Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 11 (11.3.1873)
- Date
- 1873-03-11
- Page
- Seite 173 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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173 Selbstständigkeit rer K irche herzustellen. Das; Das an sich rer Freiheit nur Ernsthaftigkeit der Religionsübung nicht Eintrag thut, will ich durch ein schon angeführtes Beispiel darlegen, nämlich durch das Judenthum, das die merkwürdige Erscheinung in der Weltgeschichte darbietet, beide besprochene Formen nach einander erlebt zu haben. 'Während es eine lange Zeit hindurch als die reine Theokratie geherrscht hat, so hat es sich nachher auf der Basis der freien Gemeinde fortgesetzt. Zu irdener Zeit es mehr im Stande gewesen ift > seine Angehörigen mit einem bestimmten religiösen Geiste zu durchdringen, wird doch Jedem aus der Geschickte einleuchtcn. Selbstverständlich wgr dies der Fall in der zweiten Periode, wie wir schon aus der .Vlage der Propheten über den Unglauben des Bolkeö in der ersten Periode ersehen können. Dieses Beispiel mit den Juden nun zeigt, wie auch der Katholicismus ohne den Papst, und die evangelische Kirche ohne den Oberkircheurath, cjiftivcn könnte. (Heilerkeil und Bravo! links.)" Tasielbe wurde in der Sitzung vom 27. Februar vom Abgeordneten Richter <Hagen) ausgesagt. Es handelte sich um eine Mehrsorterung von '>0,000 Thalern zur Verbesserung der äußeren &tge der Geistlichen und Lehrer, so daß der desfallsige Dispositionsfonds des Eultusministeriums für diese Rubrik 22f>,!)n 1 THaler betragen sollte. Die Commission hatte die Mehrforderung genehmigt, aber den Zusatz „aller Bekenntnisse" hinter „Geistlichen" beantragt. Der Abgeordnete Richter sprach gegen die Bewilligung, da er der orthodoxen hierarchischen Geistlichkeit, von der nicht wenige Glieder so viel Einkünfte, wie ein Ministerialdireetor, und mehr haben, und zwar auch in der evangelischen Kirche, nicht noch mehr zuwenden wolle. Unter Anderem sagte er: „Ich wünsche, daß alle kirchlichen Corporationen eine solche Verfassung vom Staate erhalten, wie sie jetzt die jüdische hat." Weiterhin schreibt er der starren Orthodoxie in der evangelischen Kirche den Tod alles kirchlichen Lebens zu, und ruft ans: „Ja, meine Herren, da steckt die Sache! Sehen Sie sich doch in Berlin um. Warum werden hier stolze Synagogen gebaut? und warum kann der Tom nicht fertig werden? Ter Berliner erträgt unwillig genug die Orthodoxie und ihre Herrschaft, aber noch Geld dafür ansgeben, das ist ihm zu viel." — IW. Glaser bekämpft den Antrag der Commission, ' der jedoch mit großer Mehrheit angenommen wird. Es heißt also jetzt: die Geistlichen aller Bekenntnisse sollen aus diesem Fonds unterstützt werden. Ganz gut, aber die Juden bekommen doch Nichts daraus, weil sic überhaupt vom Staate Nichts bekommen, obschon sie zu diesem Unterstütznngsfonds der christlichen Geistlichen ihren Thei! steuern. Berlin, 27. Februar. (Privatmitth.) Sie fragen mich, welchen Eindruck der von Herrn Laster hervorgerufene Vorgang auf die jüdische Bevölkerung Berlins gemacht habe? Da gerade zu Berlin die höhere und niedere Finanzwelt zu einem bedeutenden Bruchtheile jüdischen Bekenutnisses oder doch jüdischer 'Abstammung ist, so kann die Beantwortung dieser Frage immerhin für uns einiges 'Nachdenkens wenh sein. Denn es versteht sich von selbst, das; die hiesigen „Gründer" ebenfalls nicht ohne jüdisches Eontiugent geblieben sind. Dreifaches lasten Eie mich vorher bemerken. Zuerst daß es Niemandem eingefallen ist, .Herrn Laster wohl am Wenigsten, den gefammteu Finanz- und Hanrelsstaud als von dieser Fäulnis; ergriffen anzusehen. Ferner daß ebenso wenig alle Gründlingen und Actiennnternehmungen vom Schwindel ausgegangen, oder in der Weise des Schwindels geführt worden sind. Endlich daß eS sich hier gar nicht um Personenfragen handelt, sondern mu die allgenteine Berschlimmernng und die anznstrebende Verbessernng. Es ist daher aus diesem Gesichtspuucte gleichgültig, daß gerade der Judenfeind Wagener am Ersten entlarvt worden ist; auch erscheinen auf dieser traurigen Bühne die christlichen und jüdischen Namen so untereinander, daß von einer eonfessionellen Färbung nicht die Rede sein kann. Der Eindruck konnte demnach, von allen Personalien abgesehen, bei der jüdischen Bevölkerung Berlins kein anderer, als bei der übrigen Volksschicht sein. Alle, die mit Gründungen zu thun hatten, wurden betroffen. Die itnsoliden Gründer fühlten sich bedroht, und erleiden keine geringe 'Angst; die soliden sahen den Fortgang des Geschäftes in Gefahr, und können sich erst langsam überzeugen, daß durch Reinigung ihres Standes die solide Thätigkeit nur gewinnen kann. Mag immerhin das Vertrauen des Publieums erschüttert sein: auf dem Wege der Solidität und Rechtlichkeit stellt es sich bald wieder her. Die ungeheuere Mehrheit, die natürlich mit der Gründerei Nichts zu schaffen hatte, war sehr befriedigt, und begeisterte sich geradezu für Lasker. In den Beifall darüber, das; der Betrug endlich seine Strafe erhalte, mischte sich der beruhigte Neid, der über die außerordentlichen Gewinnste der Gründer in den Seelen geherrscht hatte. Dies ist aber für die tiefer Schauenden der eigentliche Angelpuuct. Ist es traurig, daß sich so viele Menschen immer und immer wieder betrügen lassen, so reicht dies doch lange nicht an den moralischen Schaden, der durch eine solche Richtung bewirkt wird. Das Beispiel einer schnellen und leichten Bereicherung untergräbt, wenn sie lange stattsindet, nach und nach die Sittlichkeit und das Rechtsgefühl einer ganzen Generation. Jedermann will reich werden, lernt die 'Arbeitsamkeit und Sparsauikeit scheuen, und verliert daS sittliche Unheil über die anzuwendonden Mittel. Noch mehr. Der plumpe Neichthnm erdrückt die Werthschätzung aller geistigen Arbeiten; jedes eigentliche Verdienst fällt in Mißachtung; Gelehrsanikeit, Wissenschaft und Kunst, gemeinnütziges Tneben, sie alle werden für Nichts geachtet. Der emporgekommene MammonSjäger steckt die Hände in die gefüllten Taschen und fragt: wie viel kostet die Welt? Ein übertriebener und gesllnnackloser Lnxnö, eine unerträgliche Prunksucht, DieS ist cs, was er zu befriedigen sucht, und mit Hohn sieht er auf Die hinab, die es ihm nicht gleich machen können. Wird ein solcher Geist allgemein, reißt er die Herrschaft der Zeit an sich: wehe