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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-04-01 · Heft 14 (1.4.1873) · p. Seite 229

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 14 (1.4.1873)
Date
1873-04-01
Page
Seite 229 (sequence 12)
Language
German
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229 die Amtsentsetzung desselben war. Bei der Untersuchung zeigte es sich leider, auf welch niedriger Eulturftufe ein großer Theil unserer hierländischen jüdischen Bevölkerung noch steht, und welcher Riescnanstrengungen, welcher Geisteskämpfe es nock bedarf, um dieselbe auf das Niveau allgemein menschlicher Bildung nur Gesittung zu bringen. Unter anderen stellte es sich heraus, daß Herr Halberstamm, der, wie erwähnt, während mehr als zwei Deccnnien das Amt eines Rabbiners, also auch, besonders hier zu Lande, das eines Vertreters und Anwaltes seiner Glaubensgenossen und des Judenthumcs verwaltete, jeder Bildung bar ist, ja daß er nicht einmal lesen und schreiben kann. Ungeachtet ressen hat Herr Halberstamm sich in seinem vermeintlichen Rechte beeinträchtigt gefühlt, und, gestützt auf die Anhänger seines Vaters, wie ans die bekannte Indolen; der Galizier, die Berufung an die galizische Statthalterei angetreten und, von dieser abgewiesen, sich an das Eultusministerium gewendet. Wie mir von glaubwürdiger Seite versichert wurde, hat Herr Halberstamm in seiner Eingabe an das Ministerium sich auf die, durch die Staatsgrundgesetze gewährleistete, Autonomie in religiösen Angelegenheiten berufen, und, außer Stande, die von ihm verübten Mißbräuche, als durch Zeugenaussagen und Eidesleistung erhärtet, in Abrede zu stellen, der politischen Behörde das Recht abgesprochen, sich in religiöse Dinge, d. h. in seine Amt «^Heiligkeit zu mischen. Das Eultusministerium jedoch, in der richtigen Erwägung, daß in diesem Falle die religiöse Gemeindeautonomie gar nicht in Betracht kommt, und daß nur die objektiven Beweise von verübtem oder nicht verübtem Amtsmißbrauche strafrechtlicher Natur den Ausschlag geben, leistete dieser Beweisführung des Herrn Halberstamm keilte Folge, wies denselben mit Erlaß vom 1t. Teeember 1S72 Z. 14251 zurück, und bestätigte vollinhaltlich die Entscheidung der chrzanower Bezirkshanptmannschaft. Zugleich forderte das. Ministeriuut, in Hinsicht darauf, daß die jüdische Eulülsgeineinde in Ehrzamav, als eine Tochtergemeinde der ehemaligen krakauer Metropole, bis nun noch kein eigenes Statut besitzt, den dortigen Bezirkshauptmann auf, auf Grund eines Hoftecretes vom 7. -Juli Z. 17711», dem zu Folge jedem Rabbiner in Galizien die Zurücklegung eines Ghmnasialcursus und der Pädagogik vorgeschrieben wird, einen Concurs zur Besetzung des erledigten Rabbiuatspostens auszuschrciben. Die Bezirkshauptmannschaft in Ehrzan>''w leistete der ministeriellen Aufforderung Folge, und hat reu 2(‘». März d. I. zum Wahltage bestimmt, an welchem die Herren Candidaten sich im städtischen Gemeindeamte persönlich vorzustellen haben. In Hinblick auf die heiligsten Interessen unserer erhabenen Religion, sowie der Etlltnrbcförderung in der hierländischen jüdischen Bevölkerung, wäre es sehr zu wünschen, daß sich ein geeigneter Mann finde, der sich der schwierigen» die hingebendste Selbstlosigkeit beanspruchenden Aufgabe unterziehen, und das Rabbinat in Chrzanüw übernehmen wollte. Ein solcher Mann, soll er segensreich wirken, und dem hier, besonders in den kleineren Gemeinden, gleich einer verheerenden Seuche um sich greifenden Chassidismus Einhalt thun kennen, müßte die strengste, ungeheucheltste Orthodoxie und talmudischc Gelehrsamkeit mit der redlichsten Gesinnung, zugleich aber mit Empfänglichkeit für die Eulturbcstrebungen und Bedürfnisse unserer Zeit in sich vereinen. Dazu kommt noch der Umstand in Betracht, daß dieser den erforderlichen Gymnasiawursus zurückgelegt haben müßte. — Ob sich ein solches Phänomen finden wird, und, wenn vorhanden, ob ein solcher Mann sich um den RabbinatSsitz in Ehrzaunw wird bewerben wollen, ist eine andere Frage. Ich für meinen Theil erlaube mir, daran zu zweifeln; besonders berechtigt mich zu meinem Zweifel der Umstand, daß der erste, bereits am 15. Juli v. I. ausgeschrieben gewesene EoneurS leider resultatlos geblieben ist, da sich kein einziger Eandidat gemeldet halte. In diesem Falle, ist es nicht traurig, daß die Feinde der Eultur, daß die bewußten und unbewußten Volksverderber, mit ihrer Behauptung Recht behalten, daß ihnen, nur ihnen die Rabbinatspostcn in Galizien gebühren? daß in der ganzen Provinz nicht ein einziger Rabbinatscandidat vorhanden ist, bei dem die strengste Rechtgläubigkeit mit Empfänglichkeit für die Zeitbedürfnisfe sich gut vertragen? lieber dieses. Thema, .sowie über den weiteren Verlauf der chrzanower Rabbinatsfrage, werde ich Ihnen nächstens, so Gott will, Mittheilung machen.*) Dr. S. Da—z, Rabbiner. Czcrnowitz < Bukowina», 15. März. Der „N. fr. Pr." schreibt man von hier: **) Der vollständige Sieg, den die liberale Majorität der hiesigen Judengemeinre bei den kürzlich stattgefundencn Wahlen eines neuen Vorstandes für die nunmehr einzige israelitische Eultusgemeinde in Czernowitz davongetragen hat —' was eigentlich anders gar nicht kommen konnte — war für das halbe Dutzend Schreihälse der hiesigen Orthodoxen das Signal zu neuen Angriffen gegen das liberale Regime der intelligenten Führer der hiesigen Eultusgemeinde. Das gewohnte jesuitische Mittelchen, nämlich ein Protest gegen die Legalität der obigen Vorstandswahl. hat zwar diesmal wieder nicht verfangen, allein weitere Wühlereien, namentlich in den Vorzimmern des EultuSministerimnS, und scheinheilige Bethenerungcn demselben gegenüber, scheinen denn doch wieder die Situation zum Fischen im Trüben geebnet zu haben; denn wieder herrscht im Schoße der hiesigen Judengeineiude eine ernstliche Erregung der Gemüther ob neuer Gefahren, die den Interessen derselben drohen. Es soll, wie versichert wird, im Landespräsidinm ein neuester Erlaß des Cultusministers eingelangt sein, der den Orthodoxen den Kamm schwellen macht. Sic rühmen sich nämlich, daß nunmehr daS Eultusministerium ihren Wünschen Rechnung zu tragen geneigt *) Wir bitten darum, denn diese Vorgänge, so beklagenswert!) sie sind, geben doch ein d'avafteriftifd>cBitd der dortigen Zustände. Redaction. **> Wir geben dieses iranrigo tSemätde hier'wieder, weil es eben die Zustände ärarallcrisirt — mehr oder weniger finden wir es ja leider an anderen i7rtcn ebenfalls zutreffend. Redaction. 14*

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