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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-01-29 · Heft 5 (29.1.1873) · p. Seite 76

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 5 (29.1.1873)
Date
1873-01-29
Page
Seite 76 (sequence 10)
Language
German
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76 I e u i l l e t o n. Durch Gosen zum Zinai. Während sich die theoretischen Kritiker weidlich streiten, ob, wie die Einen behaupten, im Pentateuche Alles Mythe, oder, wie die Anderen nieinen, Alles Legende sei, geht die positive Forschung mit schnellen Schritten vorwärts, und zeigt mit jedem Tage mehr, daß den Berichten der fünf Bücher Mosis historische Sicherheit einwohnt, und sie geschichtliche Zeugnisse für sich haben. Gleichzeitige Docmnente, namentlich mit der Periode Mosis und des Auszuges des Volkes Israel, haben sich in den ägyptischen Inschriften und Papyrusrollen eröffnet, und werden bei der fortschreitenden Kenntnis; der Schrift und der Sprache der Aegypter — wir besitzen bereits ein ägyptisches Lexikon von Brugsch — immer zugänglicher und verständlicher. Dabei wird die Landschaft Gosen und die sinaitische Halbinsel jetzt häufig von gelehrten Reisenden *) durchforscht, und deren heutiger Zustand mit den Berichten der heiligen Schrift sorgfältig verglichen. Hierdurch wird über diesen hochwichtigen Gegenstand ein solches Licht verbreitet, daß über den geschichtlichen Werth der biblischen Erzählung, und über die Frühzeitigkeit der Aufzeichnung, jeder Zweifel verschwindet. Es versteht sich, daß solche Forscher, wenn sie an ihren Gegenstand herantreten, vom Glauben überhaupt, und von ihrem subjeetiven Glauben insbesondere, völlig absehcn müssen. Wer aufrichtig den alten orthodoxen Glauben wahrhaft besitzt, der darf gar nicht untersuchen, weil dies schon einen Zweifel ausdrückte; der braucht auch nicht zu untersuchen, weil er keinen Zweifel hat. Aber einenthcilö giebt es jetzt Zahllose, die diesen unbedingten Glauben gar nicht besitzen, Zahllose, welche sogar meinen, daß eine ächte religiöse Ueberzeugnng und ein wahrhaft frommer Lebenswandel von solchem orthodoxen Glauben gar nicht abhängig sind, weil es darauf ankomme, Gotteserkenntniß und Gottesfurcht in sich zu tragen, und den erhabenen sittlichen Borschristen der Religion Folge zu leisten, nicht aber auf die Meinung, die wir über die uralten geschichtlichen Erzählungen haben mögen. Biele endlich giebt cs, welche als Feinde der positiven Religion den biblischen Berichten alle Glaubwürdigkeit absprcchen möchten, und sie zum Gegenstände ihrer Verspottung machen. Für jene Ersteren und diesen Letzteren gegenüber ist es von großer Wichtigkeit, durch positive Zeugnisse und Untersuchungen die Geschichtlichkeit der großen biblischen Persönlichkeiten, und die Nichtigkeit der biblischen Berichte, durch die unparteiische Forschung erwiesen zu sehen. Dies ist der eine Punct. Andererseits kommt nun aber auch die objective Wissenschaft an sich mit ihren Forderungen. Sie hat überall, wo sie einen Gegenstand findet, ihre Untersuchung über *) So liegt uns eben eine Correspondcn; aus Stuttgart über euren Vortrag des Professor Pr. Fraas betreffs einer Rci'c desselben durch die gleichen Gegenden vor. Rcdact. dessen Wirklichkeit, Beschaffenheit und Wesen anzustellcn, um zur richtigen Erkenntniß desselben zu gelangen. So wie die Naturwissenschft jedes natürliche Geschöpf ohne einen Nebengedanken in Betracht zieht, ohne etwa zu fragen, ob den Menschen aus ihm ein Nutzen gezogen oder durch dasselbe ein Schaden angerichtct werden könne, ebenso behandelt die geschichtliche Wissenschaft ein Object, ohne sich darum zu kümmern, wie sich die Menschen zu demselben besonders verhielten oder verhalten, ob sie dasselbe zu einem Gegenstände der Verehrung oder des Abscheues gemacht haben. Diese Wissenschaft nun wird selbstverständlich da, wa das Dunkel der Zeiten auf einem Objecte liegt, leicht in Irrthümer verfallen und aus falschen Voraussetzungen falsche Schlüsse ziehen, auf einseitige Unterlagen Hypothesen auf Hypothesen bauen. Aus dieser Verwirrung kann sie nur herauskommen durch die Auffindung positiver Anhaltepunete, Zeugnisse, Documente und topographische Angaben, dadurch, daß ihr bisher verschlossene Reste der betreffenden Zeit durch Forschung eröffnet werden. Daß hinsichtlich der biblischen Geschichte, und Literatur eine solche Verwirrung auf dem Boden der Wissenschaft ftattgesunden hat, wird Niemand läugnen, der diese Dinge kennt, und es mit der Wahrheit aufrichtig meint. Gerade im Interesse der Wissenschaft also müssen diese Forschungen der Aegyptologen und Reisenden freudig begrüßt, und, nachdem die Kenntniß des Aegyptischen aus ihren ersten zweideutigen Versuchen herausgelangt ist, die Ergebnisse, wenn auch noch lange mit Borsicht, gern entgcgengenommen werden. Herr Professor Ebers, früher in Jena, jetzt in Leipzig, ist unseren Lesern durch den ersten Theil seines Werkes, der zweite ist noch nicht erschienen —, in welchem er alle im ersten Buche Mosis Aegypten betreffende Puncte aus den ägyptischen Monumenten erläuterte, rühmlich bekannt. Vor Kurzem gab er einen starken Band unter dem Titel „Durch Gosen zum Sinai aus dem Wanderbuche und der Bibliothek (Leipzig, Engelmann, 187 2)" heraus. Er bringt eine Schilderung .seiner Reise von Kairo zum Sinaigebirge und wieder zurück, und die Ergebnisse seiner Forschungen an Ort und Stelle, die er dann in dem Abschnitte „Aus der Bibliothek" mit gelehrten Untersuchungen mannichfaltigen Inhalts nnterstützt. Herr Ebers ist auch Dichter, wie er in seinem Romane „Die ägyptische Königstochter" erwiesen hat, und so kann es nicht wundern, daß er die Zeichnungen landschaftlicher Bilder, und die Eindrücke seines Gemüthes, in einem ansprechenden, ausdrucksvollen, bisweilen schönen Stile enlwirst. Von einer tiefen Ehrfurcht vor der heiligen Schrift erfüllt, ist er sich doch seines Zweckes einer unparteiischen kritischen Untersuchung wohl bewußt, und wenn wir auch seiner Methode und Anschauungsweise nicht überall gleiche Beistinnnung geben und gleichen Werth beilegen können, so schreitet er doch , überall mit Umsicht und Scharfsinn vorwärts, und wir geben

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