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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-04-15 · Heft 16 (15.4.1873) · p. Seite 259

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 16 (15.4.1873)
Date
1873-04-15
Page
Seite 259 (sequence 5)
Language
German
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259 nicht den gefährlichen Charakter angenommen haben, den man von Frankreich aus vorausgesagt, und wahrscheinlich auch gewünscht hat. Die Gemeinden haben durch Auswanderung in ihrem Bestände durchaus nicht gelitten, ihre Institutionen sind sorgfältig aufrecht erhalten worden, und die deutsche Negierung läßt ihnen alle Pflege zukounncn, die sie nach dem Gesetze beanspruchen können. Stuttgart, 1. April. lPrivatm.) Die unruhigen Tage, die unsere Residenz jüngst gesehen hat, sind, Gott sei Dank, vorüber; es ist Alles in das gewohnte Geleise zurückgekehrt, und außerdem, daß sich die Gerichte mit denjenigen Schuldigen, welche zur Hast gebracht worden sind, und deren Zahl freilich gegen die der wirklich Betheiligten nur gering ist, 311 beschäftigen, auch bereits einige zu Gefängnißstrafen verurtheilt haben, sowie daß der angerichtete Schaden zu ermitteln, und die Entschädigung festzusetzen ist, sieht hier Alles wieder aus, als ob eben gar Nichts geschehen wäre. Sic erlassen nur, Ihnen die Details zu schildern, da die Zeitungen schon mehr als genug gebracht, und sich auch hierin mancher Uebertreibnng schuldig gemacht haben. Weder waren im Ganzen die Juden so bedrohet, noch hat man ihnen gewissermaßen absichtlich den Schutz verweigert, wie es manche Correspondenzen ausgestreuet haben. Natürlich stehen dem Juden, wenn ein Volksaufruhr seine Spitze gegen ihn zu richten den Anschein hat, so viele schreckliche Bilder aus der Vergangenheit vor der aufgeregten Phantasie, daß ihm eine tiefe Beängstigung alsbald nicht zu verdenken ist. Irgend ein voraus meditirter Anschlag gegen die Juden fand um so weniger statt, als nur der zufällige Umstand, daß der anläßliche Streit mit einem Soldaten in dem Laden eines jüdischen Kleiderhändlers vor sich gegangen war, die Juden überhaupt dabei auf's Tapet brachte. Ter Charakter der Pöbelaufläufe liegt dann diesmal nur in der Plünderung eines anderen jüdischen Kleiderladens, und in dem Einwerfen einiger Fenster an Häusern, die von Juden bewohnt werden. Die eigentliche Erbitterung war gegen die Polizei gerichtet, welche sich ebenso tactlos offensiv, wie unfähig, den Aufruhr zu bewältigen, erwiesen hat. Tie Verwaltung überhaupt zeigte sich schlaff und kopflos. Daß die ganze Erregung an sich gegenstandslos war, und mir zufälligen Impulsen folgte, zeigt sich darin, daß die Zusammenläufe schließlich wie aus Ermüdung, nachdem der Reiz der Neuheit vorüber war, und auf das Zureden der Bürger, sich verlor. Im Allgemeinen lasten sich daher aus dem Geschehenen nur die Lehren ziehen, daß die Polizeiverwaltung eine bessere Organisation erhalten müsse, daß in allen größeren Städten stets ein zu Unruhen geneigtes Volksclement vorhanden ist, in welchem sich einige Langsinger, die bei Gelegenheit das Eigenthum Anderer sich anzueignen bereit sind, befinden, und daß die Solidarität der Juden im Volksgeiste noch lange nicht aufgehört hat. Dstrowo, 30. März. < Privatmittheil, l Mit Vergnügen haben wir hier aus-Nr. It Ihrer Zeitung ersehen, daß unsere Glaubensbrüder im fernen Peru der, durch die Katastrophe am letzten Verföhnnngsabende, hier Verunglückten so liebevoll und wcrkthätig gedacht haben. Es gilt dabei nicht allein die Hülfe, die gebracht wird, sondern auch das Bewußtsein, daß das Zudenthum noch immer die alte Kraft bewährt, auch die Herzen seiner, in weitester Ferne ansässigen, Bekenner zu Werken der Barmherzigkeit anzufeuern, daß das brüderliche Band, welches aus der gemeinsamen religiösen Ueberzeugung seine starken Fäden zieht, an Kraft und Dauerhaftigkeit Nichts verloren hat. Je lebhafter dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit sich bei jedem unglücklichen Vorfälle bethätigt, desto mehr, glauben wir, muß es dadurch sorgfältig gehütet werden, daß die Erfolge desselben mit größter Besonnenheit und Umsicht verwaltet, und zweckmäßig benutzt werden. Die Oesfentlichkeit ist hierbei die beste Pflegerin, von der einen Seite, daß durch das Bekannlwerden der Spenden bei solcher Gelegenheit, sowie durch die Mittheilung über die Verwendungsweise, das allgemeine Gefühl der Wohlthätigkeit genährt und angefeuert werte. Nach dem hier stattgefnndeuen Unglücke trat ein Comitv höchst achtbarer Männer zusammen, in deren Hände die Spenden sicher gelegt waren. Die Summe belief sich auf 3<»00 Thaler. Diese Gelder nun hat das Comitö zinsbar angelegt, und für deren Verwendung den Grundsatz angenommen, daß nur die Zinsen davon für die aus dem Unglücksfalle hervorgegangenen Waisen verwendet werden, das Capital aber als eiserner Fonds zurückgelegt, und davon auch für die, durch den Tod, oder durch hcrbeigesührte Arbeitsunfähigkeit ihrer Frauen, resp. Mütter, schwer heimgesuchten Greise, resp. Familien, Nichts hergegeben werde. ES fragt sich nun, ob dieses Verfahren das richtige sei? Tenn wozu soll das Capital mit Fug und Recht verwendet werden, wenn diese Waisen herangewachsen und selbstständig geworden sind, während die durch den Unglücksfall hülfles gewordenen (Greise gestorben sein werden? Ferner würde in einigen Fällen gerade der jetzt leer ausgehenden Kategorie die Ertheilung eines kleinen Capitales eine wesentliche Abhülfe der Roth bringen. Diese schwer wiegenden Fragen könnten vielleicht das Comitö bewegen, sich über die angenommenen Grundsätze noch einmal schlüssig zu machen. Allerdings kamen auch an den hiesigen Gemeindevorstaud vereinzelte Gaben, die, nach der voranosetzlichen Meinung der Geber, zur Stillung der augenblicklichen Noch verwendet wurden, was allerdings in nicht genügendem Umfange geschehen konnte. Aus Würtemberg, 3. April. (Privatmitth.) Die wiederholten Versuche, eine Reorganisation der israelitischen Kirche in Würtemberg herbeizusühren, haben bisher zu diesem Ziele'nicht zu führen vermocht. In der That befindet sich die große Maste der Israeliten bei dem Status quo auch ganz wohl, und möchte unsere geordneten Zustände um keinen Preis mit jenen Zuständen vertauschen, wie sie in anderen Ländern zu Tage treten. Nur die beiten Extreme, Hyperorthodoxe und Neologeil, die das amuuthige Bild des Psalmisten von dem einträchtigen

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