Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1873)
- Date
- 1873-04-15
- Page
- Seite 266 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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266 liegenden Berge, und der Blick lief frei über eine weite Landschaft. Unten lag der ganze Spiegel des blauen Seees fast in seiner ganzen Ausdehnung, rechts hin breit nach Lugano laufend, links mit seinem südlichen Arme in die grünbewaldeten Berge eindringend. Rings mn seine User Städte und Dörfer, Billen und Capellen, die überall weist aus dem grünen Gebüsche und den dunkelen Eastanienwäldern hervorblickten, hohe bewaldete Berge, die der Landschaft neben der Anmurh die Majestät verliehen. Dort der schön gerundete San Salvadorc, hier der Doppelhöcker des Monte Eamoghe, der sich hoch in den Himmel erhebt; und als ob der Gegensatz nicht fehlen sollte, traten am nördlichen User die kahlen Felswände und Klippen bis in den See hinein, dem Menschenfuste selbst den schmälsten Pfad versagend. Der lichtblaue Himmel, der goldene Sonnenglanz, übergosien das ganze Gemälde mit einem unendlichen Lichtschimmer, daß das trunkene Auge von einem Ende des Bildes zum anderen schweifte, und sich nirgends sättigen konnte. Bon unten schlug das ferne Rauschen der Wellen, die sich an den Felsen brachen, herauf, und durch die Wipfel der nahen Waldung flüsterte ein milder Ostwind; sonst war es still und geräuschlos, und vom Lärme der Menschen drang Nichts in die Höhe. Nachen und Schisse wie Nußschalen sah man die Fläche des Seees durchkreuzen, aber man vernahm keinen Laut von ihnen. Wie lange ich da stand, staunte und genoß, weiß ich nicht. Endlich rührte der Knabe leise meinen Arm an, und sprach: „Signor, hier um diese Ecke ist rer Judenfriedhof, ich habe keine Zeit mehr zu verweilen, ich must zurück, die Zeit der Schule ist da." Er hatte mich aus meinen Träumereien geweckt, und in die Wirklichkeit zurückgcrusen. Ich verabschiedete ihn, und wandte mich mn die bezeichnete Fels kante. Ta lag das Gräberfeld vor mir. Welch ein Wechsel! Dort der Schauplatz der Schönheit und des Lebens, hier Alles Oede und Dev! Ein kleines, völlig abgeschlossenes und verstecktes Thälchen, von Bergtrümmern ganz umgeben, von Gestrüppe und üppigen Schlingpflanzen theilö umfaßt, theilö eingenommen, eine Welt für sich, aber eine Welt des Schweigens und der Wüste. Früher mochte Mauer und Portal die Gräberstätte eingeschlossen und geschützt haben; nur wenige Zieste und Steinhaufen zeugten davon. Man konnte die Grabhügel noch unterscheiden, aber sie waren unförmlich geworden, und zum Dhcile tief eingesunken. Reste und Stücke von Grabsteinen lagen überall zerstreut umher. und nur wenige standen noch aufrecht, aber tief in die Erde gesunken, so daß nur der obere Theil aus dem Boden ragte und verwitterte, unlesbare Schristzüge zeigte. Bon Ordnung, von planmäßiger Benutzung mußten auch die Inden von Porlezza aus ihrem Friedhofe Nichts gewußt haben, denn selbst in diesen traurigen Uebcrresten verriet!) sich keine Spur von Ordnung. Es ist merkwürdig, unsere Väter hatten und übten die außerordentlichste Pietät für die Leichen ihrer Verstorbenen, aber für die Gräber sehr wenig. Mein Auge schweifte über das ganze trübselige Feld, und da erblickte es in der nordöstlichen Ecke zwei Grabsteine, die weißgetüncht und mit goldenen Buchstaben ihm entgcgenglänzten. Ich richtete meine Schritte dahin, und fand sie auf zwei wohlgcpflegten Gräbern dicht neben einander. Keine Zierpflanzen, keine Blumen darauf, wohl aber frischer Rasen, und hinter den schief gelegten Tafeln eine Trauerweide. Auf den Grabtaseln las man nur die hebräischen und italienischen Namen, auf der einen Giaconio, aus der anderen Grazia. Das waren die Namen, die ich heute schon wiederholt gehört hatte. Hier lagen die sterblichen Ott'ftc zweier junger Menschen, die, wie ich ahnte, im Leben getrennt werden sollten, nun im Tode vereinigt waren. Wie mich die Inschriften noch belehrten, waren bereits, zwanzig Sommer über diese Grabhügel hinweggezogen. Aber sie sahen noch so frisch aus, als wären sie vor Monden gewölbt worden. ' Hier mußte treue Liebe gewacht haben, während sonst überall hier nur Vergessenheit und Gleichgültigkeit gewaltet hatte. Ich setzte mich auf einen Stein dicht an diesem Gräberpaare nieder, und überließ mich meinen Gefühlen und Gedanken. Wie lange noch, sagte ich mir, und auch das treue Herz Jsacco'S hat ausgeschlagen, und dann ist das Gedächtniß dieser Edelerp unter den Menschen erloschen, und ihre Gräber werden verfallen, ' eie Trauerweide verdorren, und die Steintafeln verwittern und zerbreckwn. Und warum nicht? Was hätten diese voraus vor all den Geschlechtern, deren Staub sich hier mit rem Staube rer Erde vermischt hat? Haben nicht Alle in gleicher oder ähnlicher Weise gekämpft und gelitten? Was ist das Leben der Menschen anderes, als eine längere oder kleinere Frist zwischen den beiden Augenblicken des Werdens und des Vergehens, zwischen rem ersten und dem letzten Schlage des Herzens? All die Milliarden werden geboren, und in der Erde gebettet, und sind vergessen. Selbst die lauttönende Geschichte, was anderes ist sie, als die schwache Stimme der Geister, die über die Fläche der Erde schweifen, und die von diesem Ohre so, von jenem so verstanden werden? ... Ja. setzten sich meine Gedanken fort, auf solchem Felde des Todes und der Vergessenheit steht dem Menschen nur ein Scheideweg offenentweder es ist Alles Staub, die ganze Welt nur Staub, von mechanischen Kräften beherrscht, Alles Zufall, und nichtig an Wesen — oder es ist ein Gott, der in seiner unendlichen Hand die Geister aller Menschen trägt, und sie von der Fläche dieser Erde erhebt in das unermeßliche Weltall! Was wollen dann die kurzen Schmerzen des Erdeulebens heißen? Seine Liebe hat die Liebe in unseren Herzen entzündet, und seine (Gedanken haben die Gedanken in unseren! Geiste geweckt . . . Die Vergessenheit gehört der Erde, das ewige Gedächtnis; dem Reiche deö Lichtes an ... Ich sah hinauf zu dem Stücke blauen Himmels, das sich über dem engen Gräberthale wölbte, und eine lichte Wolke segelte daran hinweg, welche einen Augenblick die strahlende Sonne verdnnkelte, aber silbernmsäuint sie bald wieder strahlen ließ. Und der Gedanke, ,