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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-02-04 · Heft 6 (4.2.1873) · p. Seite 90

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 6 (4.2.1873)
Date
1873-02-04
Page
Seite 90 (sequence 8)
Language
German
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00 dies noch mehr im Reichstage statt, und dieser konnte leicht durch das Ausbleiben der Abgeordneten einer und der anderen Nation gefährdet werden. Wo eine, andere Nationalität in der Minderheit existirte, blieb diese völlig nnvcrtreten. Deshalb erstes endlich der Entwurf einer Wahlreform, um dircete Wahlen herbeizuführen. Hiergegen nun die Agitation der Polen, die sich dadurch einen Theil ihrer Obherrschast aus den Händen schwinden sehen. In diesen Tagen sandte daher der gedachte Verein, in Vertretung säiu.rutlicher galizischer Juden, eine Petition an den Reichstag, nicht blos zu Gunsten der Wahlresorm, sondern auch mit der Bitte, bei Feststellung der Wahlbezirke die verfassungstreue jüdische Bevölkerung zu berücksichtigen. Tie städtische Bevölkerung in Galizien besteht nämlich zum großen Tbeile aus Juden. Werden nun diese Städte mit großen Landbezirken vereinigt, so wird in den meisten Fällen das Wahlrecht der Juden illusorisch sein; sie werden von der Mehrheit der Landbewohner überstimmt, und jeder berechtigte Einfluß auf die Wahl ist ihnen von vornherein genommen. Der Bcrein hat diese Petition durch den Abgeordneten Kuranda an den de eichslag gelangen lassen. Aus Galizien, 25,. Jan. <N. fr. Pr.) Dem Abgeordneten Dr. Kuranda sind zur Ucbermilteluug air den Rcichsrath dreißig Petitionen israelitischer Gemeinden Galiziens für die Wahlreform übergeben worden. Auch haben, entgegen den Meldungen polnischer Journale, in der Sitzung des lemberger Gemeinderathes, in welcher die Petition gegen die Wahlresorm beschlossen wurde, sämmtliche anwesende Gemeinderäthe mosaischer Eonfession durch Sitzenbleiben gegen die Petition gestimmt, mit Ausnahme des Dr. Karl sch, welcher sich der Majorität des Gemeinderathcs anschloß. Die unbedingte Reichstreue ist das Panier, um welches sich aller Orten die Inden schaaren, weil sie begreifen, daß hinter dem Banner der Föderalisten und Nationalen der Kruminstab lauert, unter dessen Aegide ihnen dereinst die schmachvollsten Peinigungen zn Theil geworden sind. Was dem Reiche zur Slärknng, das dient ihnen zur Bürgschaft. Dcßhalb stehe» sie, in Galizien wie sonstwo, mannhaft zur Bersassungspartei. Rumänien. Bukarest, im Januar. Zu den vielen Zeitungsenten, welche mit oder ohne Tendenz über die rumänischen Inden in die Welt gesendet werden, gehört auch, daß bereits 2ooo Juden nach America auSgewandert seien, während deren nicht über dreißig sind, und vor einigen Tagen sich eine Familie von fünf Köpfen nach der neuen Welt eingeschisst hat.— Einer der Hanptgegner der Juden in Rumänien ist ein gewisser Cäsar Bolliak, dessen auch in dieseiu Blatte gedacht worden ist. Derselbe ist jetzt eines scheußlichen Verbrechens an einem Kinde überwiesen; als Abgeordneter konnte er noch nicht verhaftet werden. Wenn noch irgend eine öfscntliche Schani in diesem Lande existirt, hat er seine Rolle auSgespielt. — Um die sittliche Versunkenheit in diesem Lande zu erweisen, und auf die berüchtigten Verdicke der Geschworenen über die Juden in Ismail und ihrer Verfolger nachträglich noch ein helles Licht zu werfen, führen wir folgende Thatsachc an: Der Schwurgcrichtshof von Galatz hat, wie „Gardistul Eivik" berichtet, während der Session vom December 1S72, alle Verbrecher, unter denen Mörder, Falschmünzer :c. sich befanden, srcigcsprochen, und nicht ein einziges Schultigverdict gefällt. Diese Freisprechung on bloe wird der ungenügenden öffentlichen Anklage, der Gewandtheit der Advoeatcn gegenüber, zugcschrieben. — Allein neben dieser sittlichen Entartung haben wir auch die iutetleclnelle Verkommenheit zn constatiren. Wir haben bereits früher aus den .letzten Jahren die statistischen Nachweise angeführt, ans welchen hervorgeht, daß seit länger als 185,<> die rumänische christliche Bevölkerung durch einen bedeutenden Ueberschuß der Todesfälle über die Geburten in Abnahme begriffen ist, während sich bei den Juten ein Ueberschuß der Geburten über die Todesfälle zeigte. So sieht man jetzt ans der efsiciellen Tabelle über das Jahr 1800, daß in diesem Jahre stattfanden Geburten . . . l 30,85,7 Todesfälle . . .! 5,8,275 Also mehr Todesfälle 27,118 während bei den Juden eine bedeutende Mehrzahl von Geburten stattfand. Wie erklären sich dies nun die rumänischen Journale? Sie sagen: es sei dies eine Strafe Gottes dafür, daß sie dem jüdischen Volke Gastfreundschaft erweisen, welches Gott zu beständiger Wanderung verurtheilt habe! In einem anderen Lande würde man über diesen Unsinn, über diese einfältige Bosheit staunen — in diesem Lande kann cs kaum auffallen. Rußland. Warschau, im Jan. (Privatm.) Der hiesige „Dniewnik" schreibt: „Im Auszuge aus dem Berichte der Iustizcommission zu Warschau über die Verbrechen in Polen im Jahre 1871 werken dieselben nach een Eonsessionen der Inculpaten angegeben, wie folgt: griechisch-katholisch 88; römisch-katholisch 8400; griechisch Unirte 23>»; Lutheraner 5,30; Juden 2120. Diese letztere Kategorie ist die zahlreichste im Verhältnisse zur Bcvölleruugszahl nach den Eonsessionen." Es wäre nöthig, die Verbrechen zu specisiciren, mn einen Maßstab für die Beurtheilnng der Moralität nach tcn Bekenntnissen zu gcwiuueu; immerhin legt obige Statistik ein trauriges Zeugnis; für die Sittlichkeit unserer Glaubensgenossen in Polen ab. — Herr Joseph Poznanski, der 1Iabr unserer Gemeindeverwaltung angehörtc, und sich als sehr eifrige und befähigte Arbeitskraft bewährte, hat, i da er Warschau überhaupt verläßt, seinen Austritt aus dem

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