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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-03-25 · Heft 13 (25.3.1873) · p. Seite 207

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 13 (25.3.1873)
Date
1873-03-25
Page
Seite 207 (sequence 5)
Language
German
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207 Inden den freien Austritt aus ihren Neligionsgemeinden bewillige." Man merke wohl auf dieses „a u ch", denn hierin liegt der ganze Kernpunet. Mit einer beispiellosen Frechheit nämlich behauptet diese Denkschrift, daß .der vorliegende Gesetzentwurf die Inden anders behandele, als die Christen. Bekanntlich ist dies nicht der Fall, und die Motive des Ministeriums sagen ausdrücklich, daß, sowie der Parochialzwang nicht aufgehoben, sondern nur der Austritt auS der Gesammtkirche gestattet ist, so auch den Juden der Austritt aus dem Jndenthume, nicht aber aus der örtlichen Shnagogengemeinde freistehe. Nun behauptet die Denkschrift, jeder Christ, wenn <r aus seiner Kirche tritt, und nicht zu einer anderen sich geselle, bleibe doch Christ, während der Jude, wenn er aus dem Jndenthume träte, nickt mehr Jude sei. Die Unwahrheit sieht man leicht ein. Den allen Kirchen sich fernhaltenden Christen werden die sämmtlichen Kirchen für keinen Christen erklären; hält er sich selbst dennoch für einen solchen, so steht ihm dies frei. Den aus dem Jndenthume Ausgetretenen erachten die jüdischen Gemeinden für keinen Juden mehr; hält er sich dennoch dafür,-so steht ihm dies frei. Aus diese Unwahrheit hin nun, erhebt die Denkschrift ein Jammergeschrei über den entsetzlichen Gewissenszwang, welchem der Jude ausnahmsweise unterworfen sei, und verlangt mit den rührendsten Worten die Freiheit, aus der Gemeinde scheiden zu dürfen, ohne aus dem Jndenthume anslreten zu müssen — obschon der Christ ans der Kirche treten soll, wenn er von der Parochie frei sein will. Um dies nun zu motiviren, .wird mit Emphase behauptet, daß zwischen den „Gesetzestreuen Juden" und den „Neformjuden" eine unansfüllbare Kluft sei, eine Spaltung, wie in keiner anderen Religion vorhanden ist. Wie die Wirklichkeit allen diesen Expeetorationen widerspricht, wie zwischen den beiden Endpuncten der Ultraorthodoxen und Ultrareformer die Mitte von der immensen Mehrheit der jütischen Masse ausgefüllt wird - wir sprechen selbstverständlich nur von den westeuropäischen Ländern — das brauchen wir ja Niemandem mehr zu sagen. Welchen Pathos diese Denkschrift auch anhebt, dem nur etwas schärfer Blickenden ist es klar, daß es sich um keinen Gewissenszwang handelt, denn im Jndenthume kann Niemand zu irgend welcher religiösen Handlung gezwungen werden, sondern um die Geldbeiträge, welche an die regelmäßig coustiluirten (Gemeinden zu zahlen sind. Weil diese mit geringer Ausnahme nicht in den Händen der Ultraorthodoxen und ihrer Führer sind, will man sie sprengen. Man wird sich daher auch nicht wundern, daß die Ultra orthodoxen, denen jede freie Bewegung des Geistes ein Dorn im Auge ist, hier für eine unbedingte Freiheit auftreten; gerade wie die Anhänger des Shllabus in der Centrnmspartei für Preßfreihei-t agitiren. Bekanntlich haben diese berliner Orthodoxen schon alles Mögliche aufgewendet, um innerhalb der Commission des Abgeordnetenhauses ein ihnen erwünschtes Amendement zu erwirken. Cs ist ihnen nicht gelungen. Darum brachten sie „in der zwölften Stunde" diese Denkschrift an das Haus. Wäre noch Zeit, so müßte man sie beantworten; denn es laßen sich ja immer Biele von Phrasen blenden. So jedoch ist es zu spät, da die zweite Lesung des Gesetzes in den allernächsten Tagen stattsindet. Wir haben diese „Denkschrift" erst gestern, und zwar anS dritter Hand, erhalten. In Berlin, wo man von ihr sofort hören mußte, hätte auch eine Entgegnung auf's Schnellste erfolgen, und an die Mitglieder des Hauses vertheilt werden können. Uebrigens gl"'.ben wir, daß das Haus sich einfach an den Regierungsentwurf und die Commissionsvorschläge hallen werde. Literarischer Wochenbericht. B o m R h e i n e, 2. März. Wir erhalten: „Geschichtsbilder zum Gebrauche rer Volksschule von M. Müller, Professor am Lehrerseminar in Meersburg. Dritte Auslage. Freiburg im Breisgau, F. I. Scheuble, 1d72." Das Büchlein verfolgt den Zweck, die Geschichte dem Interesse und dem Verständnisse der Volksschüler entsprechend darznstellen, undim Großen und Ganzen hat es denselben trefflich erreicht. Es werden die charakteristischen Eigenschaften der verschiedenen Völker, und ihre hauptsächlichsten Verdienste um die menschheitliche Entwickelung, hervorgehobeu, dann besonders einige bedeutendere Persönlichkeiten geschildert; alles für Kinder unnütze und störende Beiwerk, ^kamenlind Zahleukram, ist mit gutem Bedachte weggelassen. Die Sprache ist einfach und gefällig, und doch weit von dem kindischen Tone, entfernt, der so häufig in Elementarbüchern angeschlagen wird. Freilich ist, dem nächsten Zwecke des Buches gemäß, die badische Geschichte besonders bevorzugt; allein ein einigermaßen gewandter Lehrer in anderen Staaten wird die betreffenden Abschnitte leicht durch entsprechende aus der vaterländischen Geschichte ersetzen können. Den jüdischen Lehrer wird allerdings die, wenn auch nur selten angebrachte, christelnde Färbung stören. Die Geschichte ist bis zur Gründung des neuen deutschen Kaiserreiches geführt. Möchte nur der Verfasser dieses trefflichen Merkchens bei der vierten Auslage die Kinder mit solchen längst beseitigten Märchen, wie die von Ninus und Semiramis, den sieben Königen Roms, dem Wilhelm Dell und der „deutschen Treue" Friedrichs des Schönen und Ludwigs des Baiern, verschonen.

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