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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-04-22 · Heft 17 (22.4.1873) · p. Seite 272

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 17 (22.4.1873)
Date
1873-04-22
Page
Seite 272 (sequence 3)
Language
German
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272 Gegensatz ihrer Verkündigungen, eine Beschränkung ihrer Alleinherrschaft sah. Zu der Zeit ihrer unbedingten Herrschaft, nach Besiegung und Ausrottung aller Sccten, waren es die Juden allein, welche ihrer Fahne nicht folgten, sondern unverbrüchlich in dem Bekenntnisse des einzig-einigen Gottes beharrten. Gleich wie ihre Väter allein den Römern Widerstand leisteten zu einer Zeit, wo diesen vom Tweed bis zum Indus alle Völker sich beugten, ebenso unbeugsam blieben die Juden den Cremlingen gegenüber in ihrer väterlichen Religion. Nein, die Kirchengeschichte weist keinen Act des jüdischen Stammes nach, der als eine Handlung der Feindseligkeit gegen die Kirche gekennzeichnet werden könnte. Selbst die Polemik war stets nur von der Kirche provocirt. Ter Grund 'ihres Hasses kann daher nur in der bloßen Existenz dieser, in ihren lehren ihr widersprechenden Religion und der Bekenner derselben liegen. Denn in dem Augenblicke selbst, wo die Kirche als solche die Herrschaft über das römische Reich erlangte, begann sie ihren Vernichtungskampf gegen die Juden: der erste christliche römische Kaiser, Konstantin/ war es, der die Ausschließung der Juden aus dem bürgerlichen Rechte, hiermit aus der Gesellschaft, aus rem menschlichen Gesammtleben, mit einem ersten Ediete im Jahre 32 l begann; die Eoncile und die Päpste trieben die Dinge immer weiter. Die Kirche war es, welche von den Herrschern stets die immer engere Einschließung, immer drückendere Beschränkung der Juden forderte, von welcher am Häufigsten ihre blutige Verfolgung, ihre örtliche Ausrottung, ihre Vertreibung ans dem Lande ausging. Es ist dies Alles so notorisch, so von der Geschichte bezeugt, daß wir Beispiele nicht anznsuhren brauchen. Sobald in der Kirche irgend ein lebhafterer Impuls sich fühlbar machte, siel es immer mit furchtbaren Schlägen für die Inden zusammen; wo ein. Volk mit seiner Hcrrscherfamilie der kirchlichen Bigeterie in die Arme siel, da slanuuten auch die Scheiterhaufen für die Juden auf. Unter diesen Umständen wird man fragen: Warum eine völlige Ausrottung der Inden in den von der Kirche beherrschten Ländern nicht ftattgefunden hat, da eine größere Schonung, als z. B. gegen die Arianer oder die Waldenser, von ihr für die Juden nicht zn erwarten stand? Tie Hanptnrsachc finden wir in dem Umstande, daß die Juden schon längst in allen Ländern vorhanden waren, bevor das Ehristcmhum überhaupt sich in ihnen ansbreitete, und die Kirche insbesondere die Herrschaft über sie erlangte. Ein schon vorhandenes und eingebürgertes Element rottet man nicht so leicht aus, wie ein neu anlangendes. Die zweite Ursache lag in der Zerstreuung und Zersplitterung der Juden, denn die Menschenliebe und den Abscheu vor Mord kann dogmatischer Fanatismus nicht an zahllosen Orten zu gleicher Zeit überwinden, und so sinket an dem einen Orte Schonung und Zuflucht, was am anderen verfolgt und vernichtet wird. Nachdem der Geist deö Rechtes und der Humanität ihr, der Kirche, die blutigen Waffen entrungen, und die Scheiterhaufen gelöscht hatte, drang sie stets darauf, die Juden wenigstens in der Ausschließung von allen bürgerlichen Rechten, und in die Ghetti eingeschlossen, zu erhalten. Dieses Verlangen thcilte mit der römischen auch die evangelische Kirche, und noch jetzt sehen es die protestantischen Pietisten als eine Verletzung „deö christlichen Staates" an, daß den Juden die Gleichberechtigung gewährt worden ist. Wie der Syllabus abermals von katholischkirchlicher Seite ras Verrammungsurtheil über die Gleichberechtigung aller Eonfessionen im Staate ausgesprochen hat, brauchen wir nur in Erinnerung zu bringen. Hier hilft also keine Beschönigung. Glücklicher Weise besteht ein großer Unterschied zwischen dem Rechtsbewußtsein der Katholiken und den Lehren der Kirche, und so konnte selbst in den Staaten, in welchen die große Mehrzahl dem katholischen Bekenntnisse angehört, die Gewissensfreiheit und Gleichberechtigung der Eulte zu den Grundsätzen der modernen Gesellschaft werden. 'Aber darüber kann kein Zweifel bestehen, daß, sobald die Kirche wieder zur Herrschaft über den Staat gelangte, die Ausschließung der Inden, wenn nicht noch Härteres, abermals mit möglichster Strenge ausgeführt würde; der Syllabus hat dies dogmatisirt, der Papst und die ultramontauen Organe sprechen es täglich aus. Kouuucu wir nun zu obiger Auslassung der „Voce della Veritü". Ter Inhalt derselben ist: es könnte eine Versöhnung zwischen der Curie und Italien stattsiudcn, dann müßten aber die Juden ihre Rechte verlieren, und in die Ghetti zurückgestoßen werden. Zunächst fällt es Jedermann auf, daß hier von der Möglichkeit einer Versöhnung der römischen Eurie mit Italien die Rede sei, .ju zweit, daß der alleinige Preis die Aufopferung der 30,<>00 Juden unter 22 Millionen Italienern sein solle. Dies allein genügt schon, die ganze Expectoration als ein bloßes Manöver kenntlich zu machen. Zwischen der römischen Curie und dem Königreiche Italien wäre eine Versöhnung nur um einen ganz anderen Preis möglich: die Rückgabe Roms, und wenigstens eines Theiles des chenialigen Kirchenstaates, die Zurückstellung der Kircheugüter, und die Beseitigung der Enltussreiheit, wozu dann die abermalige Unterdrückung der Juden gehörte. Dies Alles müßte zugleich unter Garantieen gestellt werken, welche eine Rückkehr der gegenwärtigen Zustände so gut wie unmöglich machten. Ties Alles könnte Italien nur gewähren, wenn cs von einer äußeren Macht besiegt und völlig niedergeworfen wäre. Dann aber wäre es keine Versöhnung, sondern totale Niederlage auf der einen, Sieg und Triumph auf der anderen Seite. Tie Macht und der Einfluß der Juden in Italien reduciren sich auf ein höchst geringes Maß: ein Dutzend Männer, die zu Amt und Ehren gelangten, eine geringe Anzahl Schriftsteller, und einige wenige Reiche, während die Masse der Juden arm ist. Schon daß im Verlaufe die Voce ihre Forderung aus die liberale Presse ausdehut, diese unterdrückt wissen will, und sie als „Iudenpresse" bezeichnet, erweist, daß sic durchaus nicht die Juden

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