Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1873)
- Date
- 1873-03-25
- Page
- Seite 208 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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208 ^eituiicjAu acßticßlen. Dcutschland. Ferner: „Die größte äußere That seines Lebens ist die sreie Berlin Mär;. iPrivatmitth.» Unter den zahlreichen Schattirnngen in der jetzigen protestantischen Kirche giebt es auch eine, welche die „Unionsfreunde" heißt. Dies kann uns nun sehr gleichgültig sein, sowie daß dieselbe Bersaimwungen in Berlin u'.'.stellt, in welchen Borträge gehalten werden. Auch das ist na! .rlich, daß über diese Borträge sehr aussnhUiche Berichte in der oossischen Zeitung gegeben werten. Kein Publ'-.'um der Welt kann verlangen, daß der gesannnte Inhalt jeder Z-.itungsnummer es interessire; es kann Jeder übergehen, was ihn? gleichgültig ist. To enthielt das genannte Blatt vom 2. März einen .veitläufigen Bericht über einen Bortrag deS Consistorialrathes Schramm aus Arolsen über „Jesu bleibende Bedeutung." Es liegt mir Nichts ferner, als dergleichen Themata kririsiren zu wollen. Aber eigenthümlichcr Weise können diese geist licken Herren, seien sie orthodox oder aufgeklärt, halten sie die kirchlichen Dogmen fest, oder verwerfen sie dieselben. Eines niemals aufgeben und vergessen: die Ausschließlichleit, die Anmaßung, allein die Wahrheit, und die ganze Wahrheit, besitzen zu wollen, und Alles neben sich hernnterznsetzen. Dies ist cs, was immer wieder auffordert, ihnen heimznlenchten. Man sollte doch meinen, daß diese Unionsfreunde, welche die (Göttlichkeit Jesu längnen, und hierdurch die damit verbundenen.Dogmen verneinen müssen, sich also ihrer Meinung nach so eben groben Irrlhi'unern entwunden hätten, zu dem Bewußtsein kommen sollten, wie leicht der Mensch irre, und wie oft er lange Zeiten hindurch für unerschütterliche Wahrheit halte, was ihm nunmehr ganz anders erscheint -- keine Spur von dieser Erkenntniß! Dies ist denn rer Grund, warum ich den angeführten Bericht nickt ganz mit Stillschweigen übergehen will. Der Redner will also, Jesus sei nur ein Mensch gewesen — von einem Eonsisiorialrathe immer ein bedeutendes Zugeständnis;. Er giebt zu: „Wir wissen wenig von äußeren Thalsachen aus dem Leben dieses Menschen, und was wir wissen, drängt sich, wenn dies richtig ist, in den kurzen Zeitraum eines Jahres zusanunen." Auch giebt er zu, daß „das Perstäntniß dieser Thaten nicht leicht sei", und das Berständniß der Religion überhaupt sehr schwer. Was - macht er nun dcunoch aus diesem Menschen? Er meint: „In ihm hat zum ersten Male das Gottesbewußtsein eine Klarheit, Kleinheit und Tiefe erlangt, wie nie zuvor, nie hernach. Jedes -We-rt uhd Werk von ihm athmet Gottes Geist, er führt beständig ein göttliches Leben mit seinem Baker im Himmel, der ihm sich offenbart hat als Barmherzigkeit und langmüthige Liebe, ganz verschieden vom alttestameutlichen, ciferigen, den Menschen als Knecht nur beherrschenden Jehovah. Schon mit diesen Grundthatsachen, die nie bestritten worden sind, steht er auf der Höhe religiöser Leistung." Wahl seines Messtasberuses im Anschlüsse an die im Volke gehegten Erwartungen, aber dennoch in ganz anderer Weise, als der politische Sicttcr, aus den man hoffte, nicht in äußerlicher Pracht, sondern still wirkend in helfender, erbarmender Liebe zu dem Bolke, das Schafen ohne Hirten glich. Die orthodoxe Ansicht freilich hat kein Berständniß für die sittliche Thal, den sittlichen Entschluß, die hierin liegen. Ihr allwissender Gott Jesus kann eben nicht anders, als sich für den Messias erklären. Der historische Jesus stemmt sich entgegen dem jüdischen Gesetze. Als Menschensohn, d. h. als ächtes Kind der Menschen, vergiebt er die Sünden, ist er ein Herr über den Sabbath, erläßt er den Seinen Opfer nur Waschungen, geißelt den pharisäischen Pietismus und das asketische Mönchlhmn der Wüste, endlich, als die Hoffnung schwindet, sein Bolk lebend zu gewinnen, erhebt er sich zum Gedanken des Opfer- und Märtyrertodes, um sterbend die Menschheit mit Gott zu vereinen." Endlich: „Obwohl wirklich Mensch, war er vielmehr ein außerordentlicher Mensch, eine neue Schöpfung Gottes in der Menschheit, in dem Gottes Geist und Kraft in ganzer Fülle lebte und webte. Nicht blos als Weiser hat er gelehrt, sondern d.?s religiöse Leben, das von ihm ausging, lebte er vor, und ras erhebt ihn über Abraham und Moses, Sokrates und Platon, Kant und Fichte, und macht ihn zum religiösen Ideale, zum Herrn der Kirche für alle Zeiten, für Ungebildete, wie für Gebildete." Wer Dieses liest, wird sich fragen: Ist dieser Mensch Jesuö nicht mehr Gott, als er es ist, wenn man ihn für Gott hält? Wenn diese Herren aus dein Gotte Jesus einen Menschen machen, machen sie nicht gleich wieder aus dem Menschen einen Gott? Das Gottesbewußlsein, sagen sie, war nicht allem bis dahin in keinem Menschen so groß und stark, sondern es wird auch in keinem jemals wieder so sein; er war sündenlos, er hat sich zum Opfer gebracht, und durch seinen Tod die Menschheit wieder mit Gott „vereinigt" — man merke wohl, nicht „versöhnt", aber „vereinigt". <!! j Er hat sich selbst zum Messias gewählt, und ist als solcher gestorben; er hat der Welt „vorgelebt". Man wird zugestehc», daß ein solcher, ganz sündenloser,' Gott mit der Menschheit vereinigender, der ganzen Menschheit vorlebender, und ein Gottesbewußlsein besitzender Mensch, wie dies niemals gewesen und niemals wieder sein wird, gar gewaltig über'die Menschcnnatnr hinausragt. Und dies wissen die Herren Alles aus einem Lebensjahre, und durch welche sich kreuzenden und widersprechenden sagenhaften Berichte! Jndeß, wie gesagt, das geht uns wenig an. Aber mit welchem Rechte sehen diese Männer verachtend auf MoseS und Sokrates, bis ans Kant und Fichte hinunter? Wer berechtigt sie, in die Geister dieser großen Genien hineinzuschauen, ihre Seelenkämpfe zu ermessen, an ihr