Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1873)
- Date
- 1873-04-15
- Page
- Seite 265 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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265 damit es nicht ferner darin als heimliches Gift wühle! Ha, und dieser Samuele, dieser grausame, schreckliche Mensch, der auch mein Leben vergiftet hat, was soll ich ihn schonen? Za, Signor, ich will es Euch erzählen, ich will Euch Alles erzählen, denn indem ich es Euch erzähle, glaube ich es keinem Anderen, als ihm selbst, meinem Giacomo, zu erzählen, der es aber selbst schon weiß .. ." Jsacco hatte sich wie in einem plötzlichen Entschlüsse aufgerichtet, eine Röche war ihm in das bleiche Antlitz gestiegen, und seine Augen schienen wie von einem inneren Feuer belebt. Er wollte eben beginnen — da fuhr mit Einem Male ein großer Stein durch das eine Fenster gerade auf Jsacco los, und hätte ihn fast getroffen; ein anderer folgte diesem, und wieder andere flogen herein, daß wir erschrocken anfsprangen und in die Winkel des Zimmers uns flüchteten. Zu gleicher Zeit erhob sich ans dem Hofe eine gellende kreischende Stimme: „Schurke, Schuft, verrätherischer Jsacco! Du hast einen Fremden bei Dir, Du erzählst ihm Geschichten aus dem Hanse, das Dich genährt Tein Lebelang! Herunter mit Dir und dem Galgenstricke, den Tu herbergst. Herunter mit Euch, Räuber, Mörder — oder ich rufe die Nachbarn und die Polizei!" Wieder flogen Steine durch das eine Fenster, an welchem -Jsacco gesessen hatte, und einer traf ihn schwer am Arme. Ter bleiche alte Mann ries mir zu: „Da hilft Nichts weiter; gehen wir hinunter, giebt es ein Unglück. Schaut doch, Signor, zu dem anderen Fenster hinaus, seht auf den alten Mann ..." Ich that, wie er gesagt. Ich beugte mich zum Fenster hinaus. Ich sah einen alten verwitterten Menschen nnt gekrümmtem Stücken, sonst aber noch von straffer Haltung. Er war in einen alten Soldatenmantel gehüllt, von dem hier und da schon Fetzen hcrunlerhingcn. Er hatte eben wieder Steine aufgehoben, und schrie und tobte weiter; sein fahles, zusammengepreßtes Gesicht war empvrgerichtet, und seine Augen rollten in furchtbarer Leidenschaft. Aber kaum hatte er mich erblickt, als er einen schrecklichen Schrei ausstieß: „Giacomo, er ist da, er ist endlich da! . . ." Die Steine entfielen seinen Händen, erbrach zusammen und siel aus den Steinhaufen, von dein er seine Geschosse genommen hatte. Ich fuhr in das Zimmer zurück, und rief Jsacco zu: „Euerem Herrn ist ein Unglück geschehen, er ist auf dem Boden zusaulmengesunken, wir müssen ihm Hülfe bringen!" Jsacco eilte hinaus, über den Eorridor, die Treppe hinunter, durch die Flur nach dem Hose. Ich folgte ihm aus dem Fuße. Da lag der Greis aus dem Steinhaufen, regungslos, bewußtlos, die Hände krampfhaft nm die Steine geschiungen, die Angen starr, der Mund geöffnet, vor dem sich Schaum sammelte . . . Jsacco schüttelte ihn, rief ihn, aber der Körper blieb bewegungslos. „Er ist todt!" rief ich aus. „Rein, nein," erwiederte Jsacco, „dieser Schlag hat schwer getroffen, er hat ihn verdient, aber er lebt noch, kommt, helft mir ihn aus sein Lager bringen." Wir trugen ihn in's Haus, rechts in sein Zimmer, und legten ihn auf sein Bett. Jsacco holte Wasser, besprengte den starren Körper, rieb ihn, und suchte auf -alle Weise ihn zum Leben zurückzubringen, ohne Erfolg. Ich sah mich unterdeß in dem Gemache um. Ich mag nicht schildern, was ich gewahrte. Armuih und Entbehrung, mit Schmuz verbunden, sahen in widerwärtiger Weise aus Allem hervor. Jsacco wandte sich zu mir und sprach: „Ihr wundert Euch; noch größer wäre Euere Verwunderung, wenn Ihr in diese festverschlossenen Truhen und Schränke blicken könntet: sie sind alle bis zum Rande gefüllt mir Gold und Golteswerth. Ich möchte sie um keinen' Preis anrühren, es kleben zu viel Seufzer und Thränen daran. Doch was soll's? Habt die Güte, Signor, und gehet, drei Häuser von hier rechts tvohut ein Arzt, holt den schnell zur Hülse; gehet, und kommt, ich bitte Euch, nichr wieder. Käme dieser Mann wieder znr Besinnung und sähe Euch, so wäre er des Todes. Gehet, und reiset nach Euerer Heimath ab, was hättet Ihr noch hier zu suchen?" Ich that, wie der alte Diener mir geheißen hatte. Ich fand den Arzt zu Hause und forderte ihn auf, sich schleunigst zu Samuele Basso zu begeben, den ein Schlaganfall betroffen habe. „Ei, ei," sprach der würdige Jünger Aesculaps, „hat es den alten Sünder endlich erreicht; er hat mir, so lange ich in Porlezza wohne, keine Lira zu verdienen gegeben, jetzt soll er ordentlich heran." Damit zog er seinen Rock über, nahm feinen Jnstrinnentenkasten und schickte sich znm Fortgehen an. Ich eilte fort. Die zweite Hälfte dessen, waö mir Jsacco gesagt-hatte, wollte ich nach kurzem Ueberlegen nicht erfüllen. Der alte Mann, sein Berhältniß zu seinem Herrn, dieser selbst, dem ich ohne mein Wissen einen so harten Schlag verursacht hatte, die ganze dnnkele Geschichte dieses Hauses, flößten mir so viele Theilnahme ein, daß ich den Ausgang abzuwarten beschloß. Ich ging nach dem Wirthshause am Hafen, wo meine Effecten sich befanden, und ließ mir ein Zimmer geben. Tech nicht lange duldete es mich hier. War doch noch ein Fleck in dieser liegend, der mich besonders anzog. Ich wollte den alten, verlassenen Judenfriedhof aufsuchen. Die Wirthslente meinten, daß ich mich nicht hinzufinden vermöchte, da es gar keinen geebneten Weg dahin mehr gebe, und gaben mir einen Knaben znm Führer mit. Es ging nördlich der Stadt in die Höhen hinein, die sich über einander erhoben. Ter Fußpfad verlor sich im Gestrüppe, und es galt theils steile Hügel erklettern, theils sie umgehen. Die Flur hörte auf; aus Nußbaumpslanzungen folgten Eastanienwälder, und auf diese Nadelholz, das nackte Gestein trat zu Tage, und große Felsblöcke lagen zerstreut, und versperrten den Weg. So waren wir wohl eine St rinde rastlos emporgestiegen, als der Knabe sagte: „Hier noch um diese Felsenecke, und wir sind da; aber erst, Signor, schauen Sie sich hier einmal um." Wir standen uns deili kleinen Plateau eines vorspringenden Berges, und als ich einige Schritte vorwärts getreten, öffneten sich die davor iü*