Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1873)
- Date
- 1873-01-22
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
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Bieter, daß Sitten, so lange sie in der Armee dienen, nicht vom Avancement ausgeschlossen werben können, und daß man bei (Gelegenheit des RecrittirungsgcsetzeS werde bestimmen können, ob die Inden überhaupt recrutirt werden sollen oder nicht. Trotz dieser Erklärung verwarf der Senat die Inbctrachtnahme des Gesetzes mit zwanzig gegen sechzehn Stimmen! Es tlingt dies fast unglaublich, aber „ca la noi la niincni“, das heißt: „bei uns geht es bunter zu als überall". Es wäre wohl an der Zeit, daß Fürst Karl sich endlich aus seiner Passivität aufraffte, und aus die Lösung der jüdischen Frage mit Ernst dränge. Fürst Knsa hat die Bauern emancipiren können, trotzdem so viele Tausende von Grundeigenthüinern ein hohes Bermögensinleresse daran hatten, diese Maßregel mit ^Cufgel'ct aller Mittel zu verhindern, und obschon bereits jene Partei im?aiirc organisirt war, die gegen ihn agitine, und ihn schließlich des Thrones verlustig machte. Tie Lösung der jüdischen Frage ist nicht mit so vielen Schwierigkeiten umgeben, und dürfte die Stellung des Fürsten nur befestigen, und dem Lande die Sympathieeu des Auslandes gewinnen. Fürst Karl muß nur zu wollen wissen, und er wird leicht siegen." Bonn, 1-1. Iannar. Tie jüngsten Borgänge in der bukarester Kammer veranlassen die R. fr. Pr. zu einem Leitartikel, atlS welchem wir die Hauptstellen hier wietergeben: „In der bukarefter Kammer ist in den jüngsten Tagen wiederum die Iudenfrage zur Sprache gekommen. Es handelte sich um das Avancement in der Armee; zwei Redner der Opposition erklärten alle Inteti für Bagabunden, und forderten den UriegSminister auf, dieselben, soweit sie den Wassenrock des Fürsten Karl tragen, aus dem Heere auszustoßen. „Wir trollen" — so ries der famose Bratiano — „den Outen keine Pflichten geben, aber auch keine 'Rechte." Und was entgegnete ihm aus diese, dem ganzen Jahrhunderte in'S Gesicht geschleuderte Sonise der Kriegsminister'? Wies er ihn nach Gebühr zurück? O nein'.- Er vertröstete ihn ans die Tiscnssion des Recrutirnngsgesetzes, bei welcher es sich Herausstellen würde, ob die Inden als „Einheimische" zu betrachten seien, oder nicht. Und doch hätte gerade die rumänische Regierung die heilige Pflicht, jene Schmach, welche die Iurenoerfolgungen ihr und dem Lande angehestet haben, durch ein energisches Zurücklenken zur Humanität und Glaubensfreiheit auszulöschen und in Vergessenheit zu bringen. Gerade die rumänische Kammer hätte die Ausgabe, sich durch ein klares und zweifelloses Tolerauzediet in den Augen der durch sie beleidigten Menschheit zu rehabilitiren. Derlei wird aber schwerlich geschehen. Uns wenigstens geht jener optimsslische Idealismus, welcher die im Tetober v. I. in Brüssel versammelt gewesenen Repräsentanten der Iudenheil den Beschluß fassen ließ, für die staatliche Gleichberechtigung ihrer rumänischen GlaubeuSgenossen einzulrelen. völlig ab. In Wahrheit ist das lranrige Eapitel von den rumänischen Indeuversolgnngeu durch jene brüsseler Eonfereuzert lediglich um ein leeres Blatt bereichert worden. In zahlreichen Notschreien kommt die Donau heraus die Klage, daß die zunächst Iuteressirleu durch die Beschlüsse jener Versammlung keineswegs beruhigt worden sind, und daß sie, nach wie vor, gleich B o ge l freien zitternd, von jedem neu anbrecheuten Tage die Wiederholung der bekannten Ereesse gewärtigen. Taß dieser schmachvolle Fleck von rem Ehrenschilde unseres IahrhundertS verschwinde, daran haben wir Alle, welchem Bekenntnisse wir auch angehören, ein dringendes Interesse. lieber den Iudenverfolgern in Testreich und Deutschland schwebt eine mächtige strafende Hand; es zügelt sie der starke Wille humanitären Zielen zugewendeter Regiermigsgewalten. Wenn im Lande Posen oder in LibussaS vielbewegter Heimath das trübe Gefäß des von Pfaffen und Tuukelmännern genährten Judenhasses überlaufen will, so ist dafür gesorgt, daß nicht die Gränze des Maulheldenihums überschritten, und zu barbarischen Thärlichkeiten gegriffen werde. In Rumänien aber, diesem Zerrbilde eines modernen Eulmrstaates, sind die Opfer sich selbst überlassen, weil die 'Regierung, um ihre eigene Existenz besorgt, die Hand von ihnen zieht, und durch die Duldung, ja durch die Förderung des PrivathasscS und der Privatleirenschaften, die Gunst widerstrebender Parteien erlauft. So achlnngswerth jegliche philanthropische Bestrebung an nur für sich ist, sie erringt doch keine erklecklichen Zwecke, wenn sie nicht mit praktischen Mitteln aus Erreichbares losstenert. Ben diesem Gesschtspunae aus betrachtet, kennten uns die Beschlüsse der Gonserenzen für die rumänischen Inden durchaus nicht erwärmen. Es ist von ganzem Herzen gntzuhcißen, daß die in Brüssel versammelten Repräsentanten der europäischen Indenheit die Rvthwendigkeit betonten, „die jütische Bevölkerung in Rumänien im Wege des Unterrichts und der Erziehung geistig und moralisch zu heben." Allein was ist mit dieser ideologischen Formel sür den momentanen Roihstand erreicht? Wird der Brotneid und die Bestialität der walachischen Indenfeiute dadurch verringert? Diese selbst sind es, die „geistig und moralisch gehoben" werden müßten, um ihrer Ausschreitungen mit Schamgefühl und Entsetzen sich bewußt zu werden. Dazu aber ist vor der Hand keine Hoffnung. So dünkt es uns denn besser, man reiche den rumänischen Inten hülsreich die Hand, indem man ihnen die Mittel gewährt, den vnleanischen Boden zu verlassen, aus dem sie stündlich den nichlswürtigsten Attentaten ausgesetzt sind. Fürchte man doch nicht, wie es die brüsseler Repräsentanten gethan haben, ihren „Patriotismus" zu beleidigen! Soweit wir die Stimmung kennen, ist derselbe mir in zehr bedingtem Maße vorhanden. Unv wie könnte es auch anders sein? Welche höhere Mission, um derentwillen es verlohnte, sich den peinvollsten Leiden zu überantworten, verfolgt denn dieses Rumänien? Wenn die deutschen und französischen Inden von warmem Patriotismus beseelt sind, so haben wir ein Berständniß dafür. Es ist ein erklärlicher