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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-04-22 · Heft 17 (22.4.1873) · p. Seite 283

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 17 (22.4.1873)
Date
1873-04-22
Page
Seite 283 (sequence 14)
Language
German
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283 allen Gliedern.deö Hauses mit aufrichtiger Freundlichkeit behandelt wurde, so daß ich mein dienendes Berhältuiß, in welchem ich ja geboren und groß geworren war, gar nicht fühlte, so bcmerklich machte mir dies schon als Knabe 3anine(e.. Befehlshaber! sch, hart und mißgünstig trat er stets gegen mich auf, und seine Habgier und seinen Geiz hatte ich früher gewahrt, als alle die Sciuigen, die ihn nur für abgeschlossen, besonnen und sparsam hielten. Ich hatte es stets geduldig ertragen, denn die übrigen Glieder des Hauses entschädigten mich hinreichend dafür, und ich liebte sie Alle von ganzem Herzen. Jetzt aber brach der Strom seiner Leidenschaften ungekämmt hervor, und er glaubte sich berechtigt, Alles, was er dachte und wollte, von uns ausgeführt;n sehen. Dabei hüllte er sich in den Mantel der Frömmigkeit. Sein Beten und Fasten hörte gar nicht auf, wohl gemerkt, wenn das Geschäft ihn nicht abhielt. Niemand hielt strenger auf die kleinste Borschrift unseres Gesetzes, als er, und er quälte die Hausgenossen, daß sie es ihm gleichthnn sollten. Sein früher schönes Aussehen, denn alle Basso's waren schön und wohlgebildet, wurde häßlich, sein Körper schrumpfte zusammen, sein Haupt beugte sich nach vorn, sein Gesicht wurde mager und fahl, und desto stechender seine Angen. Ach, sagte Lei io einst zu mir, was hältst Du, Isacco, von der Frömmigkeit meines Bruders? Du bist doch auch erfahren unter den Menschen, und bewandert in unserer heiligen Lehre, und kennst Samuele sehrgenau, was hältst du davon? Ich antwortete ihm: Nun, ich kenne die Gemara, und unsere anderen großen Schriften nicht, aber die heilige Thora kenne ich auswendig, und da finde ich viel, wie man lieb und gut gegen alle Menschen sein soll, und ehrfürchtig vor Gott, und gerecht, und barmherzig in allem Wandet, besonders in Maß und Gewicht, und Andere nicht ubervortheilen, und keinen Wucher nehmen soll — aber vom beständigen Beten und Fasten habe ich Nichts gefunden, sich und Andere damit zu quälen. Ja, wenn Jemand so fromm und heilig ist, wie unser ehemaliger Rabbi Uri, gesegneten Angedenkens, zurückgezogen von den weltlichen Händeln, und Tag und Nacht in Thora und Gemara studirend, sanft, mildthätig gegen alle Welt. Melr und Gewinn nicht kennend, den Frieden liebend, dann mag das Beten und Fasten dazu gehören, und Gott wohlgefällig sein, sonst aber nicht . . . Lelio erwiederte: So meine ich's auch, und seufzte, seufzte lies und schwer. Ja, Lelio war auch ein ganz anderer Mensch. Liebevoll und gütig gegen alle 'Welt, 'immer voll Lust und Heiterkeit, sehr geschickt und gewandt im Geschäfte, aber jeden Trug, jede Hinterlist, wie den Tod hassend. Er war nicht verschwenderisch, aber freigebig, lebte gern auf dem Fuße eines reichen Mannes, der er war. Er liebte alle seine Mitbürger, und ward von ihnen geliebt. Ihr könnt Euch also denken, Signor, wie eS bald zwischen den beiden Brüdern aussah. Emmanuele hatte, wenn auch ohne Absicht, gegen das Gesetz der heiligen Schrift 'gehandelt: er hatte Roß und Esel vor einen Pflug gespannt. Was sage ich: eine Schlange war eö neben dem edelen Roffe. und sie stach ihn oft genug in die Ferse. Bald brach der Streit zwischen den beiden Brüdern aus, und loderte in hellen Flammen auf. Samuele wollte durchaus alleiniger Herr sein, und rechnete-dabei auf die Sanstmuth und Nachgiebigleit Lelio s. Aber er hatte sich verrechnet. In allen unwichtigeren Dingen ließ dieser jenen frei walten, und folgte ihm, als ältestem Bruder, willig. Wo es sich aber um die Ueberzcugungen und das ganze Wesen Lelio's handelte, wo ihm Vorschläge gemacht wurden, die seinem Rechlssinne widersprachen, oder er sich Tadel ausgesetzt sah über seinen Lebenswandel und seine Handlungen, die freilich mit denen Samuele's nicht nbereinstimmteu, so bäumte sich seine gerade Natur dagegen auf, und er hielt mit Worten und Thaten nicht hinter dem Berge. Wie oft zitterten und bebten wir anderen Hausgenossen, wenn der Streit zwischen ihnen so heftig entbrannte, daß wir einen unglücklichen Ausgang fürchteten. Dennoch hielt sie das Gelöbniß. das sie dem sterbenden Bater geleistet hatten, bei einander, nur daß sie sich so viel wie möglich vermieden, jeder die Hälfte des Hauses nicht betrat, die der Andere imrehatte, selbst in die Zweige des Geschäftes sich theilteu, um sich so wenig als möglich mit einander zu berühren. Ach, lieber Herr, was ich dabei litt! Mit schwärmerischer Liebe hing ich an meinem Altersgenossen Lelio,' der so unendlich gut mit mir war, und mich wie einen Bruder behandelte. Da kam das Unglück. Ein furchtbarer Zwist war bei einem Rechnungsabschlüsse zwischen den beiden Brüdern entstanden. Lelio behauptete, Samuele hiulergehe ihn, und wolle ihn um einen großen Theil seines Bermögens betrügen; Samuele aber, sein Bruder, verschwende zu viel, lasse sich im (Geschäfte überlisten, und ruinire sie Beide. Lelio stürzte mit stammender Röthe auf dem Gesichte aus dem Hause und — wart als Leiche wieder iu's Haus gebracht, da man ihn toDt aus dem Seee gezogen. Damals ging das (Gerücht, als habe er sich selbst hineingestürzt, weil er dieses Leben mit seinem Bruder nicht länger habe ertragen können. Andere behaupteten, er sei in eine Locanka gegangen, habe über die Maßen starken Wein getrunken, unk als er erhitzt gewesen, sich zum Baden in den See begeben, wo ihn ein Schlagausall untersinken ließ. Wer hat 'liecht gehabt? Ich kann es nicku sagen. Daß er in die Locanda gegangen, ist richtig. Aber das Baden im Seee gehörte nicht zu seinen (Gewohnheiten. Aber er war ein innerlich so frommes Gemüth. Nun, es ist' lange her, daß er vor den Richterstuhl Gelles getreten ist, aber die Barmherzigkeit des Herrn wich ihm nicht gefehlt haben, denn, wenn ein Mensch, er verdiente sie ganz und gar ..." Dem Greise traten helle Thräuen in die Augen, und tiefen ihm über die gefurchten-Wangen. Er legte die Hände vor das Gesicht, und es währte lange, bis er sich gesammelt hatte, um fortzufahreu. Auch ich saß still da, Worte des Trostes waren da nicht angebracht. Ich stützte meinen Kops in die Hand,-und

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