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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-03-04 · Heft 10 (4.3.1873) · p. Seite 153

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 10 (4.3.1873)
Date
1873-03-04
Page
Seite 153 (sequence 3)
Language
German
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153 Bit Lkililischriftrn der Ässyrer und die Bibel. Zn den menschlichen Dingen waltet ein cigcnthümliches Geschick. Die Böller errichten mit großen Anstrengungen riesige Monumente, gewaltige Bauwerke, und bedecken sie mit Inschriften, in der Absicht, um die Ereignisse und Zwecke, denen sie gewidmet sind, und den Ruhm der Herrscher und Erbauer, für alle Zeiten im Gedächtnisse der Menschen zu erhalten. Diese Inschriften machen sie in ihrer Sprache und mit ihren Schriftzügen. Dann aber kontmt die Hand der Zerstörung über die Monumente und Bauwerke. Sie zerfallen in Trümmer, der Staub und Schutt der Jahrtausende legt sich darüber, die Völker verschwinden, und mit ihnen ihre Sprache und ihre Schriftzüge. So liegen sie unter dem Dunkel der Bergessenheil lange, lange Zeiten. Dft bauen andere Lölkerstännue und Geschlechter ihre Wohnungen und Denkmäler auf die Schutthaufen, unter welchen die zerschlagenen Ou’fte früherer Eulturepochen ruhen. Dann kommen die Pioniere der Eivilisation, oder die Arbeiter der Wissenschaft in diese Gegenden; zufällig dringen sie, oft auch in der Ahullng dessen, was da drinnen verborgen liegt, in den Schoos; der Erde; einzelne Scherben und Trümmerstücke kommen zu Tage; man deckt die Erde ab und in größerer Menge werden Ucberreste uralter Geschichtszeiten hcraufgcschasst. Jetzt erblickt man die Inschriften wieder. Niemand kennt die Charaktere, Niemand versteht die Sprache: cs ist alles Räthsel. Aber der Wissenstrieb läßt nicht ruhen; eiserne Ausdauer und schärfste Eombination bemächtigen sich der Trümmer, und eine lange Reihe emsiger, wissensreicher und geistesstarker Männer durchforscht jene, und wenn nun ein glücklicher Umstand, ein günstiger Zufall hinzutritt, um den ersten Anhalt zu geben, so rollt sich nach und nach Schrift uns Sprache zum Verständnisse auf/ und bald wird die Frucht dieser mühsamen Anstrengungen 311111 Eigenthume der Wissenschaft. Wir lesen und verstehen wieder, was vor Jahrtausenden eingegraben oder geschrieben worden ist, und sind dadurch im Stande, diejenigen Berichte zu reetifieireu, die uns anderswo erhalten waren. So ist es mit den ägyptischen Denkmälern und Papyrusrollen gegangen, so mit dem Phönieischen und Himjaritischen, und also auch mit der assyrischen Keilschrift, deren Verständnis;, lange Zeit angezweifelt, jetzt gesichert ist. Von der Geschichte dieser Keilschrift wollen wir heule unsere Leser unterhalten, da sie das doppelte Interesse für uns hat, daß die assyrische Sprache eine semitische, freilich dem hebräischen und aramäischen Dialekte etwas ferne war, und aus diesen Keilinschristen die Berichte der Bibel, insbesondere aus den Zeiten der Könige, bestätigt werden. Wersen wir zunächst einen kurzen Blick auf die Geschichte dieser Keiliuschriften, und zwar mit den Worten eines Berichterstatters der AugSb. Attg. Zeit.: „Bald sind cS hundert Jahre, daß der große Reifende Karsten Riebuhr in seiner „Reifebeschreibung von Arabien und den umliegenden Ländern" auch Abdrücke jener, in den Ruinen des alten Persepolis! entdeckten Inschristen mittheilte, in denen jedes Zeichen auS einem wunderlichen Gefüge keilartiger Striche bestand. Diese Fünde wurden stark vermehrt und berichtigt durch die Sammlungen der steifenden Ker Porter und Rich, dann durch Westergaard, Rawlinson und andere. Jene Inschriften enthielten drei Arten von Schrift, und muthmaßlich auch von Sprache. Als die Ruinen von Ninive, in den Dörfern Nimrud, Ehorsabad, Kuyundschik, vor allen durch Layard, an's Tageslicht kamen, fanden sich auch zahllose Inschriften, die mit der dritten Gattung jener mehrsprachigen Keilschriften offenbar identisch waren. Kundige Forscher eilten dorthin, um? brachten neue Schätze aller Art heim. „Daß in diesem reichen Materiale eine ungeahnte Fülle neuer historischer und sprachlicher Kunde der mächtigsten Reiche Vorderasiens auS alter Zeit vorliege, Monumente der schätzbarsten Art, das konnte Jeder ahnen, und begierig harrte man. auf die Entzifferung. Allein dieser stellten sich gewaltige Schwierigkeiten entgegen. Die erste Gattung erschien noch als die leichteste. Hier fanden sich wenig über vierzig verschiedene Zeichen. Einem deutschen Forscher gelang es, mit genialem Scharfsinne das Eis zu brechen. Er entzifferte die Namen XerxeS, Darius, Hystäspes — und damit war die höchste Wahrscheinlichkeit gegeben, das; hier Inschriften in der altpcrsischen Sprache vorliegen. Damit war unendlich viel gewonnen. Aber erst die neuen, fast gleichzeitigen, Entdeckungen von Bnrnons und Lassen, denen sich bald Westergaard und Rawlinsori auschlossen, lichteten das Dunkel fo. bedeutend, daß man diese altpersischen Inschristen als gründlich entziffert und verstanden betrachten konnte. Denn nachdem erst oie Lantwertye der Zeichen richtig erkannt waren, bot das Geschäft oes Philologen bald sichere Ausbeute. „Diese verhältmßmäßig schnellen Triumphe ermnthigten die Hauptsorscher auf diesen (Gebieten, ihre Kunst auch an der dritten Gattung der Keiliuschriften, und nameiitlich an den einsprachigen, in Ninive und Babylon gefundenen, Inschriften zu versuchen. Es lag die höchste Wahrscheinlichkeit vor, daß jene dreisprachigen Keiltezte mir eine dreifache Form desselben Inhaltes darbieten. Eine Vergleichung der Namen erhob dies zur Gewißheit. Mithin kannte man den Inhalt auch jener dritten Gattung, natürlich ein gewaltiger Vortheil. Man entzisserte und las mit mehr Tapferkeit, als Gründlichkeit. Gleichwohl gebührt Henry Rawlinson, Rorris, Hincks. Talbot, Smith, neuerdings Sayce u. A. das Verdienst, Scharfsinn nur? Mühe in hohem Grade der Sache zugewendet zu haben. Auf französischem Boden betheiligte sich an diesem Eifer in hervorragender Weise Julius Oppert aus Hamourg, neuerdings die Franzosen Monant und Lenormant. Daraus hin wagte cs bereits 1$5<; Johannes Brandis, der Sohn des bekannten Gcschick'lsschreibers der griechischen Philosophie, in übersichtlicher Weise den „historischen Gewinn" abzuschätzen, den man sich aus diesen Entzifsernngen versprechen dürfe. Und im Jahre darauf verweb Marius von Niebnhr in seiner „Geschichte Assurs und Babels" die angeblichen Ergebnisse 10*

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