Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1873)
- Date
- 1873-04-22
- Page
- Seite 282 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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282 ' auf unserem allen Friedhofe begraben, vielmehr auf dem der nächsten Gemeinde. Er soll nicht neben mei nen Tobten ruhen; sie würden sich beunruhigen in ihren Gräbern, wenn er in ihre Nähe käme; und . . . wenn ich jene besuche, und meine Blicke fielen auf die letzte 3tütte dieses Mannes, so würden jedesmal Liebe und Frieden auS meinem Herzen weichen — und das will ich nicht." Mir fuhr es sckmerzlich durch die Seele: wie viel mußte dieser alte Diener, dieses treue, anhängliche Herz gelitten haben, um einen solchen Haß bis über das Grab hinaus zu nähren — und doch wie sonderbar, hatte er fich von diesem Herrn, dessen Anblick schon ihn peinigte, nickt trennen können, sondern diente ihm viele Jahrzehnte mit derselben Treue, wie wenn Nichts geschehen wäre. „Und Ihr. Jsaceo? Was habt Ihr mit Euch vor? Das ist doch das Wichtigste jetzt." Er lächelte schmerzlich. „WaS ist an mir gelegen? Ich kenne Signor Ginlio aus Novara gut. Er wird mich ruhig in diesem Hause lassen, das mich geboren werden sah, das mich sterben sehen wird. Weiter bedarf es Nichts. Ich habe zweiunddreißig Jahre Lohn zu fordern; das ist genug, um die wenigen Lebensjahre, die mir noch bevorstehen, ansznkommen, und mein Begräbnis; neben Giacomo und Grazia zu bezahlen." „Und in dieser Einsamkeit wollt Ihr leben? und wenn- Ench einmal Etwas znsiößt?" „Ich bin nicht einsam; mich umgeben gute Genoffen alle Zeit, die zwar für Andere nicht mehr sind, für mich aber leben, wie sie dies jemals gethan haben. Und dann wohnt hier in der Nachbarschaft ein guter alter Freund, der uns seit vielen Jahren am Sabbathe die nöthigcn Dienste geleistet hat; der verläßt mich nicht, und sorgt für mich, wenn es mir an Etwas gebrechen sollte. Ihr könnt also ruhig sein, guter, junger Mann, und — mich vergessen, wenn Ihr von hier abgercist seid, wie Ihr cs nun wohl ihnen werdet." Ich sah dem Alten liebevoll in's Angesicht, und sprach etwas zögernd: „Aber, lieber Jsaceo, Ihr habt mir ja noch eine Schuld, eine große, zu entrichten; Ihr müßt mir Euere Lebens- und Leidensgeschichte zu Ende berichten, worin wir vor einigen Stunden durch jenen Unfall unterbrochen wurden. Nicht so, Ihr fühlt es, cs ist keine bloße Neugierde von mir, es ist die innigste Theilnahme, die Ihr in mir geweckt habt. Ich muß wissen, was cs um diesen thcneren unglücklichen Giacomo war, als deffen Ebenbild ich Euch erscheine, und an deffen Grabe ich gesoffen und gebetet habe . . ." „Wäret Ihr draußen . .. Ja, so muß ich wohl. Kommet herein,, kommet in meine Kammer wieder, setzet Euch wieder am Fenster nieder, kein Slcinwurf, .nnd keine Schimpsrede, wird uns wieder stören, ich will Euch Alles erzählen, eS wird schmerzlich sein, und doch dem alten Herzen wohl ihnen. Wenn ich einst sterbe, werde ich Euer gedenken und wissen: Einer lebt doch noch, der meines Giacomo gedenkt." Er trat in's Hans zurück, ich folgte ihm, er schloß die Pforte, und. bald saßen wir wieder in der ärmlichen Kammer, als wäre gar Nichts inzwischen vorgesallen. Der alte Mann begann zu erzählen, aber er kam anfangs oft ins Weite nnd Irre, so sehr hatten die Erschütterungen der letzten Stunden, obsckon er es nicht wissen wollte, seinen Geist ans rem Gleichgewichte gebracht. Ich fasse daher seine Mittheilungen mehr zusammen. „Nach Emmanuele's Tode," sagte er, „schien der gute Geist und das Glück aus unserem Hause zu weichen. Ztierst traf es die beiden Frauen, von denen ich Euch gesagt habe, daß sie Schwestern waren. Sie waren gute nnd einsacke Seelen, sanft und nachgiebig. Ihr wiffet wohl, wie es;u gehen pflegt, wenn Utan junge zarte Bäumchen in einen dünnen Gartenboden setzt, der auf steinigem Grunde liegt. Sie gedeihen prächtig, tragen reiches Laub und Blürhen; aber sobald ihre Wurzeln auf den felsigen Untergrund treffen, neigen sie die Krone, ihr Laub welkt, sie verdorren. So erging es den beiden Frauen, und kaum waren Giacomo und Grazia geboren, als ihre beiden lieblichen Mütter;n welken begannen, und nach einander an demselben Brustleiden still und geräuschlos von dieser Erde schwanden. Bald nach ihrem Tode stellte sich all das Nebel heraus, was uns Vorbehalten war. Ans dem Sterbebette ihres Paters hatten Samuele und Lelio diesem geloben müssen, das Geschäft des Hauses, brürerlick verbunden, weiter zu führen, und sich niemals zu trennen. Hatte der gute Mann richtig oder irrthümlich genrtheilt? Er wußte, das; es leine größere Verschiedenheit von Charakteren geben kann, als die, welche seine beiden Söhne besaßen. Fürchtete er also, das; sie sehr bald auch in ihren Geschäften feindselig gegen einander anstrcten würden, wenn ihr Interesse sie nicht verbände? Bildete er sich ein, daß der gemeinsame Borlheil die Schärfen und Spitzen abschleifen würde, die zwischen Beiden unverkennbar waren? Der Jrrthnm war um so verzeihlicher, als unter seinem väterlichen Ansehen jeder Zwist unterblieben, oder doch nicht zum Ausbruche gekommen war. In meiner Jugend, Signor, war es noch nicht, wie ich cs jetzt nicht selten beobachtet habe. Die Kinder standen, selbst wenn sie erwachsen nnd verheirathet waren, unter der strengen Zucht deS Paters, und es siel ihnen nicht ein, sich dieser zu widersetzen, zumal in den jüdischen Familien. Alles, was an Gut vorhanden war, gehörte den Acltern, und die Kinder hatten nur ihren Nießbrauch davon. Samuele und Lelio dachten nicht darau, das zu brechen, was sie ihrem Pater gelobt hatten, aber cs wurde eine übcle Verbindung. Illach dem Tode seiner Fra» war Niemand mehr vorhanden, der auch nur den geringsten besänftigenden Einfluß anf die harte Seele Samuele's geübt Halle, der sich auch als Aeltcstcr eine unbeschränkte Macht in der Familie zuschrieb. Ach, ich hatte cs am Ehesten vvrausgesehcn, was kommen würde, denn ich hatte den wahren Samuele von Kindheit an kennen gelernt. Je mehr ich von /