturbewegung und den Fortschritten des modernen Judenthumes angehören. Aber wir sehen in diesen Ländern die Heiligkeit des ehelichen Lebens und die Sittenzucht in hohem Grade vorherrschen, während die Orthodoxie der galizischen Juden diese vor solchen gräuelhaften sittlichen Zuständen nicht schützt. Man' wird sich nicht wundern, daß wir hierauf einen so starken Nachdruck legen. DaS Familienleben und die geschlechtliche Sittlichkeit sind Tugenden, die man den Juden zu aller Zeit nachgerühmt hat, und aus denen zr einem großen Theile die Kraft geflossen ist, in der traurigen Vergangenheit den jüdischen Stamm zu retten. Nun sind wir fern davon, der verknöcherten Orthodoxie die Ursache der sittlichen Entartung in Galizien unmittelbar zuzuschreiben, während man dieselbe zum großen Theile in den socialen Verhältnissen derselben suchen muß. ' Allein wenn diese Orthodoxie sich geradezu als kein Schutzmittel gegen die Entsittlichung bewährte, so ist auch andererseits nicht zu verkennen, daß sie die jüdische Bevölkerung zur Unwissenheit und Uncultur angehalten hat, daß sie jedes Bildungsmittel als sündhafte Uebertretung und als Abfall von der Religion verdammte, und demnach mittelbar alle Heilung und Hebung absichtlich entfernt hielt. Auch die materielle Wirkung blieb nicht ans, denn während in Niederöstreich, Böhmen und Mähren die Sterblichkeit der Kinder bei den Juden geringer, als bei den Christen ist, steigt sie in Galizien und in rer Bukowina hoch bei Jenen an. Nicht minder ist dies mit der Sterblichkeit überhaupt der Fall, die sich für Juden in den übrigen Kronländern sehr günstig, bei den in Galizien und. der Bukowina viel ungünstiger stellt. Ueberschlägt man nun die cisleithanischen Juden sämmtlich in Einem, so zeigt sich, wie sehr diese Solidarität irre führt, und falsche statistische Resultate liefert. Denn bei den galizischen Juden findet gerade das Gegenrheil wie bei den anderen östreichischen Inden statt; eine gemeinschaftliche Betrachtung ergiebt nur Unwahres über den einen, wie über den anderen Theil. Der übrige Theil der schimmerschen Schrift beschäftigt sich mit den einzelnen Gemeinden, ihrer Milgliederzahl, ihren Beamten, Anstalten, Schulen :c. Zahlen thun es hier wenig, da es vielmehr auf die Beschaffenheit ankommt; daher überlassen wir diesen reichlichen Apparat dem Studium Derer, die sich dafür besonders interessiren. 8er Neun im Hebräischen. Bekanntlich kennen die griechischen und lateinischen Classiker den Reim als ein durchgreifend verwendbares Kunstmittel in der Poesie nicht; aber im vierten Jahrhunderte nach der gewöhnlichen 18*