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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-03-18 · Heft 12 (18.3.1873) · p. Seite 198

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 12 (18.3.1873)
Date
1873-03-18
Page
Seite 198 (sequence 12)
Language
German
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193 an der Beteiligung des Pharao an der Verfolgung der Flüchtlinge, zweifeln müssen; denn so groß war die Pietät der Aegypter gegen die Gestorbenen, daß selbst wichtige politische Anforderungen schweigen mußten, wo es galt, dem geliebten Leichname die ihm gebührenden Ehren darzubringen. Die Todtenklage hatte Mernephtah beim Anfbruchc des Volkes alles Andere vergessen lassen; nun stürzte er mit dem doppelten Eifer des zurückgedrängten Ingrimmes den Flüchtlingen nach. Er erreichte sic an einem stürmischen Abende. Bei Pihachiroth hatte das Volk gerastet und war langsam aufgebrochen, denn cs sollte nicht vor dem Nachmittage, d. h. nicht vor der Ebbezeit, das rothc Meer erreichen. Schon brausten ihnen die bewegten Wogen entgegen, als sich die Kunde von dem Herannahen des Verfolgers -unter ihnen verbreitete. Das Volk hadert wiederum mit dem Führer und verzweifelt an der Rettung; nur Mose bewahrt die unerschütterliche Besonnenheit des großen Feldherrn , die sich in der Gefahr verdichtet, und bis zur Unverletzbarkeit festigt, und sein mit gelassener Ueberlegenheit ausgesprochenes Wort: „Jehova wird für euch streiten, und ihr sollt ruhig sein" wirkte auf das verzagte Volk, wie die in ruhiger Majestät sich erhebende Sonne auf den schwergcängstigten und verirrten Wanderer. Die See ging in hohen Wellen, am nördlichen Strande zeigten sich die Vorläufer des verfolgenden Heeres; die Gefahr war groß, als Mose, nachdem er „zum Herrn geschrieen", seinen Stab ausstrccktc und dem Volke gebot, ihm nachzufolgen in die Furth, welche die ebbenden Wogen so eben verlassen. Das Exod. M geschilderte Wunder hält sich durchaus in den Gränzen der natürlichen Möglichkeit, wenn anders cs gestattet ist, unter Oftwind sowohl den Nordoftals den Südostwind, in unserem Falle den crsteren, zu verstehen; und die hebräische Sprache, welche nur die vier Hauptrichtungen der -Windrose mit Namen nennt, legt dieser Auffassung Nichts in den Weg. Bei der Schmalheit des Golfes von Snes ist cs natürlich, daß gerade hier der Stand von Ebbe und Fluth außerordentlich abhängig von der jeweiligen Windrichtung, ist. Bei einem starken Nordostwinde, der nicht selten weht, werden die Wellen nach Süden zu in den schmalen Meerbusen geradezu hineingepeitscht, so zwar, daß die in horizontaler Linie nördlich von Snes sich hinstrleckenden vier Inseln nur durch Lachen getrennt zu sein scheinen, jedoch thatsächlich durch tiefe Wassergräben von dem Festlande und von einander geschieden sind. In ihrer Nähe befindet sich eine Furth, die bei dem niedrigsten Wasierstande von Fußgängern, welche genau mit dem Terrain bekannt sind, passirt werden kann. Im Süden von Snes ist eine zweite flachere Stelle vorhanden, welche heute als leicht nordwärts gebogene Grundlinie eines Dreiecks bewachtet werden mag, das sie mit dem oben erwähnten Eisenbahndamme und dem westlichen User des GolscS bildet. Hier oder dort können die Hebräer das rothe Meer überschritten haben, das in jcncr^Zeit sich ein weniges weiter nach Osten und Norden hin ausgedehnt zu haben scheint, als heute. Wir möchten uns für den nördlichen Weg entscheiden, da dieser in der That bei besonders günstigen Umständen an den meisten Stetten trocken gelegt zu werden vermag. Mit der sinkenden Sonne hatte sich die Nacht eingestellt. Jehova ließ das Meer Weggehen durch einen starken Ost-iNordost-)wind die ganze Nacht, und machte das Meer zu trockenem Boden, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und Linken. Zur Rechten gewiß ein Damm mit schanmgekrönten Spitzen, zur Linken nicht in gleicher Weise; wohl aber ein Wall für die Verfolger, denn mochte der Wind auch die Furth trocken legen, so blieb doch zwischen ihr und dem östlichen Ufer immer noch ein nnpassirbares Mceresstück liegen. Die Zeit der Ebbe ward durch den anhaltenden Sturm verlängert, die Flnth zurückgehalten, und che der Morgen graute, hatte das Volk, welches viele Stunden bedurfte, mn in der schmalen Furth, hier Lachen umgehend, dort von den durch das Unwetter geängstigten Heerden aufgehaltcn, mit seinem Biehe, ein unabsehbarer Zug, daö rettende Ostufer des Golfes zu betreten. Die nachjagenden Aeghpter erreichten den Strand, als schon der größte Theil der Verfolgten den schmalen Busen überschritten. Sollten sie den Entweichenden unmittelbar folgen oder sie auf dem Landwege zu erreichen suchen? Mann und Roß waren von den Eilmärschen der letzten Tage zu Tode ermüdet, und die Nacht war undurchdringlich finster. Der Wind, so versicherten die Kundigen , vermöge die Flnth noch länger zurückzuhalten — die Leidenschaft überwältigte die Vorsicht, und die Verfolgten schienen so nahe zu sein. Und die Aegvptcr, verwirrt durch die vielleicht noch nach erfolgter Rettung als falsche Signale zu ihrem Untergange gebrauchten Feuerzeichen, jagten nach und kamen hinter ihnen, alle Rosse Pharao's, seine Wagen und seine Reiter hinein in's Meer. Um die Morgenwache war es, als Jehova dem Heere den Untergang bereitete. Er ließ die Räder ihrer Wagen ausweichen und machte ihren Zug beschwerlich. Todesangst übersiel die Verfolger, denn schon kehrte die Flnth zrwück, auS den Höhlen und Schluchten des M'kagebirges brauste der von den Schissern im Hafen von Snes am meisten gefürchtete Südwestwind in heftigen Stößen daher, in jähem Wachsen hob sich die Flnth „und bedeckte die Wagen und Reiter vom ganzen Heere Pharao's, die hinter ihnen in's Meer gekommen waren: es blieb von ihnen übrig auch nicht Einer." „Und Israel sah die Aeghpter todt am Ufer des Meeres; und es sah die große Hand, die Jehova ihnen geboten wider die Aeghpter, und das Volk fürchtete Jehova, und vertraute ans Jehova und Mosen, seinen Knecht." Gerettet zogen sie im Lichte des TagcS weiter, und sie lagerten an den Moscöbrnnnen, und sangen dort daS herrliche Loblied, welches wir kennen.

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