Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1873)
- Date
- 1873-03-25
- Page
- Seite 214 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3226906-3226920--31529-3254451- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
214 Ich beschloß, dem Rathe deS Schiffers zu folgen. Wir landeten; ich nahm von Pietro Abschied', der mir nicht schwer, ihm durch ein reichliches Fahrgeld teid>t wurde. Er wünschte mir den Segen des Himmels, des Himmels in Gestalt von Heiligen, und trug mir Grüße an seine Aeltern und Geschwister auf. Noch einen Blick auf den See, aus Vcllaggio und die Billen am jenseitigen Ufer zurück, und ich wandte mich nach dem freundlichen Markte vonMenaggio. Ich that, wie mir gerathen worden war. Ich fand den Bartolo, einen stämmigen Jungen mit offenem und doch klugem Gesichte, der mir volles Vertrauen einslößte. was etwas Roth thal, denn die Eavargnonen mögen zwar das Handwerk der Briganten aufgegeben haben, das wilde Aussehen, die etwas phantastische und doch zerlumpte Kleidung, kurz das Gebaren von Räubern haben sie noch nicht verloren. Wir waren beide ziemlich in demselben Alter, im zweiundzwanzigsten Lebensjahre, und das verwischt in Etwas den Unterschied zwischen Herrn und Diener.. Aber den Italiener schmückt immer ein angeborener seiner Tact, der ihn niemals vergessen läßt, was er Anderen schuldig sei. Zwei Tage wanderte ich mit ihm durch die reizende, stets abwechselnde Landschaft, von der Höhe von Erocc blickte ich noch einmal über den ganzen Comersee in allen seinen Buchten und Windungen, und hinüber auf die schimmernden Höhen, zwischen welche das herrliche Bergell gebettet ist. Am lieblichen Seee von Piano rastete ich. Ich bestieg den Monte Galbiga, und von seinem breiten Stücken gewahrte ich die Silberlinie, welche den Lago maggiore bezeichnet. So kamen wir nach einer kurzen Wanderung am Morgen des dritten Tages nach Porlezza am nordöstlichen Ende des Luganerseees. ES ist eine nicht bedeutende Stadt, die ihren Ursprung aus dem Mittelalter der Lombardei hinlänglich verräth. Die aus Felsgestein hoch aufgemaucrten Häuser, die wie kleine Castelle erscheinen, sehen sehr unwohnlich, und zum großen Theile sehr sckunuzig aus; sie liegen tiefer, als der im Laufe der Zeit in die Höhe gewachsene Straßendamm, so daß fast vor jedem Hause eine Ducrmaucr den Tamm schützen und das HauS stützen muß. Die engen und krummen Straßen ermuntern den Reisenden nicht sehr zum Verweilen. Wahrscheinlich wäre ich mit meinem Gelcrtsmaune gleich hindurch nach dem Hasen gewandert, wo man zu Schiffe geht, um über den See nach Lugano zu fahren. Allein als ich in die letzte, aber gerade am Besten aussehende Straße cinlenkre, sielen mir aus der Tafel an der Straßenecke die Worte auf: „Strada di Ghetto". Dergleichen hatte ich in keinem der Flecken, durch die ich gezogen war, bemerkt. Hier war die erste Spur einer jüdischen Eolonie, und zwar einer älteren aus den Zeiten der abgeschloffenen Indcnguarüere. Schnell kam mir der Entschluß ein, diese Spur weiter zu verfolgen. Ich wandte mich an meinen Führer. „Bist Du bekannt in diesem Städtchen?" „Ich kenne eS wie meine Tasche; ich komme sehr häufig her, wir schaffen Holz und Kalk her. Es lebt kein Kind hier, das ich nicht beim Namen kenne." „Wohnen hier Inden?" Bartolo sah mich erstaunt an. Er begriff wahrscheinlich nicht, woher ich zu dieser Frage käme. Doch bald antwortete er: „Oiiir ein einziger, der alte Samuele, mit seinem noch älteren Diener Isacco. Freilich", fügte er nach einigem Besinnen hinzu, „früher muß es anders gewesen sein, denn oberhalb der Stadt giebt es ein Feld mit vielen zerbrochenen und versunkenen Grabsteinen, und das Feld heißt „der Iudenkirchhof". Ja, doch zwei Grabsteine, die neben einander stehen, sind noch wohlerhalten, und scheinen gepflegt zu werden; ich weiß nicht von wem. Auch hat der alte Samuele ein großes steinernes Gebäude dicht neben seinem Hause, das man die Synagoge nennt: aber sie ist meist mit Gerüinpel gefüllt und stets fest verschlossen. Tie Leute erzählen sich zwar, daß sie bisweilen in später Abendstunde Licht darin gesehen unb Stimmen flüstern gehört. Aber ich hatte nie Gelegenheit zu erfahren, ob es wahr sei. Weiter ist Nichts von diesem abscheulichen Stamme übrig in dieser Stadt, und weit umher bis nach Mailand." „Kennst Du den alten Samuele, und könntest Tu mich zu ihm führen?" Bartolo erschrak vollständig. „Nein, nein," rief er aus, „ich kenne ihn nicht, und will Nichts mit ihm zu :i-«n haben! Hinführen kann ich den Signor, aber überschreiten mag ich die Schwelle nicht." „Steht er in so übclem Rufe? Was sagt man ihm denn nach?" „Abgesehen daß er ein Ketzer ist, der unseren Heiland verläugnet und die heilige Kirche verspottet, er fei ein Wucherer, ein Halsabschneider, sagt daö Bott — doch ja, das sei er nur für die Zteichen und Wohlhabenden, die sich in seine Hände begeben; aber er soll auch mitleidig und wohlthätig sein für die Armen, und Keiner seine Schwelle verlaßen ohne eine Gabe. Es mag sein, doch man haßt und verachtet ihn, und kein ordentlicher Mensch geht zu seiner Thüre ein. Bleiben Sie fern, Signor!" WaS der Bursche sagte, erhöhete nur meine Neugierde. Also eine Ruine aus alter Zeit, ein dem Untergange geweihetes Ucbcrblcibsel ans einer besseren Vergangenheit, ein Held, der allein übrig geblieben war, die letzte Stätte und die (Gräber der Seinen hütet, und nicht verläßt. Das mußte ich näher erforschen. Wer weiß, ob ich nicht hiermit noch eine besondere und iutcreffaute Erinnerung aus Italien mit mir davontrüge, wo ich so Vieles erlebt, und so Vieles genoffen hatte. „Führe mich zu dem Hause des alten Samuele; Du brauchst nicht mit hiueiuzugehcn. An der Thüre deffelben lohne ich Dich ab; weiter , als Porlezza solltest Du mich ja nicht begleiten. Wir nehmen Abschied, und Tu trägst nur mein Gepäck