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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-03-04 · Heft 10 (4.3.1873) · p. Seite 162

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 10 (4.3.1873)
Date
1873-03-04
Page
Seite 162 (sequence 12)
Language
German
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162 Feuilleton. Lin Lritswechle! mit einem evangelischen Pastor, und wohin ein solcher immer ausgeht. Cö giebt Dinge, die mitten in dem Wechsel der Zeiten, und im größten Umschwünge der Verhältnisse, sich immer gleich bleiben, und denselben Slaiidpnnct während unseres Alters einnehmen, auf welchem wir sie als Knaben und Jünglinge kennen lernten. Ein kleines Beispiel hiervon, aber in aller Diseretion, und ohne Nennung der Namen, mag hier folgen. Ein evangelischer Pastor Hai ein Buch direct gegen uns geschrieben, und sendet uns ein Exemplar mit der freundlichen Bitte zn, ihm einen Abdruck unserer Besprechung des Buches zukommen zu lassen. Eine Vicfce ist der anderen werth, und wir standen daher nicht an, jenen Wunsch zn erfüllen. In unserer Kritik hatten wir zufällig den zweiten Theil unserer „Weltbewegenden Fragen", in welchen ,über das Berhätlniß des Indenthumes zum Ehristenthume, zum Islam, und zum Buddhismus, und die Stellung der verschiedenen Kirchen und Religionen unter einander, gehandelt worden ist, angeführt. Wir erhielten hieraus von jenem Herrn ein abermaliges, sehr gefälliges Schreiben mit der Bitte, ihm ein Exemplar dieses Werkes auf einige Zeit zu leihen. Wir kamen auch Diesem bereitwillig nach, denn wir wissen, daß Pastoren und Lehrer nicht immer i'm Stallte sind, sich theuere Werke alizuschasfen. Ter Herr Pastor sandte .uns auch zur gelegenen Zeit das Buch wieder zurück, von .'inem Briese begleitet, der in wohlwollendster Weise über die Darstellung, die Logik und die sachlichen Kenntnisse, die diesem Werke eigen seien, sich anssprach. Er hält dasselbe ernsten Studiums werth, imb habe sich aus demselben Ereerpte gemacht. Aber was kam nun? Der gute Mann versuchte uns zu bekehren, und führte die bekannten Stellen ans unserer heiligen Schrift an, in welchen eine eben so sehr der Kenntnis; der hebräischen Sprache und (Grammatik, und den; einfachen Zusammenhänge, wie dem gesunden Mellschenverstande abgewandte, Interpretation die Dreieinigkeit, die Erbsünde u. s. w. finden, oder doch angedentet sehen will, sowie die Stellen ans dem sogelrannten nclien Testamente, welche die Erfüllung von Weissagnngeil der Propheten erweisen sollen, und die um so zweideutiger sind, als für die daselbst erzählten Geschehnisse auch nicht das geringste geschichtliche Zeugnis; vorhanden ist. Hätten wir, was wir aber nicht gethan haben, uns irgendwie geschmeichelt, dnrch das gedachte Werk einen, wenn auch nur sehr geringen Einslus; auf die Ansichten des Herrn Pastors geübt zu haben, so konnten uns diese Anführungen überzeugen, das; dies durchaus nicht der Fall gewesen sei. Gut. Aber wie schloß der Brief? Wir wollen nur einige wellige Worte citiren: „Es ist mir der Gedanke schwer, ja schrecklich, daß Sic doch, lieber Herr Doctor, nach dem „sogenannten neuen Testamente", wie Sie es wiederholt nennen, einem schrecklicken Gerichte elltgegengehen, wenn Sic nicht auch noch durch die Gnade (Lottes in Dem allein Ihre Versöhnung und Erlösung suchen, der alle:,; Sie retten kann vor (Lottes Zorn. Gott gebe es!" Wir sind natürlich dem guten Pastor sehr verbunden, das; er solche Schrecken für uns empsindet, wünschten aber aufrichtig, daß er sie gar nicht empfände. Doch ernsthaft. Haben wir nicht abermals hier jenen, aller Vernunft baren, Widerspruch, daß der „zornige Gott" der Ehristen — nicht der Juden — die Menschen zu furchtbarem Gerichte verllrtheilen soll, während „die Gnade Gottes" sie alle reiten könnte, wenn sie nur wollte, d. h. wenn sie den Glauben an die allein seligmachellden Dogliien der Kirche wecken wollte. Da llach dieser Lehre der.Mensch weder durch die emsigste Arbeit seines Geistes, noch durch alle möglichen Werke der Liebe und des. Rechtes zum Glauben, und darum auch zur Rechtfertigung und Seligkeit, d. h. zum (Glauben an den Stifter der ckristlicken Religion, und an alles Das, was diesem an Wesen, Zweck und That iiliputirt worden ist, kommen kann,' sondern nur durch die Gnade Gottes: so liegt die Frage nahe, wer ist der schuldige Theil, der Mensch, oder die vermeintliche „Gnade Gottes"? Rein, mein lieber Herr Pastor, die Gnade Gottes erkennen auch wir als die höchste an, und erflehen sie für uns, aber es ist d i e Gnade Gottes, deren wir durch redliche Arbeit, durch treues Streben, durch einen Wandel voll Liebe und Recht, theilhastig zu werden überzeugt sind, wenn wir auch als schwache Sterbliche das Mas; nicht erfüllen, das zn erreichen wir fähig wären. Aus der Lehre jener Männer fließt eS denn anch, daß sie, sobald sie nur eonseqnent sein wollen, die starre Prädestinationslehre nickt verni.iden können, welche dem Fatalismus deS Islam, der dieselbe Gnadentheorie zwischen seine Gläubigen und seine Ungläubigen stellt, völlig gleich ist, und in welche AugustinuS wie Luther, die Ealvinisten wie die Iansenisten, verfielen, und die, genau geprüft, dem MatcrialiSnms nahe verwandt ist, denn sie kennt keine Freiheit, keine Selbstständigkeit des Willens und der Thal, sie kennt nur 'Willkür und Fessel. Znm Schlüsse nun noch eine Bemerkung. Wir werden die Herren nicht bekehren. Aber mögen sie dock, wenn ihre Lehren Nichts, als Zorn und Verdammnis;, enthalten, nicht immer mit Phrasen von Liebe um sich werfen. Es ist reine Heuchelei, wenn anch nicht immer beabsichtigte. In dieser ganzen Theorie ist keine Spur von göttlicher Liebe, noch von Menschenliebe. Setzen wir den Fall, in einer der Schriften des alten Testamentes wäre das furchtbare Wort enthalten: „Wer nicht für mich ist, ist wider mich!" welch ein Geschrei über die Gehässigkeit, die Ausschließlichkeit, die Verd.unmnngssucht Israels wäre längst erhoben! Dieses Wort, welches jede Meinungsverschiedenheit, jede verschiedene GlanbenSansicht mit dem Nrtheile der Verwerfung und der Ausrottung von vorn herein brandmarkt, ivelchcö die Menschheit

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