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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-02-18 · Heft 8 (18.2.1873) · p. Seite 120

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 8 (18.2.1873)
Date
1873-02-18
Page
Seite 120 (sequence 6)
Language
German
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120 ausspricht: “Tr. Nicht Jdentisicirung, nicht völlige Gleichstellung in Bildung, Berus und Thätigkeit, sondern die mögliche Entwickelung und Verwendung der vorhandenen und sich ansrehueuken Fähigkeilen ist das Ziel. — Die zweite Broschüre ist: „Die Semitischen Bölker. Bersuch einer Charakteristik von D. Chwolson, ordentlichem Professor an der Kaiserlichen Petersburger Universität. Bruchstückweise vorgetragen in der öffentlichen Sitzung der Kaiserlichen St.-Petersburger Universität atn Stiftungstage derselben, dem 8 2n. Februar 1871. Berlin, Verlag von Franz Duncker." Seitdem die Sprachforschung die tiefgehende Verschiedenheit der semitischen und der arischen Bölkerfamilie ausgceeckt hat, suchte man die Unterschiede und Cigeuthümlichleiten im Charakter tiefer beiten Staren, welche schon die heilige Schrift als solche benennt, sestzustellen. Cs geschah hierbei, was sich bei Beurtheiluug von Naeen, Nationalitäten und Religionen immer wiederholt: die Selbstüberschätzung der eigenen Gemeinschaft, und die Verachtung der anderen, machte sich Mft. Der Christ verachtet den Muhammedaner, ohne zu bedenken, das; dieser wieder den Christen aus's Tiefste mistachtet. Wie sich gegenseitig in der letzten Zeit Deutsche und Franzosen beurtheilten, brauchen wir nur anzudeuten. Cin objeetives, wissenschaftliches Unheil, welches genau die Vorzüge und 'N'achtheile jeder menschlichen Erscheinutlg abwägt, kommt gewöhnlich erst hinterdrein, wenn die anfängliche Veideuschastlichkeit und Parteilichkeit zu so vielen essenbaren Jrrlhümern geführt hat, das; sie jedem Vorurtheilslosen von selbst in die Augen springen. So ging es auch in der Charakterisirung der beiden Menschenraeen zu. Der Arier führte das Wort, und der Semit haue die Schläge zu empfangen. Sagen wir es offen: nicht wenig trug dazu bei, daß man die Fnden, die semitischen Ursprunges sind, hiermit am Meisten niederbeugen, und inmitten der arischen Völker aussenderu, und verächtlich machen wellte. An die Spitze dieser Semitenfeinde trat Ernst Renan, der, mit Jguourring oder Verdrehung der essenkundigsten Thalsachen, mit rer oberflächlichsten >ieniitnißnahmc der Geschichte nur Literatur rer Semiten, diese als eine r;,ee inlVriciiiT, und von den mangelhaftesten geistigen Fähigkeiten und Leistungen, stenrpelte. Die Crwiederuugen und die Nachweise seiner Jrrthümer blieben nicht aus. In der vorliegenden Broschüre nun versucht der bekannte Gelehrte in St.-Petersburg eine, auf wirklicker historischer Erkenntnis; beruhende, objeetive Charakteristik rer Arier und Semiten in ihren unterscheidenden Merkmalen. Wir erkennen gern diesen Bersuch als gelungen an, wenn wir auch hier und da Einwendungen zu erheben hätten. Chwolson stellt priueipielle Unterschiede auf, zerlegt diese nach allen Richtungen, und bringt mm aus einen, großen Schatze geschichtlicher und literarischer Kenntnisse die Nachweise bis iu's Einzelnste heran. Cr beginnt mit einer Betrachtung über die Ursachen der Völkerbildung, zeigt dann die Ansichten Reuans in allen ihren Schwächen, und in der Unzulänglichkeit ihrer Begründung, und beginnt von hier auS seine eigene Darstellung. Was den zweiten Punct betrifft, so wird man sich jetzt in der Dhat über die Naivetät des Franzosen, und über die Verblendung des größeren Publicums wundern, welches dem französischen Kritiker und Lchematiker sich so schnell gefangen gab. Als Hauptmerkmale des semitischen Charakters stellt Chwolson folgende auf: I. Nüchternheit des Gemüthes, und Mangel einer ausschweifenden Phantasie. II.' Schars ausgeprägte Individualität der einzelnen Persönlichkeit, und III. Tiefe Innerlichkeit des Gemüthes, rasche und leichte Erregbarkeit desselben, und, als Folge davon, Empfänglichkeit für humane Jdceen, Steigung zur Wohlthätigkcil, schnelle Begeisterung für eine Idee,. ferner Höherstellung des Geistes, einer Idee, als der materiellen Kraft; ein mehr geistiges Auffassen der Außenwelt, und eine Neigung zum Idealismus." Diese Allgemeinheiten nun zerlegt der Verfasser nach allen ruenschlichen Beziehungen systematisch in Emzelnheiteu, und sucht deren Gestaltung im geschichtlichen Vcl'cii der semitischen und der arischen Völker auf, um sie gegenseitig abzuwägen. Er will Vorzüge und 'Nachtheile, Ncht- und Schattenseiten aufsuchen, und dem Forscher und gewandten Denker bleiben die Nachweise nicht aus. Zu verkennen ist es nicht, das; hierbei die Semiten in großen Vortheil kommen. Wir verweisen unsere b'eser auf das höchst intereffante Büchlein selbst. Temnngeachlet können wir uns mit dem Resultate nicht einverstanden erklären. Warum nicht? Alle solche Vergleichungen und Charakteristiken leiten an rem Mangel, daß sie der geschichtlichen Entwickelung nicht folgen. Sie gehen weit in die Geschichte zurück, werfen die verschiedenen Epochen ohne Unterscheidung untereinander, Beweise aus dreitausendjähriger und aus jüngster Vergangenheit stehen dicht neben einander, als ob die Menschen beider Epochen sich gleich geblieben wären. Es geht daraus unwillkürlich die Anschauung hervor, als ob wir es mit lauter Unabänderlichkeiten zu thun hätten. Und dennoch widerspricht Dieser die Wirklichkeit. Diese unterschiedliche Charakterzeichnung trifft iinmer nur auf die Zeiten zu, wo die Völkerstämme völlig getrennt lebten, und wo sie dies noch thun. Der unermeßliche Austausch aber, der zwischen den Raccn und Nationalitäten stattgesunden hat, wirkt auch verändernd auf ihre generische Eigeuthümlichkeit. Die Perser mögen inunerhin arischen Ursprunges sein, und Züge desselben bewahrt haben, sie sind doch Muhammedaner mit?eib und Seele geworden. Die Europäer haben, trotz ihres arischen Ursprunges, den Einfluß deS semitischen Christenthumes in unberechenbarer Weise empfangen. Die Juden, obschon Semiten, haben sich, seitdem sie Palästina, und noch mehr, seitdem sie die Ghetti verlassen haben, in der Mitte der Arier außerordentlich verändert, und die abendländischen und orientalischen Juden haben wenig mehr Gemeinsames mit

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