Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-02-25 · Heft 9 (25.2.1873) · p. Seite 136

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 9 (25.2.1873)
Date
1873-02-25
Page
Seite 136 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3226906-3226916--31447-3254365
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

136 hatte. Erst unter Konstantin durften (tuten sich Jerusalem wieder nähern, und hier und da im Kande ihrer Bäter wieder niederlassen, ater nur vorübergehend unter dem Kaiser Julian auch in Jerusalem. Die Nachfolger desselben gestatteten den Juden, wie Hieronymus berichtet, nur einmal im Jahre Jerusalem zu betreten, und über ressen Fat! zu weinen. Sv war cs erst die niuhammeranische Herrschaft, welche reu Juden die unbedingte Freiheit gewährte, sich in Jerusalem, und an allen beliebigen Orten, und in nnbeschränkter Zahl, ansässig zu machen, so das; jetzt in Jerusalem das Drittel der Bevölkerung aus Juden besteht. Berber hatten die Perser unter Ehosroes 11. im Juni fil 1 Jerusalem eingenommen, und große Verwüstungen angerichtet. Es war nicht zu verwundern, das; sich überall die Juden dem Zuge der Perser anschlossen, wenn auch einer und der andere christliche Chronist jener Zeit die Tätigkeit der Juden hierbei in gehässiger Weise übertreibt. Doch schon 02 s gaben die Perser dem.Kaiser Heraklius die heilige Stadt zurück, jedoch mw zu einer kurzen Herrschaft, denn im Jahre 037 ging Jerusalem in den Besitz der Muhammedaner über, und verblieb darunter mit Ausnahme der kurzen Zeit, während welcher die Kreuzfahrer Jerusalem besetzt hielten. Grausig war das Geschick der Start während der Krcuzzüge, wo mehr als einmal die christlichen Eroberer bis zum Bauche ihrer Roste in einem Blmstrome wateten. Bekanntlich errangen die Kreuzfahrer zweimal die Herrschaft in Jerusalem, zuerst von 1 nti*.» — 11S7, und dann 1220—1211. - Foppe ljetzt Jaffa), eine plnlistäiscke Stadt, gehörte, obschon dickt an der Gränze des Stammes Dan gelegen, nicht zum Besitzthmue des israelitischen Belkes, und erst die Makkabäer Jonathan und Simon entrissen sie den Snrern, und schlugen sie zu Judäa; Pompejus nahm sie ihm wieder, während Cäsar sie dem Hyrkan abermals bewilligte. Der Römer Eestius zerstörte sie; bald aber war sie wieder hergestellt, und ein Schlupfwinkel jüdischer Piraten, so daß sie Bespasian abermals der Erde gleich machte. Dock dieser Platz war unentbehrlich, mir Bespasian selbst sah sich genölhigt, ein Eastetl daselbst erbauen zu lasten, um welches sich bald wieder eine Start lagerte. Jetzt zählt sie bis an 1 u,o<»<» Einwohner. In der Nähe hat sich eine schwäbische Eolonie niedergelasten, die mit unsäglichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, und Herr Netter hat den' ersten Grund zu einer jüdischen Ackerbam'ckule gelegt, zu deren Erhaltung und Ausdehnung die Mittel aber noch fehlen. Was in uns bei der Erinnerung an Jerusalem, abgesehen von kein ganzen großen Inhalte, stets als ein besonderer Gedanke ausstieg, wir wollen ihn hierbei aussprechen. „Bon Zion gehr die Kehre ans, und das Verl Gottes von Jerusalem" — ja, diese l'djvc und dieses ^'011, aber niemals eine hierarchische Herrschaft, eine nach rer Weltherrschaft gierig strebende Pricstermacht, eine Unterjochung und Knechtung der Geister. Dies ist es, was Jerusalem und Rom für immer unterscheidet. Um Jerusalem wohnte, so lange eS Israel gehörte, ein freies, in Selbstverwaltung ausgewachsenes Volk, das auch zu den Zeiten seiner Könige durch seine Propheten gegen alle despotische Willkür, und gegen jede Priestermacht, Widerstand leistete. Nicht Jerusalem wollte die Belker bezwingen, wollte seine Kehre und sein Wort den Stationen ausdrängen. Durch das Abend- und daS Morgenland ergoß sich diese Kehre und dieses Wort, aber nicht sic selbst, und nicht ihre wirklichen Träger, bildeten eine pricsterliche Schaar, eine wohlgegliederte hierarchische Organisation, welche, wenn auch mit Schwert und Feuer, mit Baun und Fluch, alle Völker zu ihren Füßen sehen wollte. Die Berohrung für Jerusalem, als die Geburts- und Pflanzstätte der Gotteslehre, ist darnnr eine reine, ungetrübte, von den Berwünschnngen der Völker, verfolgter und niedcrgetrctener (Geister, freie, und wird sich darum erhalten in allen Zeiten, und in allen Menschen, deren Herzen für eine religiöse Ueberzeugnng zu schlagen noch nicht aufgehört haben. Daß Jerusalem und Joppe noch eine wechselvolle Zukunft bevorfteht, kann nicht verkannt werden, und die bald in Angriff genommene Eisenbahn bildet sicher ein nicht unbedeutendes Glied in der Annäherung derselben. Wir sprechen dies aus den politischen Gesichtspunelen der Gegenwart heraus. Wir haben es hier mit dem Glauben nicht zu thun. Wer an das Erscheinen eines persönlichen Messias glaubt, must sich in Geduld fassen. Wir leben jetzt :;<><>, oder nach anderen Berechnungen, .70«» Jahre länger in der Zerstreuung, als unsere Bäter im heiligen Kanre ansässig gewesen sind. Aber für ganz Asien naht sich eine umwälzende Krise. In allen früheren Epochen strömten die Belkerstämme ans Asien siegreich über Europa, die maeedonische, römische und griechische Herrschaft, sowie die Züge der Kreuz- Heere, stritten immer nur um die asiatischen Borderländer, und waren von geringer Tauer. Jetzt aber ist cs anders, und während die europäische Eultur sich in die großen vstasiatischen Reiche den Eingang erzwungen hat, dringen zwei europäische Großmächte von Süden und Norden her rief in Eentralasien ein, und müssen jetzt schon an eine Deinarcationslinie zwischen den Gränzen ihrer Herrschaft denken, eine Kinie, die nach der geschichtlichen Erfahrung nur so lange festgehalten wird, als der Andere sich in ganzer Machtfütte befindet. Schon geräth Persien in das Basatlenthum Rußlands, und wird so zum Spielbatte de? europäischen Diplomatie, wie es die Türkei schon längst gewesen ist. So ist in die Mille Asiens der Gahrnngsstoss für eine völlige Umwälzung der Berhältnisse, der Bölkcrschaftcn und Staaten geworfen worden, der fort und fort in rem großen Proceste auswallen wird, dessen zukünftige Ergebnisse Niemand voraussehen kann. Bon Westen her wird aber Jerusalem, noch dazu, wenn cs vom Meere aus leicht zugänglich geworden sein wird, nicht bloö seiner heiligen Weihe, sondern auch seiner Kage wegen, die Augen immer auf sich ziehen, und es wird daher ein wichtiger Stationspunet in der Neugestaltung' dieser künftigen Welt sein.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.