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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-02-04 · Heft 6 (4.2.1873) · p. Seite 92

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 6 (4.2.1873)
Date
1873-02-04
Page
Seite 92 (sequence 10)
Language
German
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in Deutschland bekannt sein; denn unter den großen Schaaren „frommer" Wallfahrer, die behufs Erlangung einer „Wnntercur" oder einer« mystischen RathcS durch die dienstrhuenten, in allen Ranken und Schlichen veutinirten Gaboim unter falschen Bor-! gewiß der Rebbe. fpicgelnngen jenem vorgeführt werden, sind auch sehr häufig Herren und Damen aus dem Lande der „Intelligenz" anzutreffen. Nun, jedenfalls besser als eine Kartenschlägerin oder Wahrsagerin ist Zenit Kleine ßcrlincr Briefe. VII. Wer in einer kleineren Stadt geboren ist, wer daselbst in seinem väterlichen Hause, und sei dies auch eine Hütte, erzogen ward, oder auch, wie es an solchen Sr len gewöhnlich ist, in einer MiethSwohnung, welche feine Familie eine lange Reihe von Jahren hindurch bewohnte - denn in solchen Starren gereicht es weder detu Micthcr, noch dem Wirthe, zur Ehre, noch zur Empfehlung, öfter zu wechseln — der weiß and), welche theueren Erinnerungen an diese, durch die ehrwürdigen Schatten der Vergangenheit, wir möchten sagen, geheiligten Räumlichkeiten sich heften, wie es zweifelhaft schien, ob sich die Menschen mit ihren Gewohnheiten und Bedürfnissen mehr nach den Mauern, die sie umschließen, bilden, oder diese Mauern mehr von den Eigenthümlichkeiten rer Menschen annchmen, welche sie beherbergen. Es ist ein Gefühl der Sicherheit für das Plätzchen, welches wir auf Erden innc haben, das in dem jugendlichen Herzen Wurzel schlägt; und lange, nachdem wir die Heimath verlassen, und vielleicht sehr verschiedene Wege in der Ferne zu betreten hatten, macht uns der Gedanke ruhig und behaglich, dort ans der heimischen Flur einen Punct zu haben, der'gewissermaßen uns gehört, und dem wir zugehöre». Wer das menschliche Herz kennt, weiß, wie viele Wirkung dergleichen frühzeitig eingesenkte Empfindungen aus die kindliche Seele, welchen sittlich-bildenden Einfluß sie haben. So gut wird cs einem berliner .Kinde nur im seltensten Falle. Die sogenannte Wohnuugöneth, die in Berlin epidemisch ist, läßt nicht dazu kommen. Sie hat einen beständigen Wechsel rer 'Wohnung zur Folge, so daß eine Familie sich eben erst in rer neuen 'Wohnung eingerichtet hat, als sie riese schon wieder verlassen muß. Wer dies etwa für übertrieben hielte, der erfahre, daß notorisch am letzten Qetobcr volle zwei Drittel der berliner Bevölkerung umzogen, und daß Ähnliches zum ersten April wieder bcvorsteht. Dieser Umstand läßt kein Gefühl des Heimischwerdens, des Einwohnens, der behaglichen Sicherheit anfkonnnen, und muß schon von vornherein in die Geister eine Unruhe und Beweglichkeit ausstrcuen, welche weder zum Genüsse, noch zur Charakterfestigkeit, bciirägt. Derselbe Wechsel findet auch unter den Besitzern von Häusern statt, und es ist nicht selten, daß dasselbe Haus mit seinen Micthern drei oder vier Mal während eines Quartals in andere Hände übergeht. Diese fieberhafte Bewegung hat die Steigerung der Preise der Grundstücke zur Ursache und Wirkung, und es ist bereits dahin gekommen, das: selbst die hochgcsteigcrtsten Miethsprcisc in vielen Häusern einen t e t o n. vortheilhaften Zins kaum abwerfen. Eine andere Folge ist der beständige Wechsel der Bevölkerung auch innerhalb der Stadtquarriere, uns viele Gewerbe müssen sich betreffs ihrer Kundschaft mehr an die Häuser als an die Menschen hallen, wie man dies von rer Borliebe der Katzen zu sagen pflegt; denn nach kurzer Zeit sind die Leute, die iu einer Straße zusammen wohnten, nach allen Theilen der Stadt zerstreut. Dem armen Familienvater wird hierdurch schlimm mitgespielt! Kaum fühlte er sich einige Monate in einem schwer aufgefundenen Asyle, als er schon wieder gezwungen ist, seine Gänge nach einem anderen anzntrcten, und seine Sorge darauf zu verwenden. Und nun! die ungeheueren Micrhspreise! Durchschnittlich hat man in den früheren Jahrzehnten den Aufwand für die Wohnung auf rcn fünften Theil der jährlichen Ausgaben angeschlagen. Dies ist gewiß schon ein ganz respectirlicher Theil für dieses cine Bedürfniß. In Berlin reicht man jetzt hiermit nicht aus. Ein Staatsbeamter von zwölf bis vierzehnhundcn Thalcrn Gehalt ist schon ein höher salarirter. Unter fünfhundert Thalern jährlich findet er, selbst in einem entfernten Stadtlheilc, falls er Familie hat, keine seinem Stande angemessene Wohnung, wozu nun noch die hohe Miethsstcuer in Berlin kommt. So steigt seine Ausgabe für die Wohnung, wenn man Umzugs- und Eimichtungskosten dazu rechnet, fast auf die Hälfte seines Gehaltes. Dasselbe Berhältniß findet bei zahlreichen Familien rer mittleren Elasten statt. Man bedenke, waS dies für Folgen für die vielen übrigen Bedürfnisse hat, welche der äußersten Ersparnis: unterzogen werden müssen. Man wird es z. B. darum erklärlich finden, daß der Fleischconsum in bedeutendem, und darum erschreckendem Maße abgenemmcn hat, was freilich auf die hohen Fleischpreise noch keine verspürbare Wirkung gehabt hat. Man wird eö darum ebenso erklärlich finden, daß in der jüngsten Zeit der Zuzug nach Berlin dem Wegzuge fast gleichkonunt. Iuteß kann man hieraus ein Sinken der Miethspreise kaum erwarten, weil eben der Kaufpreis der Häuser so hoch gestiegen, daß deren Besitzer in dem Miethszinse kaum heruutergehcn können. Für mich hat diese Erscheinung an dieser Stelle nur eine sittliche Bedeutung. Jener Mangel an allem Leben in und mit der Statur, von welchem ich früher sprach, und diese Heimathlosigkeit, dieser beständige Wechsel des FamilicntaheimS, müssen auf den sittlichen Charakter der in Berlin heimischen Bevölkerung von Kindheit an einen nicht zu unterschätzenden Einfluß üben, und es wird dem scharfblickenden Psychologen nidjt ent-

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