Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1873)
- Date
- 1873-03-18
- Page
- Seite 188 (sequence 2)
- Language
- German
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188 alles Guten und Schonen strebt, den kann dieser Zustand betrüben; und indem er sich fragt: „wohin will denn das?" trauert er über dieses, wie es scheint, ziel- und maßlose Treiben, über dieses beständige Jagen ohne Ruhepunct und ohne dauernde Befriedigung. Schaut er noch dazu rückwärts, macht er sich bewußt, was noch vor drei und vier Jahrzehnten in den Geistern lebte und drängte, so fühlt er sich wohl noch niedergeschlagener. Man war damals einiger, und darum entschiedener; die Vorwärtsstrebenden hatten ein festes Ziel vor Augen, um das sie sich schaarten, und von wo aus sie gegen ihre Gegner gemeinsam kämpften, lieber Nationalität hätte man damals gelächelt; über die Herrschaft der Tradition war der Stab gebrochen; Continuität des Rechtes, d. h. pactiren und Compromisie machen mit den veralteten Prineipien und Zuständen, war unerhört, und das Wort der nach Freiheit und Rocht, nach Allgemeinheit und Humanität Verlangenden war so stark, daß die Gegner sich vernehmen zu lasten kaum wagten, weil sie der allgemeinen Verhöhnung anheimzufallen fürchteten. Es ist wahr, wer jene Zeilen frischen Strebend und leichter Verständigung durchlebt hat, wird ihnen ein weihevolles Andenken widmen. Aber Recht hat ein so Gesinnter doch nicht. Das vielverschlungene, wohl auch verworrene bringen und Kämpfen unserer Zeit ist ein Zeichen, ist ein Product großartiger Lebenskraft, bedeutender Vertiefung, -ist ein gewaltiger Proceß, in welchem sich die verschiedenartigsten Elemente, nach dem, was in ihnen an Kraft und Leben ist, zur Geltung bringen, auf das Dasein noch zu wirken, und in neuer Gestaltung sich Existenz und Dauer zu schaffen suchen. Eine Zeit, wie wir sie eben aus einem Vierteljahrhundert früher schilderten, mußte vorangehen, eine Zeit, wie die unserige, uothwendig folgen. Auf das Versiändniß von Prineipien loszuarbeiten, ist ein einfaches und befriedigendes Werk. Aber sobald diese Prineipien verwirklicht, und das Leben nach ihnen gestaltet werden soll, da treten die Gegensätze, die Mannichfaltigkeit der Verhältniste und der Ansichten auf,. da bilden sich Parteien und Fractionen, da macht sich zum Kampfe auf, waS Leben in sich hat, aus der früheren Einheit wird eine Vielheit, aus der Einseitigkeit eine Vielseitigkeit, ein allgemeiner Drang und Sturm, in welchem Nichts untergcht, als was todt ist, und alles Lebendige sich umgcstaltet. Sprechen wir es einfach aus, was wir für das Rechte halten. Die göttliche Schöpfung ist unsere Lehrmeisterin, unsere Vorbildnerin. Jedes Pflänzchen, jeder bescheidene Strauch, sowie die weit und hoch ragende Eiche und Palme, strecken ihre Wurzeln in einem bestinnnten Boden ans. an welchen! sie haften, aber sie steigen empor in das Reich der Lüfte, wo sie der Zephyr wie der Sturm umweht, die Sonnengluth wie der erstarrende Frost trifft. In die Erde gelegt, würden sie vermodern; in die Lust gehängt, würden sie verdorren. Ferner: jedes Geschöpf ist an sich ein Individuum, aber nach den Formen der Gattung geschaffen, nnd nach den allgenleinen Gesetzen werdend und vergehend. So gehört Alles sich selbst an, und dennoch wieder dem innigsten Zusammenhänge mit der Allgemeinheit. So ist es auch mit dem Menschen. Seine Individualität ist ihm der feste Boden, in welchem er wurzelt. Sie enthält seine beste Kraft und dauernde Nahrung, durch die er emporwächst. Ihr verdanken wir die bedeutendsten Schöpfungen und die eigenthümlichsten''Erzeugnisse. Aber aus dieser Individualität wächst er in die Familie, aus dieser in den Staat und in die Religion, und aus beiden wieder in die allgemeine Menschheit. Dies ist der natürliche Gang, und ift allen diesen ihn umgebenden Ringen verbleibt er, schasst und wirkt er, hat Pflichten zu üben, und Rechte zu bewahren. So wenig, wie die gewaltige Ceder blos dem Flecke angehört, auf dem sie steht, aber auch nicht blos der Luft, die sie umweht, dem Sonnenstrahle, der auf ihren Aesten zittert, sondern Allen zusammen, die an ihr ununterbrochen arbeiten, denen sie aber auch wiedergiebl, was sie erschafft, so wenig hat der Mensch sich einem seiner natürlichen Verhältnisse zu entziehen, oder einem derselben allein sich hinzngeben. Treten wir aus dem Bilde heraus, so sagen wir nun, daß der Mensch ebenso seiner Individualität, wie seiner Familie, seiner Nation und Religion, dem Staate und der Menschheit anzugehören hat. Dies Alles sind Elemente seiner Natur und seines Daseins, und müssen es bleiben. Allerdings ist es dem einzelnen Menschen auch gegeben, sich einem dieser Kreise vorzugsweise zu widmen, und ihm gerade seine besondere Aufmerksamkeit und Anstrengung zuzuwenden — jedoch niemals mit Verletzung und Hintansetzung seiner übrigen Pflichten. Was er für den Einen thut, ist keine Rechtfertigung, Etwas wider den Anderen zu thun. Dies ist die richtige Anschauung, vor welcher alle Verwirrung der Begriffe sich aufhellt, und Jedermann klar schaut, was ihm zu thun obliegt. Wir Hessen sicher, daß aus allen Kämpfen der Gegenwart sich schließlich diese Anschauung als die gellende und bestimrnende hcrausbilden werde. Die üciliiischristl» der l|p;tcr und dir Libel. (Fortsetzung.) Wir übergehen hier die sprachlichen Vergleichungen, welche Schräder in seiner Schrift zwischen dem Hebräischen und Assyrischen heranbringt, und geben nur einige wenige Beispiele in einer Anmerkung. *) Wir beschränken uns auf thatsächliche Ergebnisse, *) Mit -N „Gott" ist das assyrische Ilu gleich, und sind beide aus eine Wurzel V’W „stark sein" zuriickzusühren. — Bei macht sich das Eigcnthümlichc bemerkbar, daß, während c8 im Hebräischen nur m der höheren Sprache sich erhalten hat und im Plural weiblich ist cs im Assyrischen in der gewöhnlichen Redeweise gebräuchlich ist, und „Meer" bedeutet, auch im Singular weiblich, nämlich Tibamtu. — TW „Acht" *“OT „männlich", letzteres im Assyrischen