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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-03-25 · Heft 13 (25.3.1873) · p. Seite 213

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 13 (25.3.1873)
Date
1873-03-25
Page
Seite 213 (sequence 11)
Language
German
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213 Zeit wandte er sein Gesicht mir wieder;», und sagte: „Da muß Eigner auch durch meine Heimath, und der Weg fuhrt dicht an meiner väterlichen Hütte vorüber." „Und wo ist das, Freund?" „3m Bal Eavargna, das dnrchschneidet ein silberheller Bach, der Eaeeiobach, und wenn Ew. Herrlichkeit über die Brücke gegangen sind, links am Wege steht das Häuschen;u allernächst, wo ich daheim bin." Ich blickte ans die kräftige Gestalt, auf die nervigen Arme, und das Gesicht voll entschlossenen Ansdruckes, und so vieler Verschmitztheit in den Angen, und sprach;n ihm, nicht ohne dast mein Mund sich zum lächeln verzog: „Ei,- Freund, da könnt 3hr mir sagen, ob ich sicher durch das Thal rciiuue, denn die Herren Eavargnonen sollen gern Bekanntschaft mit den Taschen, und nöthigenfalls mit den Gurgeln der kreisenden machen." lieber das Gesicht meines Schiffers flog ein Schatten, der aber bald wieder verschwand. Er lachte laut ans, und sah mich recht treuherzig an. „Eiteles Geschwätz, der Signor hat N'chts zu befürchten. Das war in alten Zeiten, wo das Gebirg noch rauh, und die Straßen fast nicht zu begehen waren. Es ist anders geworden, und nirgends eine Spur von solchem Handwerke übrig geblieben. Wir sind ein armes, aber ehrliches Bolk, und Signor könnte dreist die goldene Kette sammt der Uhr da an einen Kastanienbaum am Wege hängen; käme er wieder, und sei es noch so lange, er sänke sie am selbigen Orte." Ich glaubte dem Manne, ohne jedoch mich verleitet zu fühlen, den Versuch zu machen, den er mir angeraihen hatte. Ich rückte mich auf meinem Sitze zurecht, und ließ meine Blicke rechts und links über den See schweifen, denn ich mußte Abschied nehmen, und wollte noch einmal das unübertreffliche Bild meiner Seele cinsenken. Es war aber auch ein Moment seltener Schönheit, im Augenblicke des höchsten und reinsten Lebensgenusses von der realen Natur in vollendeter idealer Erscheinung dargeboten. Es war noch früh am Morgen; die Sonne zwar schon ausgegangen, und droben, unter dem reinen blauen Himmels- ' gewölbe, Alles schon voll Licht, die Gipfel der Berge aus beiden Seiten des Seees von rnbinrothem Glanze übergoffen; aber in der Tiefe über der Fläche des Seees noch der Schatten der Dämmerung und ein weißer Nebel.gebreitet. Noch aber hatten wir erst eine kurze Strecke zurückgelegt, da blitzten die vollen Strahlen der Sonne über die Höhen von Osten, wie ein Strem von Vicht ergoß es sich über die grüne Bergwand in den See hinunter, der 'Nebel zerriß und trieb, von» leichten Hauche deS Windes gejagt, wie eine verfolgte Lämmerschaar nach allen Seiten auseinander, um an den Waldungen und in den Nebenschluchten sich noch einmal zusaminenzubatlen. Da lag die weite Fläche des Seees hell beleuchtet vor nur, rings um die Gondel kräuselte sich das atlfluther.de Gewässer in lieblich blauer Färbung, weiterhin aber war rer ganze See wie von einer hellpolirten Silberplatte voll reinen schnnmernden Lichtes bedeckt. Da hoben sich an beiden Ufern des Seees die grünen Berge, theils bewaldet, theils mit frischen grünen Wiesen, in den mannichfaltigsten, aber immer anmuthigen Fermen, bald majestätisch zurücktretend, bald mit Berbergen sich weit in den See hineinstreckend, im Spiele des'Sonnenlichtes in allen Nüancen von Hell und Dunkel gefärbt. Und überall traf der Blick aus Städtchen und Flecken, die dicht am User in Bergwinkeln lauschig versteckt waren, und ausden Borhöhen die prächtigen Billen mit schlanken Säulengängen und dunkelschattigen Parken. So verlies sich der See nach Süden mitten in die grünen Berge hinein, tvährend er gen Norden breit allslaufend den Fuß riesiger Höhen bespülte, die auf starren Felswänden die schinunernde Last ewigen Schneees trugen: cs waren die nächsten Firnen der Veltliner Alpenketten. Hier war Alles vereinigt, womit der Anblick der Natur die Seele erst zu erheben, und dann zu berauschen vermag. Tie milde, feuchte Lust umfächelte das erglühende Antlitz, und that der tiesausathmenden Brust so unendlich wohl. Tie Augenblicke schwanden unbewußt, und wir näheren uns bereits dem Ufer. Mein guter Pietro wandte sich wieder zu mir um, und fragte: „Ist der Signor schon in Menaggio bekannt?" „Ich war noch nicht drüben." „Hat der Herr Eile mit seiner Reise?" „Nein; ich will die ganze reizende Landschaft bis nach Lugano kennen lernen und genießen; es kommt mir auf zwei, drei Tage nicht an. Bon Lugano aus kenne ich bereits daS Land, und werde schnell über den Gotthard fahren." „So darf ich wohl dem Signor meine Meinung sagen? Aus dem Markte von Menaggio stehen Wagen bereit, und da es zuerst stark bergan geht, und ans einem Plateau weiter, das keine Aussichten bietet, so könnte der Signor mit einen! 'Wagen bis zur Eaceiobrücke fahren. Bon da ab beginnt das schöne Land wieder, die hohen Berge, die lieblichen Thäler. In dem Häuschen am 'Wege sitidet der Signor meinen jüilgereu Bruder, einen frischen, lustigen Burschen, der jeden Weg und Steg, jedes Haus und jeden Menschen durch das ganze Land kennt. Er würde gern dem Signor als Führer dienen." „Das scheint mir nicht übel," erwiererte ich. „Wie kommt es aber, Freund, daß Ihr ein Schisser, und Euer Bruder ein Bergbewohner und Führer ist?" „Ew. Herrlichkeit fragen recht; aber es ist so Brauch bei uns Eavargnonen. See und (Gebirge sind uns so nahe gerückt, daß wir mit beiden vertraut sein können. Da theilen sich denn die Männer in's Geschäft: die einen steigen hinunter und wachsen auf dem Seee ans, die anderen bleiben daheim, betreiben das Bißchen Viehzucht und Ackerbau, und dienen bei (Gelegenheit den Reisenden als Führer. Signor kann dem Bartolo vertrauen; er hat ein königliches Patent als Führer, und sehr viele gute Zeugnisse aufzuwejsen von den Herrschaften, die er geführt hat." 13*

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