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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-04-08 · Heft 15 (8.4.1873) · p. Seite 241

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 15 (8.4.1873)
Date
1873-04-08
Page
Seite 241 (sequence 3)
Language
German
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241 Äbermals eine ÄUocntion Pins IX. Es wird Jedem acht religiösen Menschen immer schwer, sich gegen eine Sache oder eine Person, welche Millionen Miimensü.'n mil dem Charakter der Heiligkeit belegen, tadelnd auszusprechen. Indes; hat Alles seine Kränze, unk wenn sich eine selche Persönlichkeit der bittersten und leidenschaftlichsten Schmäl,nngen schuldig macht, so hört endlich auch die weitestgehende Rücksichtnahme auf. Ein Volk und eine Glaubensgenosseuschast sind doch ein größeres Heiligthum, als ein Mensch, von welchen Eigenschaften er auch sei. Es giebt Böller und Personen, die aus irgend einer früheren Zeit ihres Daseins einen guten Zins erworben haben, der sich den Menschen, namentlich den fernwohnenden, als Borstellung eingeprägt hat, und der ihnen deshalb nachgetragen wird, wenn sie ihn auch längst nicht mehr verdienen. Man denke z. B. an die „ritterlichen, großsinnigen" Spanier, die seit dem Ende des 1 f>. Jahrhunderts Nichts als Grausamkeiten, Mord und Plünderung gegen andere Völker und unter einander geübt haben. So gilt auch Pius IX. immer noch für einen „milden, sanflmüthigeu" Mann, der er wohl bei dem Antritte seines Pontisicates, als er sich liberal und human zeigte, und sich deshalb vorn Jubel der Völker umringt sab, gewesen sein mag, der er auch setzt noch gegen Alle, die ihm zu Füßen liegen, und seinen Willen wie einen göttlichen verehren, sein mag, den er aber vorn Tage seiner Flucht ans Rorn an gegen die ganze übrige Welt längst ansgezogcn hat. Man kann Ten nicht ruild und sanftmüthig nennen, der dies nur für seine Anbeter ist, hingegen alle übrige Welt, und diese ist sehr groß, auf's Bitterste verketzert, und auf's Gehässigste verdammt, diese Leidenschaften auch während seines Regimentes, so lange er dazu die Macht hatte, hinlänglich durch Thaten bewies. Diesen leidenschaftlichen Hast zeigte er auch besonders gegen die Juden, nnd er, der Mortaraheld, läßt keine Gelegenheit vorüber, sie öffentlich;u brandmarken , und dem Hasse und der Verachtung seiner Gläubigen zu denunciren. Er thut dies nicht etwa btos von römisch-katyolisch-theologischcm Standpuncte aus, sondern.nach allen möglichen Beziehungen hin.- Dieser altersschwache Greis, der ans seinem Laticane nicht herauskommt, und die wirklichen Berhältnisse der Welt gar nicht kennt, will den Ankläger und den Züchter zugleich spielen, und in seiner Selbstverblendung über die Erde und den Himmel mit demselben Athenizuge verfügen. Am 23. d. empfing der Papst wieder einmal eine Massendeputation von t»uu Weibern aus den .untersten Bolkselassen, und hielt an diese eine Rede, in welcher er die italienische Regierung, „welche das Volk auffrißl", die „lügnerische und gotteslästerliche Presse", und die „verdammten" Inden bis in die unterste Hölle schleuderte. Hinsichtlich der letzteren erinnerte er, das; es ein Heide war, der Jesu das Kreuz tragen hals. Er sagte: „Beachtet also, wie bei jener Gelegenheit der Herr nicht g e st a 1 t e t e, daß ein Jude i h n u n l e r st ü tz t e. Jenes Volk war schon verdammt!war denn nicht Jesus ein Jude? D. Red.) und bebarrt in der Verdammnist, wie wir mit unseren Augen sehen. Wenn es sich noch zeigt, so zeigt es sich, um sich der Liebe zum Gelte geweihet sehen zu lassen,*- und in vielen seiner Anhänger zeigt es fick, um sich als Beförkereriu der Lügen und Injurien gegen den Katholieismus bemerkbar zu machen, indem cs sich auch in den öffentlichen Blättern so vieler europäischer Länder auslästt. Jesus Christus wollte eher von einem Heiden unterstützt sein, und gab hiervon einen Beweis, wie dies auch schon vorhergesagt worden war, nämlich das; an Stelle des verworfenen Volkes der Juten andere Nationen treten würden, um Jesus Christus;u erkennen und nachznfolgen. Und weil eine unerläßliche Bedingung, um diese göttliche Nachfolge zu erlangen, das Kreuz war. so trug es der Heide Eirenns, und kündigte auch hiermit die Bekehrung der Völker an." So sehr ee sich auch hier mn Dinge handelt, welche in den Augen jedes vernünftigen, und von wirklicher religiöser Gesinnung und Erkenntnis; durchdrungenen Menschen längst abgeihan sind, so kann doch von Zeit zu Zeit eine kleine Abrechnung Nichts schaden. Welch eine sonderbare, unserer Meinung nach auf unterster Stufe noch befindliche Ansicht von Gott setzt es voraus, das; dieser Gott in der Vollkommenheit seiner Liebe und Gerechtigkeit ein ganzes Volk nicht blos in dem Geschlechte, in dessen Bütte irgend ein Verbrechen, durch Einige veranlaßt, geschieht, sondern schon vorher und in allen seinen noch ungeborenen Geschlechtern „verdammt", d. h. auf Erden -grausam verfolgt, und im'Jenseits zur „untersten Hölle" verurlheilt!!! Nach unserer Ueberzeugung gleicht riese Vorstellung von der Gottheit den traurigsten Begriffen, die in der Menschheit gesunden werden. Unsere Leser wissen, das; wir mit nicht -zu beseitigenden Grünten erwiesen haben, das; die Juden an dem Tode Jesu gar nicht schuld waren. Sehen wir aber in diesem Augenblicke hiervon ganz ab, welches Volk existirt, in dessen Milte nicht einmal selbst ein ganz Unschuldiger den Tod erlitt'? Welche Verdammnis; müßten die Franzosen um ihrer Barthelomänsnacht und ihrer Dragonaden willen erleiden? Wie viel die Spanier nm ihrer Jngnisition willen? Sokrates, Huß, Savenarola und zahllose Andere, rnsen allen europäischen und nichteuropäischen Völkern nach diesem Systeme die ewige Verdammnis; zu. Wie viele Rationen hätten diese durch die, an den Juten verübten, Mordthaten verdient. Ja, wenden uns Jene ein, der Tod Jesu Sind oü den» wirtlich tic Juden allein, welche „Liebe zum Gelte" sehen lassen? Hat denn die .Nircke nicht znaller Jeit einen ausserordentlich großen Magen erwiesen? Verden nicht im Valieane die Pfennige der x'lmicii mit großem Verlangen cutgegeiigenominen? Haben sich nickt in der jüngsten Jeil die ..tawolischen Banken" der gränticksten Lckwindelcien scknldig gemacht wie in diesem Augenblicke wieder die Vangne eatboligne zn Paris? Nun fragt cs fick, wer wenigstens für den Erwerb von Geld arbeitet, und wer um und für das Geld nur betet und verdammt. 15*

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