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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-01-15 · Heft 3 (15.1.1873) · p. Seite 43

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 3 (15.1.1873)
Date
1873-01-15
Page
Seite 43 (sequence 11)
Language
German
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43 I e u i l Mine Berliner Briefe. V. 9«ach zweien Seilen hin haben wir demnach unsere Neichshauptftadt in stetem "Wachsthume gesehen: rer steigenren Ausdehnnug rer Quartiere unr ihrer Bevölkerung, nur rem sich schnell mehrenden Vuxus in Häusern und Familien. ckkach zweien pureren hin haben wir dagegen einen rühmenswerlhen Fortschritt nicht hervorzuheben, ttnd Dies ist zu beklagen. Weder rie Eleganz und (Roßartigleit rer Architektur, noch das essentliwe Veden, haben einen bereuleuden Zuwachs erfahren, ja, ich möchte sagen, ras Vetztere hat gegen früher angenommen. Selbstverständlich ist in den letzten Fahrzehnten eine Anzahl großer Bauwerke erstanden, unr bekanntlich sinr auch Pläne zu monumentalen Gebäuden lmterwegs. Aber uian kann nicht sagen, daß irgend Eines dieser größeren Gebäude einen hervorragenden, ja nur einen bestimmten Kuuslwerlh habe, sobald man vom wohlgeschmückten Inneren mancher derselben absieht, und eben ihre Wirkung aus den Beschauer in'S Auge saßt. Den großen Genien Schlüter und Schinkel hat sich für die preußische, jetzt deutsche Residenz noch kein Dritter angereihl; rie eigentliche Pracht der Stadt ist itech immer an den alten, ausgezeichneten Theil derselben gebunden, währenr rie riesigen neuen Arme zwar dtirch ihre gerarlinige Vänge und rie Stattlichkeit ihrer bürgerlichen Häuser itnponiren, namentlich wenn die unübersehbare Reihe von Gasflammen angezündel sinr, rem Kunstsinne aber keilten Anhalt gewähren. Die Bersnche aristokratische Häuser zu schassen, sind sehr schwach ausgefallen. Die Geldaristokratie vermag es reu, alten großen Arel nicht gleich zu thmr, unr von Vetzlerem ist hier Nichts vorhanten. Berlin wirr hierin Paris niemals gleichkommen, scheint aber auch schon von Wien überflügelt werden zu sollen. - Ebenso ist, wie ich bereits bemerkt habe, der Berkehr aus den Straßen Berlins ailßerorrentlich gewachsen. Wenn ich nun vier Jahrzehnte zurückrenke, so gab es auch damals einige Haupipnlsarern desselben, z. B. vom Alexander- Platze bis;um brandenburger Thors, wo das geschäftige Treiben, die lebhafte Bewegung, in starkem Maße hin nur her ging. Sobald man aber von diesen Hauptstraßen etwas ablenlte, B. von der großen Frierrichsstraße, so war es tert nur still, wie in einer kleinen Start. Dies hat sich erstaunlich geändert. Es giebt Unmassen von Straßen, welche so belebt sind, daß man kaum eitlen Augenblick stehen bleiben kann, unr auch die R'ebenstraßen sinr volkreich. Mit rieset» ösfenrlichett Berkehre ist aber das essentliche Veden ebenso wenig gestiegen, wie es hier Sammelplätze der eleganten Welt gäbe, nur die Eleganz überhaupt auf den Straßen erschiene. Berlin ha! kein eitiziges großartiges Etablissement, Nickns von passee, Eondilorei, Veseeabinei, tvo sich ein bedeutender Kreis versammeln könnte, wo man hitiftröinte, um sich zu begegnen, und mit einander zu diseutiren. Ebenso wenig l e f o n. sind größere Salons sür rie seinere Welt vorhanden, wo sich rie politische:., wisseuschasrllchen nur künstlerischen (Roßen finden könnten. Hiermit hat natürliw rer gesellige Berkehr zwischen den einzelnen Familien R'ickUs zu schassen, der sehr lebhaft sein mag, rer aber rem essentliche» Veden keinen Boden bietet. Eine gewisse Isolirung ist rie Folge davon. Daß für riesen Mangel weder die zahlreichen, össemlichen, populären Borlesungen, noch rie Bersainutlungen in Bezirksvereinen u. rgl. eutswärigeu können, liegt auf ter Hand. Es war ras Reaetionsjahr I ^>, unr rie eiserne Hanr rer damaligen Polizei, welche das bis dahin allfslrebenre öffentliche Veden uiererdrückte und zerschlug. Dies ist aber nur rer erste Puuei; der zweite ist »neinem Ermessen nach noch wichtiger. Wenn man nach reu kleinen Residenzen der ehemaligen und rer gegenwärtigen deutschen Für steu kommt, so fällt Einem überall rie etitsprechend freundliche Untgebung, tinr die gefällige Eiitrichlung im Inneren auf. Die stattlichen Schlösser unr anderen össeutlichen Bauwerke sind von reichen Parknur Garteuanlagen umgeben: schöne Rasenplätze, mit Bäumen unr S lräuchern geschmückt, zieren die Städte, und machen sie zu einem gesnnren, heiteren Aufenthalte. Ich erwähne dies, um etwa die Deutschen vor reut Borwurse zu schützen, ras; sie au reicher unr schöngeordneter Pflanzenwelt in ihrer gewaltigen Hauptstadt keinetl Gefallen, sür deren Rethwendigkeit keinen Sinn hätten, wenn inan Berlin mit allen anderen Hauptstädten der Welt vergleicht, die durch ihre natürliche Vage oder durch prächtige Anlagen sich mehr oder weniger anszeickmeu. Berlin hat bekanntlich, was Natur betrifft, die traurigste Vage von der Wett; aber ebenso wenig geschieht irgend Etwas innerhalb rer Stadt sür Parke, Alleen, Blumenrabatten, Rasen erer Gesträuche. Was von Alters her ra ist, bleibt: die Viuren, Monbijon, rer zoologische und der Thiergarten. Wie es reut Veizleren ergangen ist, weiß Jedermann; ras Terrain wirr durch Straßen ihm immer mehr eingeschränkt, lind der Aufenthalt durch verpestete Vust ungesund gemacht. Wer vor l stn Gelegenheit gehabt hat, reu Aufwanr, die Geschicklichkeit ttnr den Geschmack zu beobachten, welche die Pariser innerhalb rer Ringinaueru ihrer Stadl aus Baum nur Graspslanzungen verwendeten, wie sie rie zahlreichen Parkanlagen unr Baumalleen pslegten nur mehrten, der wirr sich über den gänzlichen Mangel in Berlin etttsetzeu. Wir erinnern an rie kleine statistische Schrift von Schwabe, rer unter Anderem die Zahl der Schüler unr Schülerinnen in den berliner Schulen angab, die noch nienials eine Eiche gesehen, oder eitlen freien Singvogel gehört Hanen. Sie gingen hoch in viele Tausende. Aber viel schlimmer ist es, abgesehen noch von der sittlichen Wirkung, daß sie und ihre Aeltern das ganze Jahr hindurch - keine vegetative Vust athmen, unr reu friswen Hauch rer Natur nicht genießen, daß ihnen Alles, was in ihre Vungen einziehl, erst durch die 3 *

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