Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1873)
- Date
- 1873-04-22
- Page
- Seite 273 (sequence 4)
- Language
- German
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273 an sich, sondern vielmehr den ganzen Liberalismus Italiens, d. h. ganz Italien, mit Ausnahme der verhältnißmäßig sehrkleinen Schaar der blinden Anhänger res Ultramontanismus, meint. Was hat also dieses Manöver zu bedeuten? Das; sie Nichts weiter beabsichtigte, als abermals zu versuchen, das herrschende Regime in Italien dadurch in den Augen des Volkes verächtlich zu machen; daß sie es als die Obherrschast der Juden darstellt, ist nicht deutlich, denn sie hat dies, wie alle Organe des Ultramontanismus in allen Ländern, so oft schon und mit den größten Schmähungen geradezu gethan, als daß sie jetzt zu Umwegen zu greifen brauchte. Das Hauptgewicht liegt vielmehr allerdings in der Vorschützung einer möglichen Versöhnung, der sie jedoch im Herzen völlig abgeneigt ist. Der Schlüssel ist nicht schwer zu finden. Pius IX. war erkrankt; der Schrecken darüber hatte sich aller seiner Anhänger bemächtigt. Es schien also eine neue Papstwahl vor der Thüre zu stehen. Die Jesuiten wissen wohl, daß sich damit ein außerordentlicher Kamps eröffnen wird, und daß die Mächte, wie die Tinge jetzt stehen, die Sache nicht wieder werden gehen lassen, wie bei dem vatieanischen Eoneile, ohne ihren Einfluß zu üben, und ihre Einrede zu erheben. Deshalb auf einmal der Geist der Versöhnung gepredigt, um ihre Gegner ciuzuschläfern, oder milder zu stimmen; deshalb als Preis die Juden hingestellt, ein ihnen so gering düukeuder Preis, der für das Wohl der Ration und der Kirche leicht geopfert werden könnte? nebenbei noch die Beschränkung der Presse! Ties ist klar und einfach, aber die schlauen Väter hätten sich doch verrechnet, wenn sie die Welt mit so schwachen Künsten zu bethören rechneten. Sie erreichen nicht einmal, uns, die Juden, in Schrecken zu setzen. Wir wissen sehr wohl, wie es in der Welt aussieht, und welche unübersteigliche Kluft zwischen der Eurie und den Jesuiten einerseits, und der ganzen modernen Welt andererseits liegt, eine Kluft, die durch die Handvott Juden nicht ausgefüllt wird. Erst müßte die ganze Welt zum Mittelalter zurückgeschraubt werden, rann liefen freilich die Juden mit hinein. Inunerhin glauben wir, daß alle diese Anstrengungen der Ultramontanen in den Herzen vieler gläubigen Katholiken den Judenhaß von Neuem entzünden werden, und wir beklagen Ties sehr. Aber an der Entwickelung und dem Laufe der Dinge werden sie Nichts ändern. Lassen wir uns daher nicht davon berühren, sondern streben wir nur in allem Guten und Schönen rüstig vorwärts, und suchen die Mängel, die uns anlleben, immer mehr zu mindern! Als wir bis hierher geschrieben hatten, kam uns von Wien Nummer '.15 der dort erscheinenden Zeitung „Das Vaterland" vom li. April zu. Sie enthält einen Leitartikel: „Die deutschen Gelehrten und die Juden", in welchem das ultramontane Blatt die Behauptungen ausführt: Nur „deutsche Gelehrte", Friedrich, Michelis und Reinlens, hätten die altkathelische Bewegung hervorgernfen, aus ihrer Seite ständen alle deutsche Gelehrte, und diese wieder befänden sich sämmtlich unter der Herrschaft der Juden; die altkatholische Bewegung sei nur eine jüdische, und bei allen altkatholischen Versammelungen und Gottesdiensten bildeten die Juden die Mehrzahl. Wir würden diese Lügen und Absurditäten, die nur berechnet sind, den blinden Anhängern dieser Partei die ganze Betvegung noch mehr zu verdächtigen, und nebenbei Judenhaß auszuslreueu, ganz unerwähnt lassen, wenn nicht der Autor dieses Machwerkes sich in srechester Weise eine Fälschung gestattet hätte, die uns, und zugleich die erste israelitische Synode in Leipzig, berührt.. Bekanntlich hatten wir bei der ersten israelitischen Synode zu Leipzig (1 bu«i j eine Reihe von Resolutionen beantragt, welche von ihr einstimmig angenommen wurden. Die ersten drei lauteten: „Tie jüdische Synode erkennt das Iudenthmn.in Uebereinstimmung mit den Prineipien rer neueren Gesellschaft und des Rechtsstaates, wie diese Prineipien in, Mosaismns verkündet und in der Lehre der Propheten entwickelt worden sind, nämlich in Uebereinstimmung» mit dem Principe der Einheit des Menschengeschlechtes, der Gleichheit Aller vor dem Gesetze, der Gleichheit Aller in Pflichten und Rechten dem Vatcrlande und dem Staate gegenüber, so wie der völligen Freiheit des Individuums in seiner religiösen Ueberzeugung und rem Bekenntnisse derselben; die Synode erkennt in der Entwickelung und Verwirklichung dieser Prineipien die sicherndsten Bürgschaften für das Iudenlhum utid seine Bekenner in der Gegenwart und Zukunft, die lebenskräftigsten Bedingungen für den uneingeschränkten Bestand, und die höchste Entfaltung des Iudenthumes; die Synode erkennt deshalb in dem Frieden aller Religionen und Eonfessionen tuilereinander, in der gegenseitigen Achtung und Gleichbceechtigung derselben, sowie in dem nur mit geistigen Waffen und in streng sittlicher Weise geführten Kampfe um die Wahrheit Eines der großen Ziele der Menschheit." < S. Verhandlungen der ersten israelitischen Synode, Berlin 1 bGl». S. 12; unsere Broschüre: Zur Charakteristik der ersten jüdischen Synode. Berlin!$<;'.). S. 0). Tie z w eite dieser Resolutionen wird von dem „Vaterland" zilm Beweise dafür eitirt, daß die Juden nach der Herrschaft der Welt streben, und was macht es zu diesem Zwecke aus unseren Worten? Es eitirt die Worte folgendermaßen: „Der Eongreß erkennt, daß der Aufschwung und die Verwirklichung der modernen Prineipien der sicherste Schutz für die Gegenwart und die Zukunst des Iueenlhumes ist. Sie sind die kraftvollste Lebeusbedingnng für die Ausbreitung und für die Machtentsaltung des Iudenthumes." 17*