Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1873)
- Date
- 1873-04-22
- Page
- Seite 274 (sequence 5)
- Language
- German
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274 Wir übergehen tie unbedeutenderen Veränderungen unseres Textes, wie „Aufschwung" statt „Entwickelung", „Schutz" statt „Bürgschaften" „die kraftvollste Lebensbedingung" statt „die lebenskräftigsten Bedingungen" — aber den Charakter einer wirklichen Fälschung trägt es an sich, wenn „das Vaterland" statt „uneingeschränkten Bestand" sagt „die Ausbreitung", und statt „die höchste Entfaltung" sagt „die Machtentfaltnng des Iudcnthumes." Es wird dadurch dem Indenlhnme die Sucht nach „Ausbreitung" und das Streben nach einer äußeren Macht insinuirt, während wir nur von Bestand und von der inneren Entwickelung des Iudenthumes durch seine Durcharbeitung und Klärung sprachen. Dies sind die Künste der Ultramontanen, um die Inden auf's Schmählichste zu verdächtigen. Dies sind Vcsste, welche sich für Vertheidiger der Religion und für Lehrer der Wahrheit ausgeben! -Zlntistik Judenthilmes in den im Ikidjsrntijc vertretenen Königreichen nnd Ländern Gestrcichs. Unsere Zeit duldet das Verschleiern der Wahrheit nicht. Tie entwickelte Kritik und die schroffe Gegensätzlichkeit der Parteien machen die sorgfältigste Darstellung der wahren Verhältnisse zur nothwendigen Forderung, und wen nicht die Wahrheitsliebe und der Forschungslrieb dazu drängen, den wird sein Gegner bald dazu nethigen. Uuotu loquuntur, „Thatsachen sprechen," und darum kann cs auch heißen >'muori loquiinfur, „Zahlen sprechen", denn Zahlen, richtig verstanden, zeichnen die Thatfachen in unwiderlegbarer Weise. Selbstverständlich machen es die Zahlen, welche der statistische Fleiß hcrbeischafft, an sich nicht; sie müssen belebt, vom Gedanken geordnet werden, um dann erst ihre bedeutsamen Folgerungen wissenschaftlich abzngeben. Unter dem in der Ueberschrisl angegebenen Titel ist vor Kurzern in Wien von dem Hosseeretär der k. k. Direetion der administrativen Statistik, G. A. Schimmer, eine Schrift herausgegeben worden, welche die vom Ministerium des Inneren angeordneten Erhebungen mit Benutzung anderweitiger Duellen hinsichtlich der eisleithanischen Iudenheil enthält. Der Minister hatte bereitwillig diese Erhebungen angeordnet, nachdem ihm der Wunsch der im Juli ISTl in Augsburg versammelten israelitischen Synode vorgetragen worden war. Es versteht sich von selbst, daß diese Schrift für uns sehr interesiante Daten enthält, und wir erfüllen nur eine Pflicht, indem wir hier das Wichtigste aus ihr hervorhcben. Dennoch wird uns hierbei weniger daö rein statistische Gelüste oder die statistische Curiosität leiten, als vielinehr das Verlangen, die sittlichen Zustände unserer Glaubensgcnossen, soweit dies aus dem gegebenen Materiale ermöglicht ist, zu erkennen. Und hier wollen wir sogleich auf zwei wichtige Resultate aufmerksam machen, die sich mit überzeugender Gewalt Herausstellen. Das eine ist: daß es nichts Ungerechteres giebt, als die Solidarität, mit welcher man alle Juden für Zustände belegt, welche sich irgend wo unter ihnen bemerklich machen, da wir schon in den an einander gränzenreu Provinzen des einen östreichischen Staates äußerst verschiedene sittliche Zustände unter den Inden erkennen. Es ist Nichts klarer. als die Ungerechtigkeit dieser Solidarität, wenn wir sehen, daß dasselbe sittliche Motiv bei den Juden des einen Kronlandes einen äußerst verschiedenen Proeentsatz aufweist, als im anderen, und daß nun der Procentsatz, wenn wir die Inden vom ganzen Eisleithanien zusammenfassen, ebenso weit von dem sehr günstigen des einen, wie von dem sehr ungünstigen des anderen Kronlandes entfernt ist. Das zweite Resultat ist: daß die sogenannte Orthodoxie, d. h. diejenige religiöse Richtung, welche an dem überkommenen Eeremonialwesen unveränderlich festhält, irgend welche Bürgschaft für den sittlichen Zustand der Bevölkerung nicht giebt, daß vielmehr diejenigen Landschaften, in welchen die jüdische Bevölkerung der modernen Culturbewegnng und der socialen Hebung zugänglich gewesen ist, die günstigsten sittlichen Zustände zeigen. Dies geht so unwiderleglich aus den statistischen Erhebungen hervor, daß es der Wahrheit in's Gesicht schlagen hieße, es mit Stillschweigen übergehen zu wollen. Im Verlaufe dieser unserer Skizze wird sich dies zeigen. Das ausgestellte Formular enthält folgende Fragepuncte: 1. Die Gemeinde. a) Zahl der Mitglieder, männlich, weiblich; b) Eultusbeamte: Rabbiner, Lehrer und deren Besoldung; c) Die Schule: ob Religions- oder auch Elementarschule, deren Beaufsichtigung, Anzahl der Schulkinder. 2. Immobilien. a) Synagogen, Anzahl derselben, Eigenthum oder Miethe; b) Schulhaus, Anzahl, Eigenthnm oder Miethe; c) Begräbniß. n. Wohlthätigkei tsanstalten und Vereine. Fonds und Stiftungen zu wohlthätigen und bildenden Zwecken. -1. Gesetze betreffs staatsrechtlicher Stellung, Gemeindestatuten, Synagogen- und Leichenbegängnißordnung. Glücklicherweise konnten 'in Eisleithanien die Fragen nach der gesetzlichen Stellung, sowie nach der Schulaufsicht, übergangen werten, da hier durch die Staatsgrundgesctze und die sogenannten interconsefsionelleu Gesetze jede Sonderstellung der Juden beseitigt ist. Die Zahl der Eultusgenossenschasten beträgt .VJO Eultusgemeinden und (>*.» Eultusvereine, welche letzteren eine Vorstufe zur Eultusgemeinde bilden. Die Zahl der Juden in diesen Ländern, einschließlich der in der Armee Dienenden, ist 822,220.