Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 6 (4.2.1873)
- Date
- 1873-02-04
- Page
- Seite 93 (sequence 11)
- Language
- German
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93 gehen, wie viele eigenthümliche Züge in intellectueller und ethischer Beziehung sich daraus entfalten müssen. Was hat der Bewohner der Residenz dafür als Entgelt? Dieses unermeßliche Leben der Menschen, dieses unaufhörliche (Gewühl und Treiben, die Mannichfaltigkeit der Erscheinungen auf diesem Gebiete, die Fülle der zahllosen Verhältnisse und Situationen, die sich hier, wie nicht anderswo, gestalten, dieser beständige Kamps mit der zusammengewürfelten Masse — mit einem Worte: das große gesellschaftliche Leben tritt auf, wo das Leben in der Ratur. und die Gefühlswelt der Heimath, verschwinden. Dies ist die Lage des Berliners, besonders Dessen, der daselbst geboren und großgezogen ist. Merkwürdig ist es, daß ganz entgegengesetzte Richtungen hier dieselbe Wirkung haben. Die Städte des Mittelalters konnten sich nicht eng genug zusammenziehen, ihre Straßen nicht schmal genug, ihre Mauern und Wälle nicht im engsten Kreise genug aufrichten. Es war, als ob die Gotteserde nicht Raum genug habe, und man mit diesem so sparsam als möglich umgehen müsse. Die Ursache kennt man, jede Stadt mußte beständig auf einen Angriff gefaßt, also auf Vertheidigung bedacht sein, und diese war um so leichter, je kleiner der Raum war, den man zu vertheidigen hatte. Waren einmal die Mauern und Befestigungen da, so konnte man an eine Erweiterung nicht denken-, die Menschen mußten immer enger zusammcnrücken. — Die Städte der Neuzeit dehnen und strecken sich gewaltig, sie wachsen mit einer Schnelligkeit, wie das Kind im Multersckwße. Kaum haben sie nach Außen hin einen Arm hinauSgestreckt, so wird er in kurzer Zeit zu einem ganzen Körper, eine Straße zu eineilt Viertel. Dennoch steigen die Häuser bis zu nie dagewesener Höhe: fünf Stockwerke übereinander sind nur ein gewöhnliches Maß. Und in diesen Häusern drängt inan sich zusammen, und geht mit dem kostspieligen Räume so sparsam wie möglich um. 2st es doch, alö ob auch jetzt die Gottescrde nicht Platz genug für die Menschen habe. Die Ursache ist eine ganz andere: sie besteht darin, daß Niemand allzu fern von den Mittelpnncten des Verkehrs in solcher Stadt wohnen kann. Erst wohlorganisirte Eoinmunieatioiismittel können darin einige Abhülfe bringen, wie e-3 z. B. in London geschehen ist. Eine eiiiiltal hergestellte Anlage einer Stadt kann aber nicht gut wieder verändert werden. Also dasselbe Resultat aus ganz verschiedenen Motiven und bei entgegengesetzter Richtung. Man sieht aus Allem, die Hauptstadt deS deutschen Reiches befindet sich iloch im Zustande der Gährnng, die Verhältnisse siiid in der Gestaltung begriffen, und es wird noch lange währeii, che sie hierin eine gewisse Festigkeit und Sicherheit erlangt haben wird. Durch Gosen zum Sinai. 2. Der historische Erweis des Auszuges aus Aegypten. Unsere besondere Aufmerksamkeit in dem Werke deS Professor EberS zieht seine Darstellung teS Auszuges Israels aus Aegupl'Ni ans sick', wie er sie aus der gründlichen Vergleichung der ägyptischen Moiiumente. Inschriften, Ruinen und der selbstgesührten Untersuchnugen über die Herrlichkeiten mit dem biblischen Berichte S. 7 1 bis UM giebt. Unsere Leser werten unS Dank wissen, wenn wir ihnen hier auS dieser Darstellung die Hauptstellen geben, indem wir wegen des Rebensiichlicherei: und der inhaltreichen Anmerkungen ans taS Buch selbst verweisen. „Der dem Joseph geneigte Pharao stirbt, Joseph und seine Zeitgenossen geben dahin, die Hebräer vermehren sich mit überraschender Schnelligkeit, in Aegnpten besteigt eine neue Herrschersamilie den Thron, die im Ssten des Landes statt der Familie eines verdienten Staatsmannes ein fremdes Volk vorfindet, das, gleichen Stammes mit den semitischen Rationen, die von Olsten her Aegypten -beunruhigen und schwer geschädigt haben, den Beherrschern von Aegypten um so gefahrbringender erscheinen mußte, je entschiedener die pharaonische Politik gerade damals darauf hinzuarbeiten hatte, die Völker von Westasien, deren lüsternes Auge stets ans die Schätze des reichen Rilthales gerichtet war, in Abhängigkeit und Furcht zu erhalten. Die Aussicht, die Hebräer könnten sich zu dem ihnen verwandten Landesfeinde schlagen und ihm die Thorc des Reiches, welches sie umwohnten, öffnen, erscheint im Sinne jener Zeit ebenso gerechtfertigt, als die Maßregeln, welche, um der Gefahr zu begegnen, ergriffen werden. — Der König läßt die Fremden, deren Zahl in diesem Landestheile diejenige der Aegypter mit so entschiedener übertras, je bestimmter wir wissen, daß Gosen schon vor dem Einzuge der Juden eine ägyptisch-semitische Mischbevölkernng ernährte, von Eivilbeamten und einem Gendarmeriecorps, taS, wie die in Griechenland zu Polizeidiensten verwendeten Seythenwachen, anS Fremden bestand, streng überwachen. Die Denkmäler nennen einige dieser „Frohnvögte" mit Namen, und belehren uns, daß die ihnen beigegebene SicherheilSmannschast «mat'ai) der westlich vom "Nile gelegenen libyschen Landschaft entstammte, und also den Hebräern Möglichst fremd gogenüberstand. Es haben sich Darstellungen und Inschriften erhalten, welche uns die Inden Ziegel formend und aufschichtend, uns neben ihnen die erwähnten Beamten zeigen, wie sie die zu Banarbeiten herangezogenen Hebräer überwachen, antreiben und schlagen.*, Papyrusrollen geben Kunde von der unter sie vcrtheilteu Kost, und nennen den Namen des bechen oder der Burg Rarnses I!., zu deren Aufbau sie Ziegel zu schleifen hatten. „Exod. 1, 11 heißt es: „Und es baute das Volk dem Pharao Borrathsstädte lmiSkenoth), Pithom und Ramses." Wie der letztero Drt in Verbindung mit den Frohnkienste leistenden *1 3. solche Abbildungen in unserem Bidelwerle. B. 1. 3. 323. Reda c t.