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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-04-15 · Heft 16 (15.4.1873) · p. Seite 256

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 16 (15.4.1873)
Date
1873-04-15
Page
Seite 256 (sequence 2)
Language
German
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256 und des Jenseits, die Verachtung des Diesseits, seiner Werke und Güter, die Nächstenliebe bis zur höchsten Selbstverläugnuug, die Demttlh bis zur vollsten Hingabe an das Unrecht als Gegenstände des Leidens, der Glaube als Gnade (Lottes — und in seiner Gestaltung kam eS zum vollendeten Realismus, da es kein Mittel schenete, seinen Glauben den Bellern ansznnöihigen, seine Kirche die Schätze der Erde beanspruchte, und nach der Herrschaft über die Menschen, über die ganze Gesellschaft, über den Staat verlangte, Zucht und Straft auszuüben sich anmaßt». Andererseits sind überall selche Gestalten anzntressen. welche sich sür rein realistisch geben, und dabei doch nur ein Ideal verfolgen, dessen Erreichung sie mit dem Aufwanre aller ihrer Kräfte anstrcben. Greste Staatsmänner pechen daraus, das; sie Realpolitiker seien, die überall mit den gegebenen Verhältnissen rechnen, und wenn cS ihnen pastt, bald diesem, bald jenem Principe huldigen, itud dennoch sind sie selbst von einer einzigen Idee beherrscht, deren Erfüllung sie Alles unterordnen, Alles opfern, selbst ihre eigene Vergangenheit, ihre eigenen früheren Grundsätze und Ansichten. Es wird daher von großem Interesse für uns sein, die Frage zu beleuchten: welcher A'atur war und ist das Iudenthum? Ist sein wesentlicher Theil Idealismus oder Realismus gewesen, und welches Mast beider herrscht noch heute in ihm vor? Das Resultat ist uns nicht zweifelhaft, und wir drücken es schon jetzt aus: das Judcnthnm hat stets fest aus realistischem Boren gestanden; seine Sache war niemals jener, aus reu Wollen fahrende Idealismus, der hoch über der Erre zu schweben glaubt, und mit dieser nur durch den Segen znsammenzuhängen vermeint, den er von Zeit zu Zeit auf dieselbe nicrerträufeln lasse; das Judenthum ging immer von rer höchsten und wichtigsten Idee ans, hatte aber zu aller Zeit vorwiegend die Tendenz, diese Idee sofort zu verwirklichen, das reale Leben davon durckdringen und gestalten zu lassen; mit einem Worte, das Ideal des Judenthumes war stets die Einigung, die Jrenlisicirung der Idee nur des Lebens. Erweisen wir uns Ties in und nach den verschiedenen Phasen seiner Eftstenz, wenn auch hier nur in flüchtiger Skizzirung. Wenn man den Mosaismns nach dieser Richtung hin charakterisiren will, so braucht man nur an das eine Gesetz zu erinnern: Sechs Tage arbeite, aber der siebente sei Ruhetag, ihn zu heiligen, dem Ewigen Deinem Gotte geweihet. Wir haben hier die höchste Idee der Heiligung und Gottcsweihe im Menschcn, getragen von dem stärksten Realismus emsiger und unermüdlicher Lebensarbeit; die Arbeit auf dem materiellsten Gebiete zur Pflicht gemacht, aber immer wieder durch das Ideal der Heiligung und Gottcsweihe durchbrochen und erhoben, die darum, wie von selbst, ihr Licht und ihre Wärme auf das ganze, harter Arbeit volle, Dasein breitet. Ferner, daß hierbei die Arbeit des Menschen in der Motivirnng der Ruhe am siebenten Tage mit der göttlichen Weltschöpsung in Zusammenhang und Vergleich gebracht wird, ist eine ,2realisirung der realen Arbeit, der realen Bestimmung des Menschen, wie sie im Gegensätze zu allen Völkern des AlterthumeS steht, welche die Arbeit den verachteten itnlersten Volksschichten, womöglich nur den Sklaven, zutheilten. Die gleiche Tendenz findet sich überall im Mosaismus; verhältnismäßig nur wenige Formulirung allgemeiner'Grundsätze, aber Verkörperung derselben in bestimmten realistischen Satzungen; die ganze Idee, nämlich die Einheit des göttlichen Wesens, die Einheit rer Welt, seiner Schöpfung, die Einheit des Menschengeschlechtes und rer Menschennatnr, wird einem einzelnen Volksstamme, der dazu erzogen ist und gestaltet werden soll, übergeben; die höchste Ausgabe des Menschen, seine Heiligung in seiner Gottebenbildlichkeit, wird von der Liebe zu Gott und der Menschenliebe bis zn den leiblichen Zuständen durchgeführt. Aus diesen wenigen Bemerkungen wird sich die Ueberzeugung Herausstellen, daß der Grundzug des MosaiSmnS die Durchdringung des Realen von der.Idee, die lebendige Vereinigung Beider ist, so daß das Eine ohne das Andere seinen Werth verloren hätte. Da, wo cr sich im Allgemeinen ausspricht, steht stets neben der Liebe zu, und der Ehrfurcht vor Gott, das Wandeln in seinen Wegen und die treue Ausübung seiner Gesetze. Diese vier Momente sind dem Mosaismus mur Eines. Tie geschichtlichen Verhältnisse bewirkten, daß in den Propheten rer Idealismus vorwiegend wurde. Das Eindringen des Heidenthumes, die sittliche Entartung des Volkes, der Könige,. Fürsten und Priester, machten den Kamps rer Propheten zn einem Kampfe der Idee, der Lehre, der allgemeinen Sittlichkeit, und so mußten sie die Verwirklichung dieser Idee in bestimmter Gestaltung des realen Lebens vorerst unverfolgt lassen, und statt auf die Erfüllung des mosaischen Gesetzes, auf die Erkenntnis; des einzigen gestaltlosen Gottes und die Befolgung rer allgemeinen mosaischen Sittcnlehre dringen. Dennoch thuen sie dies in realistischer Weift; das Strafgericht und die Läuterung stellt sich ihnen in rem Falle und der Wiederherstellung, in der Gefangenschaft nnc Wiederbesreiung des israelitischen Volkes dar, und selbst ihr höchstes Ideal, die Erkenntnis; Gottes in der ganzen Menschheit, lind die allgemeine Herrschaft des Friedens, zeichnet sich ihnen in der Pilgerung der Völker nach Zion, in dem Lagern des Welses mit dem Lannne, dem Schmieden der Schwerter zu Winzcrmessern, dem Sitzen jedes Einzelnen unter seinem Weinstocke und Feigenbäume. Arn Deutlichsten macht sich dieser realistische Grundzug gerade in den poetischen Theilen der heiligen Schrift erkennbar. Die ächte Lyrik ist überhaupt realistisch, denn sie muß die Empfindungen, welcher allgemeinen'Art sie auch an sich seien, auö der Tiefe der eigensten Seele hervorholen, und mit dem Gepräge der individuellen Eigenart und des Momentes versehen. Dies findet in den Psalmen in vollem Maße statt. Das Gebet wird darin zum Schreie des Verfolgten, zum Seufzer des Unterdrückten!um Rettung aus den Händen der Gewaltthätigen, der Lobpreis

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