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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-03-04 · Heft 10 (4.3.1873) · p. Seite 157

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 10 (4.3.1873)
Date
1873-03-04
Page
Seite 157 (sequence 7)
Language
German
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15,7 Priester dem bürgerlichen Nechtsgesetze unterworfen sei, allgemeine Anerkennung gefunden hat; aber er hat sie gefunden. Und so wird cs auch mit der Stellung der .Kirche in Deutschland werden, für welche das Zndenthnm das Muster abgiebt. — Dennoch kann ich nicht schließen, ohne dem Bischof Ketteler noch zwei Bemerkungen zu machen. Cr wirst beständig mit der Forderung der „Lehr- und Lcrnfrciheit" um sich; sowie er nachdrücklich für alle Bolksfreihcitcn eiutritt. Wir überlassen es seinem Gewissen, wie er sich hierbei mit dem Shllabus absinke. Aber saelisch hat doch so eben die Kirche erwiesen, was sie unter Lehr- und Lernfreiheit versteht, wie sie ihre hochgeachtetsten Lehrer, da sie sich dem Vaticanum nicht blindlings unterwerfen und es lehren wollten, verdammte und absetzte. Wer aber die Lehr- und Lernfreiheit in sich verabscheuet, der kann sie auch nicht von außen her verlangen. Wenn irgend Etwas, so vertheidigen die Gesetzentwürfe die Lehr- und Lernfreiheit gegen den Despotismus der Bischöfe. Als eine freche Berdrehung der geschichtlichen Wahrheit ist es ferner zn bezeichnen, wenn der Verfasser wiederholt sagt, im antiken Heidenthnme wäre der Mensch in der abscheulichsten Weise geknechtet worden. Zeder Schüler wird ihm sagen, daß in Athen und Rom (bis zum Cäsarenthnme, das ja bald christlich wurde, ohne sich zn verändern i unendlich mehr Freiheit geherrscht hat, als im ganzen Mittelalter. Wurde doch unter der Herrschaft der Kirche selbst das antike Sklaventhnm bewahrt, und bis auf den heutigen Tag vertheidigt, und Gleiches geschah mit der Leibeigenschaft. Endlich, wenn er die Revolution von dem Ende des vorigen Zahrhundertes datirt, und daö Mittelalter von dieser frei, also in feinem Sinne als eine Zeit des Rechtes und der Treue, bezeichnet, so schlägt er der geschichtlichen Wahrheit in's Gesicht. Auflehnung gegen daö Staatsoberhaupt,- Bruch der beschworenen Treue, Sturz und Mord der Fürsten, waren gäng und gäbe, zahllose "Revolutionen fanden statt, und die meisten gingen von der Kirche aus. Berlin, IO. Febr. /Privatmittheil.j Zn den Verhandlungen über den ersten Paragraphen des Gesetzes in Betreff der Gränzen der kirchlichen Disciplinargewalt hat der Regierungseonnuisfar vor der Commission erklärt, dasselbe beziehe sich eben nur ans die evangelische und die römisch-katholische Kirche, weil deren Klerus ganz ausschließlich eine Amtsgewalt besitze. Das Ministerium stimmt also ganz mit Dem überein, was Sie in Nr. f> gesagt haben, und zeigt so, daß der Abgeordnete Laster, dessen Verdienste unserer Anerkennung nicht erst bedürfen, sich die Muhe hätte sparen können, die preußische Judenheit in das Gesetz über die kirchlichen Straf- und Znchtmittel hercinzuzichen. — Ties erinnert mich an die im Herbste bevorstehenden 'Neuwahlen zum Abgeordnetenhanse und zum Reichslage. Es ist merkwürdig, daß wir uns in Preußen vergebens nach jüdischen Eandidaten umschen. Rach dem Tode der Herren Reichcnhei m und K o s ch ist es nur noch Laster, der dern preußischen Abgeordnetenhausc angehört, und Derselbe ist wicderuni der einzige preußische Znre, rer im Reichstage sitzt, wen» man nicht den franksnrler S o n neman n jetzt binzurechueu will, da Wolfsson ein Hamburger, und Bamberger ein Mainzer ist, und Max Hirsch nur eine kurze Zeit dem norddentschen Reichstage angehörl hat. Es gehl daraus jedenfalls hervor, daß sich gegenwärtig so wenig hervorragende Zureu iül politischen Leben eine genügende Geltung verschaffen, um gewählt zu werkelt, was imnterhin allerdings noch mit einigen Schwierigkeiten verbunden ist, da es nur ein sehr liberal gesinnter Bezirk sein würde, in welchem ein' Znde gewählt zu werden hoffen darf. Zch will hiermit nicht sagen, daß es unter den jüngeren jütischen Männern an Fähigkeit gebreche, die zum parlamentarischen Berufe nothwendig ist, aber an Neigung, an Hingebung und Ausdauer, an Zeit unb Mühe. die dafür geopfert werden müssen. Ganz anders ist es aus dem Gebiete der Wissenschaft, namentlich von Speeialsächeru; denn ich kenne eine nicht unbeträchtliche Zahl junger Männer, welche zu den besten Hoffnungen berechtigen. Dagegen kann ich nicht verschweigen, daß es aus den« Gebiete der .jüdischen Literatur und Theologie bis jetzt nicht sehr hoffnungsreich aussieht. Die letzten Jahre haben eine Reihe bedeutender Männer auS der älteren Generation durch den Tod hinweggeführt, und wir sehen uns vergebens nach einem Ersätze für sie um. "Roch einiger Häupter beraubt, und wir können uns so ziemlich als verwaist ansehen. Es ist mir fern, sagen .zu wollen, daß nicht ebenso gut unvorhergesehen auch ans dem genannten Gebiete einige neue glänzende Kräfte erstehen können. Aber gegenwärtig sind sie nicht da; vielmehr hat die Mittelmäßigkeit sich überall das Terrain zu gewinnen gewußt, und vielleicht stammt daraus die Schärfe und Bitterkeit, mit welcher sich gewisse Herren in ihren Pnblicationen über Alles auslassen, waS nicht zu ihrer Person und Eligne gehört. Denn innerlich ist jede Mittelmäßigkcit sich ihrer Impotenz bewußt, und bekundet dieses Bewußtsein durch ein gallichtes Wesen gegen Alles, was etwa hervorragt. Was ich hier sage, soll eben nur ossenmürhig den zeitweisen Zustand charakterifiren, und audeuten, wo es uns fehlt. — So hat es uns nur ess> Lächeln abgewonnen, als bei Gelegenheit der Delegirtenversammlung am kn. Teeember vorigen Jahres ein jüdisihes Blatt äußerte: Es gäbe in Berlin leine Männer, welche die Geschäfte des Eentraleomitö's rer Alliance übernehmen und ansfnhren könnten. Alle Achtung vor Herrn Erömieux, aber um die Alliance wäre cs doch schlecht bestellt. wenn mit ihm ihr einziger Träger zu Grabe ginge. Und welche sind denn die Großlhaten rer Alliance, daß in Berlin keine Männer vorhanden sein sollten, die Gleiches aussühren könnten V Vielleicht, daß man hier um einigen Kern Wirklichkeit so vielen schönen blauen Dunst zu bereiten nicht versteht, wie in Paris. Ich zweifele sogar nicht, daß, vorausgesetzt es betrifft eine gesunde Aetion, der Reichseanzler sich in gegebenen Lagen verfolgter Israeliten eben so annehmcn würde, wie die früheren französischen Minister rcS Auswärtigen, wenn auch vielleicht mit

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