Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1873)
- Date
- 1873-04-15
- Page
- Seite 257 (sequence 3)
- Language
- German
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257 zum Jubel res Geretteten, des vor umringenden Feinden Geschützten. Zn den Sprüchen kommt nichts Anderes zum Ausdrucke, als wie sich Gottesfurcht und Liebe zur Gerechtigkeit in den realen Verhältnissen des Lebens bethätigen. Das große religionsphilosophische Problem, welches das Buck Hiob zu lösen sucht, wird an eine Persönlichkeit und ihre Erlebnisse geknüpft, und die streitenden Theoreme werden durch Individuen repräsentirt, Greise und einen Jüngling, denen die Schlußbelehrung Gott selbst hinzufügt. Selbst das rein poetische Hohelied gipfelt in dem realistischen Satze: „Nicht vermögen die Liebe viele Wasser zu löschen, Streme nbcrsluthen sie nicht: so Jemand gäbe seines Hauses ganze Fülle um die Liebe, man würde sein nur spotten" (8, 7). — Hierzu erwäge man, daß der gesammte Inhalt der heiligen Schrift auf der breiten Unterlage der Geschichtserzählung ruht, so daß alle Blüthen und Blumen der Lehre, der Poesie und Philosophie, wie im grünen Rasen der Bolksgeschichre gebettet sind, und die Versenkung des Ideales in den gestaltungsvollen Realismus innerhalb des israelitischen Volksgeistes wird nicht zweifelhaft sein. Anderer Natur ist die talmudische Entwickelung. Hier treten Idee und Ideal gänzlich zurück, und, etwa wie ein Gegensatz zum Prophetismüs und den poetischen Schriften, ist hier Nichts als nackter Realismus. Tie Religion wird im Talmud, wie wir an anderen Orten ausführlich erwiesen haben, zum Jus. nimmt den Charakter des Rechtes, der Rechtsverpflichtnng und Rechtserfüttnng an, also die realistischeste Teuren;. Jeder Gedanke, jedes Gefühl wird zu einer Handlung, wäre es auch nur zu einer symbolischen, jede GewissenSpslicht zu einem Minimum oder Maximum einer festgesetzten Bethätigung. Das Bezeichnendste hierbei ist, daß die talmudische Richtung zur Anshnlfe zu Dem zurückkehrt, was in der Kindheit der Menschheit das Ursprüngliche war, nämlich znm Symbole. War aber ursprünglich das Symbol Hülse der keimenden Idee, also für eine so späte Zeit nur Zeugnis; einer Flucht vor der Idee, so hatte eben in dieser späteren Zeit das Symbol jede ursprüngliche Idee verloren, und daö talmudische Symbol wird zu einer faetischen Handlung, die buchstäblich vottführt wird ohne alle Idee, wir meinen B. die Erubin. Es versteht sich, daß die höchsten und letzten Jreeen der Religion, wie sie überliefert waren,' bestehen blieben, aber sie wurden nicht weiter verfolgt, sondern viel eher redueirt, und in der Satzung selbst die Conseguenzen der bestehenden Formeln mit äußerster Schärfe gezogen, nicht aber die Principien festgehalten, und von diesen aus die weitere Entwickelung mit Berständniß und logischer Strenge genommen. Was an Jdeeen nach Ausdruck und poetischer Gestaltung rang, begnügte sich mit der realistischen Form, dem Gleichnisse, der Gleichnißanckoote, Parabel, Allegorie, Fabel und dem Sprüchworte. Dies ist Alles, was von Philosophie, Poesie und Beredsamkeit im Talinudismus übrig blieb. Daß diese in der nachtalmudischen Zeit aus arabischen und classischen Impulsen wieder erwachten, und die fühlbaren Lücken auSzufülten gestrebt ward, ist bekannt; allein im großen (Ganzen verfolgte rer Rabbinismns die Wege des Talumdismus getreulich, nur in völliger Abhängigkeit von diesem, und das Volk füllte Tas, was ihm nicht gereicht ward, durch Innigkeit der Gefühle, religiöse Inbrunst, Familienliebe, Wehlthätigkeit und Gcmeinsinn im kleinen Kreise ans. Es ist ein sichtlich, daß das moderne Judenthnm, auf Grund rer gänzlichen geistigen Umwandelung innerhalb der west- und mitteleuropäischen Juren, in den Gegensatz versetzt werden mußte, ras; es die völlig ausgenlltzte Form zwar nicht abwarf, aber sprengte, nur die gesangengehalreue Idee freimachte. Mit Einem Worte: das moderne Jnrenthum kehrte zum Lehrunr Gedanken inhalte , wie er in rer ganzen bisherigen Entwickelung vorbandcn war, wieder zurück, stellte die Jree und ihre Durcharbeitung als seine besonderste Ausgabe hin, und erhob sie bis zum Idealismus. Es ist sehr bemerkenswerth. daß das moderne Jndenthum hierbei von Tein ansing, waS gewissermaßen das Endziel, des .Prophetismüs gewesen ist, von der Messiasidee und der Verallgemeinerung der Gotteölehre für die gesammte Menschheit. Es erheb und erweiterte die Borstellnng eines persönlichen Messias zu der Lehre von der mefsianischen Zeit, wie sie neben der ersteren auch schon' in der Prophetie gegeben war, und zwar als des Endzieles der mcnschengeschlechtlichen Entwickelung. Bon hieraus begriff es die ganze Existenz res jüdischen Stanuneö als eine Mission der Gotteslehre für das ganze Menschengeschlecht, und alle feine geschichtlichen Phasen als stufenweise Erweiterungen in dieser Mission. Hiermit war die Idee an die Spitze und in den Vordergrund des ganzen religiösen Lebens getreten, und forderte ihre Durcharbeitung und die Versenkung derselben selbst in die religiösen Formen, wie diese sich erhielten. Cs ist also nicht zu verkennen, daß in rem Kreisläufe, welche,. ia der Religion, ebenso wie in der Philosophie, immer wieder, aber in stets weiteren Kreisen durchlebt wird, das moderne Judenthnm, gleich dem Prophetismüs, dahin gelangt ist, den Idealismus zu seinem Inhalte und zum Lebensmiltelpnncte zu haben. Judeß auch hier erweist sich, daß der realistische Grnndzng des Judenthumes sickgeltend tnacht, und zwar in dreifacher Beziehung. Zuerst daß die Geistesarbeit sich sofort vorzugsweise aus die Geschichte des Judenthumes warf. Gerade diese war in der' talmudifch-rabbinischen Zeit gänzlich vernachlässigt worden, und der geschichtliche Sinn verloren gegangen. Im Gegensätze richtete sich die jüdiftbe Forschung jetzt in umfassendster Weise auf die Geschichte nach allen ihren Beziehungen. Den ideellen Anknüpfungspuncl hierfür haben wir schon angedenrct. Diese geschichtliche Forschung, deren realistischer Charakter Jedem in's Auge springt, drängte sogar die Bearbeitung des Lehrinhaltes, also die dogmatische Behandlung, zurück. Tann daß man sich von der, durch das Chrislenlhum eingesührten und hergebrachten Trenunug. der Sittenlehre von den Grundgesetzen der Gesellschaft frei machte, und aus der abgegränzten Religion des Individuums wieder aus der» 16*