Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 10 (4.3.1873)
- Date
- 1873-03-04
- Page
- Seite 154 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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154 aus jenen Ermittelungen, namentlich der englischen Gelehrten, mit den elastischen und biblischen Nachrichten zu einem reichen Gesammtgemälve. „Allein die große Mehrzahl der deutschen Philologen verhielt sich diesen scheinbaren neuen Triumphen gegenüber zögernd mit ihrem Beifalle, skeptisch mit ihrem Uriheile. Und dazu hatte man ziemlich lange Zeit vollauf Recht. Durch eine Art von Gottesurtheil' hatte man in England vor den Angen des dortigen Publieums die Nichtigkeit der Entzifferungen erhärten wollen. Ter Vorstand der asiatischen Gesellscbaft sandte den vorzüglichsten Forschern einen Abdruck rer großen Inschrift ans rem Eylinder Tiglat-Pilefers— und siehe, die Uebersetzungen lauteten fast ganz übereinstimmend. Die deutschen Gelehrten lächelten, und slüfterten sich zu: Fable eonvenne! Und dies aus zwei Gründen. Man hatte längst gewahrt, das; die Lantwerthe der Zeichen von den verschiedenen Gelehrten sehr verschieden bestimmt wurden, was namentlich bei den Namen von Fürsten, Ländern und Gottheiten zu Tage trat — und einen Text kann man doch erst übersetzen, wenn man ihn lesen kann. Und für's Andere brachten die Herren Entzifferer gar sonderbare Wortgestalten zu Tage, welche für semitisch gelten sollten. Nun konnte man freilich nicht erwarten, das; das Assyrische mit einem der uns bekannten semitischen Idiome — denn als solches ward es durchweg angesehen — sich genau decke. Allein wir besitzen kenn doch eine genaue Kenntnis; von so vielen semitischen Dialekten, daß der Kundige gar wohl beurtheilen kann, was nach dem semitischen Sprachgeiste hier möglich ist." Hierzu kamen nun die ungeheueren Schwierigkeiten, welche einer sicheren Lesung der Schrifizüge entgegenstanden. In der ersten Gattung der Inschriften fanden sich lo verschiedene Zeichen, in der dritten über 4<io. Dies konnte kein Alphabet fein. Man fand Ideogramme, d. h. Zeichen, welche theils Abkürzungen bedeuteten, oder im voraus andeuten sollten, ob man den Namen eines Landes, Flusies, Herrschers oder einer Gottheit zuerwarten habe. Zn Hülfe kam jedoch, daß sich derselbe Text in vielen Inschriften sinket, und daß der König Assurbanipal im siebenten Jahrhunderte eine große Menge Täfelchen anfertigen ließ, auf welche die Deutung dieser Ideogramme verzeichnet wurden. Der Fund derselben in einein Palaste von Kuyundschil war für die Sicherung der Entzifferung epochemachend. So ist es denn gegenwärtig einem jungen deutschen Orientalisten, Eberhard Schräder, durch seine ansgebreitete und. gründliche Kenntnis; der semitischen Idiome, und eine streng wissenschaftliche Methode, gelungen, vor dem Publicum sowohl, wie vor den Fachgenosien, zu beweisen, daß die Entzifserung der Keilinschrifien, so mühsam und mit so großer Vorsicht sie auch auszusühren sei, doch gesichert ist. Er bewies ferner, daß btefe j assyrische Sprache wirklich ein semitischer Dialekt sei, wenn sie! auch mit seinemanderen.jetzt bekannten, genau eongruirt. Sein Verhältnis; ist ungefähr wie das des Aethiopischen zu den übrigen Dialekten. Schräder that dies in seiner Schrift: „Die assyrischbabylonischen Keilinschriften. Kritische Untersuchung der Grundlagen ihrer Entzifferung. Leipzig 1872." Allein Schräder wollte auch unmittelbare Früchte einsamnreln, und dies thal er in seiner neuesten Schrift: „Die Keilinschriften und das Alte Testament." Leipzig, 1872. Er sucht hier aus allen bisher veröffentlichten Keilinschrifien Alles zusammen, was eine Beziehung auf die heilige Schrift hat. Hierin wollen wir ihm jetzt folgen. Haben wir vor Kurzern von Westen her (aus Aegypten» so viel geschichtliches Licht über die Bibel fließen sehen, so nun auch von Osten (Assyrien) her. Wir hoffen, daß wir so endlich aus der zum Neberdrnsse gemehrten Hnpothesensuckt über die heilige Schrift hinauskommen werden. «Fortsetzung folgt.) Literarischer Wochenbericht. Vom Rheine, 0. Februar. „Die Salzburger Chronik von G. Wolf. Wien, Herzfeld u. Bauer 1873/l Der in historischen Forschungen, zumal in Betreff jüdischer Geschichte, unermüdliche Di-. G. Wolf bespricht hier eine Landschaft, von deren jüdischen Einwohnern noch nicht sehr viel bekannt ist. Leider ist auch die Ausbeute des Herrn Wolf, trotz aller auf seinen Gegenstand verwendeten Mühe, nicht sehr reichlich ausgefallen. Von der Geschichte der salzburger Juden im Mittelalter ist weiter Nichts bekannt, als ihre Austreibung durch den Erzbischof Leonhard von Keutschach, einen herrischen, despotischen, auch seine christlichen Unterlhanen hart bedrückenden Mann, im Jahre 1 1 US. UebrigenS scheinen damals nur vier jüdische Familien in Salzburg gelebt zu haben, welche einen Revers ausftellen mußten, in kern sie versprachen, niemals zurückzukehren, und sich wegen der Austreibung nicht rächen zu wollen. Erst gegen Ende des l 8. Jahrhundertes erscheinen wieder Juden im Salzburgischen, aber nur als Durchreisende, nicht fest wohnhaft. Selbstverständlich waren sie, wie in den meisten deutschen Ländern, dem Leibzolle und einer Taxe für einen Policisten, der sie auf Schritt und Tritt begleitete, unterworfen. Erst im Jahre 1701 wurden diese schmachvollen Abgaben abgeschasft durch den Erzbischof Hieronymus Franz von Colloredo, einen jener humanen und erleuckteten Prälaten, welche noch zuletzt die geistlichen Herrscherstühle in Deutschland zierten. Die besondere Veranlasiung zu dieser Maßnahme war die Klage eines kurbaierifchen Hofjnden gewesen, welchen man wegen angeblich nicht bezahlten Leibzottes mit einer Geldstrafe belegt hatte. Der Geist des 18. | Jahrhundertes war schon so mächtig, daß die erzbischöfliche Polizeistelle selbst, mit Berufung auf die allgemeine Gleichheit aller Menschen und auf religiöse Toleranz, die Aushebung des Leib- ' Zolles anempsahl. Als dann im Jahre 1801 dach Erzstist