Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 7 (11.2.1873)
- Date
- 1873-02-11
- Page
- Seite 109 (sequence 11)
- Language
- German
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109 Beschaffenheit des Territoriums, das er zum Schau platze für die Erziehung seines Volkes ausersehen hat. Der Aufbruch der Hebräer. Exodus 1 fgd. sehen wir Mose als achtzigjährigen Greis wiederum den Palast deS Pharao betreten und den letzteren auffordern, fein Volk auf Geheiß des Gottes der Hebräer drei Tagereisen in die Wüste wandern zu lassen, um zu opfern, damit ihr Gott sie nicht überfalle mit der Pest oder mit dem Schwerte. Ter Pharao, welcher dem Verlangen des Mose nicht willfahrt und die Bedrückung des Volles bis in's Unerträgliche steigert. ist nicht mehr der große Ramses, sondern sein schwächerer Sohn Mernephtah, der, wie seine Väter, zeitweise zu Tanis residirt, und manches heute noch erhaltene, an diesem Orte befindliche, oder doch ihm entstammende Tenkmal, mit feinem Namen versehen hat. Zur Zeit seines Großvaters Hanen libysche Stämme die Westgränze seines Reiches bedroht, und waren auch von seinem Vater kräftig zurückaewiesen worden; sobald aber Ramses die Augen geschlossen hatte; verbanden sie sich mir den Inselvölkern res Mittelmeeres, und überfielen von Neuem zu Wasser und zu Lande den Norden des Reiches. Im großen Reichstempel von Karnak hat sich mit verhältnismäßig geringen Lücken der Bericht seiner Siege über sie erhalten. Rur eine geringe Zahl von anderen Monumenten dieses weniger kriegerischen Fürsten sind in Oberägyplen gesunden worden, und Vieles scheint darauf hinznweisen, daß er, theils wegen der von Nordwesten her drohenden Gefahren, theils um den, von auflässigen fremden Elementen erfüllten östlichen Gränzmarken res Landes nahe zu sein, in Unteräghpten, bald in Memphis, bald in Tanis. residirte. Kriegsgefangene in Menge, welche die Heerzüge seines Vorgängers in's Land geführt hallen, und außerdem nomadisirende Beduinenstämme, unter denen die Schasu von Irnmäa tAtema) und asiatische Beduinen oder besser Hirlenstännne genannt werden, bevölkerten den Osten des Reiches, und konnten dem rein ägyptischen Eulturlande in ähnlicher Weise gefährlich werden, wie heute die Kabylen den von Europäern enltivirlen Provinzen im französischen Algerien. Tiefe beweglichen und widerwillig schweren Zwang erduldenden Elemente niererzuhalten, bedurfte eS großer, mit Energie gepaarter Umsicht, wenn sich auch Mernephtah ihnen gegenüber in einer weit günstigeren Lage befand, als seine Vorgänger. Tenn während, so Sen wie Ramses, in ihren .Kriegen mit den großen semitischen Nachbarstaaten fürchten mußten, daß sich die Hebräer in Gosen mit dem Lantesfeinde verbinden könnten, so war namentlich durch Ramses diese Gefahr beseitigt worden. Einerseits gewährte die von ihm befestigte Reichsgränze Schutz vor plötzlichen UeberfäUen, und andererseits war durch Frierensverlräge und Ehebündniffe zwischen dem Pharaonenhanse und den mächtigsten syrischen. Fürsten ans der alten Feindschaft ein friedliches, ja ein freundliches Nebeneinankerleben erwachsen; so zwar, daß den Aegyptern immerhin die Besugniß verblieb, sich in die politischen Angelegenheiten ihrer Verbündeten, wenn auch mit Schonung, zu mischen. Außerdem hatten die palästinensischen Staaten , die sich schon unter Ramses einer erheblichen Enltnrblüthe erfreut zu haben scheinen, die ausbrechenken Nomaten,. Frohnarbeiter und Gefangenenschwärme nicht viel weniger zu fürchten, als die Aegypter selbst. In dem Friedensverlrage zwischen Ramses II. und dem Fürsten der Ehern. Ehetasar, welcher sich aus einer großen Mauerstele im Tempelbezirke von' Karnak gefunden hat, heißt es in der 223. Zeile ausdrücklich: „Wenn Bewohner des Landes des Ramses Miamun zum Fürsten von Eheta übertreten, so wird sie der Fürst von Eheta nick: anfnehmen; der Fürst von Eheta wird sie zu Ramses Miamun, rem großen Könige von Aegypten, zurückbringen lassen" .... Am stark beschädigten Ende der 23. Zeile ist von „Flüchtlingen" die Rede, von denen wohl das Gleiche gelten zu sollen scheint. Mernephtah durfte hoffen, daß seine Verbündeten einzelne Gruppen von entweichenden Frohnarbeilern zurückweisen würden; und so konnte er es wagen, ihre Kraft iu unerhörter Weise auszunutzen; aber nur so lange, als sie, zerstreut aus einem weiten Landstricke, von kleinen Ansseherposien überwacht werden konnten. Gelang es den semitischen Gästen, sich an einem Puncre zu vereinen, daun mochte leicht aus den kleinen, unschwer zu dämmenden Bächen, ein Strom werden, von dem nicht abzuseben war, ob er sich verderbend und zerstörend nach Westen hin ans reiche ägyptische Provinzen, oder nach Osten zu, auf die den Pharaonen gewärtigen palästinensischen Eulturstaaien, wälzen werde. In letzterem, immerhin dem besseren Falle, wurden doch bei rem lebendigen Verkehre, den Aegypten in jener Zeit mit den asiatischen Nachbarstaaten unterhielt, tausend Privatinteressen gestört, ein neuer Krieg konnte nicht vermieden werden, und das Land verlor zu gleicher Zeit seine brauchbarsten und wohlfeilsten Arbeitskräfte. Unter selchen Umständen mußte ras Begehren des Mose Mernephtah mit einer großen und wohlbegrünreten Besorgniß erfüllen, und ihn zwingen, sich einer Zusammenschaarung der Hebräer, unter welchem Vorwände sie auch verlangt wurde, mit äußerster Energie zu widersetzen. , Fortsetzung folgt.) Vermischtes. Es ruacht dem wissenschaftlichen Geiste und der wissenschaftlichen Methode unserer Zeit keine große Ehre, daß man unter dein Vorwände wissenschastltcher Auslegung und Teurung mit dem Bibelworte ganz nach Belieben nnispringt, es sagen läßt, waS man will, was Einem in den Kram paßt, oft das Entgegengesetzte von Tem, was es offenbar sagt. Hat man früher das Verstänrniß der Bibel durch das ängstliche Festhalten an