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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-01-22 · Heft 4 (22.1.1873) · p. Seite 61

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 4 (22.1.1873)
Date
1873-01-22
Page
Seite 61 (sequence 13)
Language
German
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Müschen Leben Reiz und Bewegung: die letzte Kunstausstellung hat ebenfalls Nichts als Mittelgut ans breitem Grunde geringeren Werthes gebracht. Am Ehesten kann noch der Liebe zur Musik angemessen genügt werden; renn cs giebt hier der vorzüglich geschulten Capellen mehrere, und der ausgezeichneten Künstler nicht wenige. Ebenso still ist cs in der Politik: man kümmert sich nicht viel um sie, und im geselligen Kreise erlischt die Tisenssson über sie sehr bald. Es ist eine Zeit ohne eine grundsätzliche Opposition; denn selbst die ultramontane Partei opponirt nur aus ihrem individuellen Winkel heraus, also kirchlich, aber nicht politisch. Oie mächtigen Erfolge des letzten Krieges, und die großen Schöpfungen, die ihnen entsprangen, emwassneten die grundsätzliche Opposition, und machten die Parteien zu jeglichem Eompromisse geneigt, wenn die Regierung sich nicht geradezu aus einen einseitigen Standpnnct stellte, und diesen verließ sie mit dem Ausscheiden Lippe's und Mühlers. Eine Felge hiervon ist aber die allgemeine politische Ruhe, die Gleichgültigkeit der großen Welt für die Politik. Rechnet inan hinzu, daß die ultramontane Bewegung in Norddcntschland gar keinen Beden hat, inan hier nur wie von einer fernen' Brandung von ihr hört, so daß selbst sie die Gewässer nicht anfznwüt'len vermag, und man kaum die Achseln über die Schwäche zuckte, welche-man augenblicklich unserer Staatsregierung in diesem Pnnete zuschrieb. Ich sage: zuschrieb, denn die jüngst eingebrachten drei Gesetzentwürfe belehren doch eines Anderen. Es läßt sich daher nicht sagen, daß die jüngsiert Beränrerungen und Schwankungen in der Präsidentschaft des preußischen Staa'.sministeriums viel Redens machen, so wenig zufrieden man auch damit ist. Der Eine legt sie so. der Andere so ans, je nachdem er dunkeler oder Heller die Dinge anzusehen gewohnt ist, aber man hält sich nicht dabei aus, und die ossieiesen Blätter kennten ihre langathmigen Artikel darüber sparen. Man ist daher ans die parlamentarischen Debatten durchaus nicht neugierig. Ich bemerke Ihnen dieses Alles nur, um das residenzliche Leben in der Gegenwart zu charakterisiren. Denn auch die rothetl Gespenster sind verschwunden, welche von der londoner Internationale her ans dem feurigen Hintergründe der pariser Eommnne eine längere Zeit rumort haben. Der Doeialismns ist hier gegenwärtig ohne alle Beachtung, folglich ohne Bedeutung. Die ganze Kraft, so viel sieht man jetzt ein, der sogenannten Arbeiterbewegung besteht nur im Strikemachen. Haben durch dieses die verschiedenen Gewerke soviel Lohnerhöhung und Arbeitsverkürzung nach und nach erlangt, wie unter den Umständen möglich ist, so hat es weiter mit dem socialistiscken Lärnischlagen Nichts zu sagen. Aber selbst gegen die ferneren Strikes lernen allmälig die Arbeitgeber sich vereinigen, und Roth mit Reih gemeinsam abzuwehren> Auf diese Weise gerälh die ganze Bewegung in eine faktische Entwickelnng, welche zum Besten führen wird, mit rer aber auch zugleich Furcht und Besorgnis; aufhören. Unterdeß mögen die Theoretiker ihre Formeln principiell ansspintissren, oder praktische Maßregeln in Streit und Widerstreit bearbeiten: das Leben kümmert sich wenig darum, und sucht sich in seinem Kämpfen-und Ringen zu helfen, wie es vermag — und kommt damit weiter, ^als alte philosophischpolitischsocialen Systeme es zu bringen vermögen. vermischtes. Die außergewöhnliche Schmährede, welche der Papst jüngst über das deutsche Reich und dessen Kaiser an die versammelten Eardinäle hielt, war nicht seine letzte. Am Sonntage darauf wählte er, da er seine „Glückliche Feiertage" wünschenden Beamten anredete, die Journalisten, und zwar an deren Stelle die Inden, zum Gegenstände seiner Berwünschnngen. Nachdem Se. Heiligkeit noch Berschiedenrliches über alle Elementarereignisse. die der erzürnte Gott durch Feuer und Wasser heuer über die Erde gebracht habe, in larmoyantem Tone gesprochen hatte, kam Dieselbe mit einem urplötzlichen Sprunge auf die Zeitungen zu reden und sagte: Wir sind der Geburt Jesu Ehrisli nahe, und Gott selbst erinnerte durch den Mund eines seiner Propheten: ..('.n^novii Ims jmsst-ssom» snuin m;isimis pr.uso.ju» Domini sui; lilii Israrl um non venini.“ In freier, von Sr. Heiligkeit gegebener Ilebcrsetznng: „Sie kennen Gott nicht, diese Juden, welche so viele Obseönitäten nnd Lästernngen in die Journale schreiben; diese O d> s e n, w e l ch c sich st a r k g l a u b e n, w e i l d a s H o r n das Zeichen der Stärke ist; aber eS wird der Dag kommen, der Dag der Gerechtigkeit, an welchen! sie Gott für alle die vollbrachten Gottlosigkeiten werden Rechenschaft ablegen müssen." In der Regel pflegt Se. Heiligkeit alle Journalisten, ob Jude, ob El,.ist, für die Hölle reis zu erklären; diesmal erweist er den Sehnen Israels, die „in die Zeitung schreiben", die besondere Auszeichnung, sie mit Ochse anznrcden. Die nicht ganz neue Methode, Menschen, die uns nicht angenehm sind, als Schlachtvieh ansznsassen, scheint jetzt auch im Bariean an besonders festlichen Jnjnrientagen beliebt geworden zu sein. Glücklicher Weise bleibt cs jetzt bei diesen, Anbrüllen deö Schlackuviehes; früher wurde nian handgreiflicher, und wußte das Sckilachtmesser zu führen. In der Eanzlei der jüdischen Enltusgemeinde in Wien ist vor einigen Tagen durch Berwcchselung eine artige Berwirrnng hervorgernson worden. Durch den Tod des Orientalisten IN. Lettens war ein von demselben bezogenes Sliftnngsstipeudium vaeant, und der jüdische Eultusvorstant, welchem die Bersügnng darüber znsland, erkannte dasselbe einem Gelehrten desselben

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