Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 7 (11.2.1873)
- Date
- 1873-02-11
- Page
- Seite 106 (sequence 8)
- Language
- German
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106 Boden ist es leicht erklärlich, daß rer Gemeindehader in den ungarischen CulmsZemeinden, wie man hier sagt, nicht aussterben will. Die Regierung enthält sich jeder Intervention und Einmischung. Die vom Eongrcsse eingesetzten Distriersrepräsentanzen existiren nur dem Namen nach. Die israelitische Landescanzlei verschmäht jede öffentliche Kundgebung. Die Rabbiner, die durch die Eongreßbeschlüste, wie dies Herr 'Rabbiner Löw gründlich nachgewiesen hat, um alles Ansehen gekommen sind, führen ein wahres Schattendasein, da sie der Laune des Vorstandes und der Gememdemitglieder völlig anheim gegeben sind. — Folgendes Beispiel aus Fünskirchen giebt dazu den sprechendsten Beleg. Herr Rabbiner Ehrlich in Fünskirchen, einer der gebildetsten Rabbiner in Ungarn, war nahe daran seine Stelle zu verlieren, ^iiir mit vielen Kämpfen ist es rer gemäßigten Partei gelungen, die Belastung desselben aus seinem Posten ans weitere zwei Jahre durchzusetzen. Herr Rabbiner Ehrlich ist bereits acht Jahre in Fünskirchen, und man fand es für Rechtswegen der religiösen Erbauung — da Herr Ehrlich nicht zu den eminenten Kanzelrednern gehören soll — den anerkannt gelehrten nnd würdigen Rabbiner seines Amtes zu entsetzen! Gegen solche Willkür sinder der Rabbiner -nirgends -Schutz, und steht rechtlos da! Hierin sind die Lehrer weit bester daran, da sie von der Behörde und dem Schulgesetze Unterstützung finden; aber für den Rabbiner giebt es keinen Paragraphen, der ihm einigermaßen Sicherheit gewährte. Bon Unterstützung der Rabbinerwittwen und -Waisen will ich gar nicht reden. Es wurde dieser Gegenstand oft angeregt; aber kein Mensch kümmert sich darum. Wer von den Mitgliedern der israelitischen Landcscanzlei und den Districtsrepräsentanten findet es der Mühe werth, für die Rechte der Rabbiner und der Wirtwen und Waisen derselben cinzulreten? Unlängst erzählte uns ein unglücklicher, bettelnder Errabbiner, der wegen Gebrechlichkeit seine Stelle aufgeben mußte, daß er zu einem hochgestellten Beamten in Pest wegen seiner Pensionirung aus dem Schulsonds ging, und von demselben an die Landescanzlei, wie sich von selbst versteht, verwiesen wurde. Der erwähnte hochgestellte Beamte äußerte sein Erstaunen darüber, daß von Seiten der Juden, die im Puncle der Wohlrhäligkeit sich des besten Rufes erfreuen, für die Rabbiner gar so wenig Sorgfalt und Dheilnahmc gezeigt wird! Was nützt es große Tempel bauen, waren seine Worte, wenn für die Träger derselben gar so wenig gesorgt wird! Was soll nun, um auf daß Beispiel von Fünskirchen zurückzukommen, Herr Ehrlich unter selchen Umständen machen, als geduldig fein Schicksal. über sich ergehen zu lasten, und sich mit dem Gedanken zu trösten: Der Ucberrest Israels wird kein Unrecht thun! Der Gedanke, einen zweiten Eengreß einzuberusen, ist längst aufgegeben, weil man sich ordentlich fürchtet, den .Kamps neuerdings heraufzubeschwören. nnd es bleibt also nichts Anderes übrig, als sich in das Unvermeidliche zu fügen. Die Siegelung rer griechischnichtunirten, der katholischen und der israelitischen Religionsangelegenheiten haben rer Regierung schon genug Schwierigkeiten eingebracht, ohne irgend ein Ziel erreicht zu haben. Allgemein wurde die Nachricht mit Freuden begrüßt, daß das Ministerium daran geht, rem Reichstage einen verbesterten Schulgesetzentwurs vorzulegen. Das Schulgesetz vom Jahre 1808 hat zu viele Mängel, und konnte deshalb gar nicht durchgeführt werden. Jedenfalls muß man gestehen, daß der Eultusminister Tresort eine ungeheuere Thätigkeit in -seinem Restort entwickelt, von der sich das Beste hoffen läßt. Es ist dies wahrlich eine Riesenarbeit, da unser Schulwesen in Haupt und Gliedern eine Reorganisation bedarf, und zwar von der Dorf- bis zur Hochschule. Frankreich. Paris, im Februar. (Rach den Arch. isr.' Am 25. Januar und 2. Februar sollten die Neuwahlen zu een israelitischen Eonsistorien in Paris und den betressenden Departementalstädien stattsinr-en. Man klagt darüber, daß sich eine völlig regungslose Gleichgültigkeit für diese Wahlen zeige. In Paris fand eine desfallsige Bersannulung statt, war aber nur von einergeringen Zahl Wähler besucht, 'Kur in Bordeaux erscküen eine Flugschrift, welche die Mängel der bisherigen Verwaltung aufdeckte und die Sclllummerhaftigkeil zu zerstreuen suchte, in welche in Frankreich alles jüdische Interesse versunken ist. Auch in Bayonne wollte sich ein Wahlcomilö bilden; ob es geschehen ist, weiß man nicht. — In Lyon hat der dortige Großrabbiner 'Weinberg einen Hirtenbrief erlassen, um zum Religionsunterrichte anznregen. Es ziehen immer mehr Israeliten, wie man sagt, aus rem Elsaß dahin; aber ihre Kinder lassen sie ohne allen religiösen Unterricht. Der Großrabbiner will einen Religionsunterricht Herstellen, und zwar zwei Stunden wöchentlich. Unter dem 12. Teeember hat der Präsident der Republik ein Deerek erlassen, durch welches das die Organisation deö israelitischen Enltus in Algerien vom l0. September 1807 betreffende geändert ward. Die Mitglieder der algerischen Eonsistorien sollen nicht mehr durch kaiserliches Decret aus den Vorschlag res CenlralconsistoriumS, sondern durch die israelitischen Wähler gewählt werden; ferner soll jedes der drei Sprengel das Recht haben, sich bei der Wahl res Großrabbiners des Eenlralconsistvriums durch zwei Delegirte vertreten zu lassen. Das Wahlrecht sollen besitzen: alle Israeliten, seien sie einheimisch oder fremd, aus Grüne der Eigenschaft eines Franzosen, wenn sie 25 Jahre alt sind, und entweder zu den Eultuskoften beitragen, oder Mitglied eines unter der Aufsicht des EonsistoriumS stehenden Wvhlthätigkellövereines sind; ferner die Eulttlsbeamten, die der Staat bezahlt, Eivil- oder Militärbeamte, bei der Universität oder der Akademie Graduirte, .Inhaber der Ehrenlegion oder der Kriegsdenkmünze. Fremde sind nicht wählbar, die Eonsistorien können jeder Zeit durch den Eultusminister ausgelöst werden; in solchem Falle geschieht bis zur Neuwahl die Verwaltung durch den