Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1873)
- Date
- 1873-01-15
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
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35 machte, und besonders dahin strebte, den Ursprung, die frühere Geschichte und die Religion der Juden in abschreckender Weise zu schildern, während diejenigen Autoren, welche sich unparteiisch verhielten, wie Herodot, Strabo, Diodor, Plinins, sich dieser gehässigen Traditionen enthielten. Die Decrete der ersten christlichen Kaiser, welche ans das Drängen der Geistlichen hin die Juden von allen Civil- und Militärämtern entfernten, bezeugen durch ihre wörtliche Fassung, wie die Juden in allen öffentlichen Laufbahnen Erfolge und Verdienste sich errungen hatten, und vom Bolle gern in denselben gesehen wurden. Aehnliche Erscheinungen sind auch aus der ersten Zeit des Mittelalters, selbst in Deutschland, dann später in Spanien, deutlich zu ertennen. Das sind Lichtstrahlen in dem dauernden Dunkel, welches in der öffentlichen Meinung lange Zeilen hindurch gegen die Inden herrschte. Die Verachtung, welche im Alterthmnc jede Nation gegen alle anderen Böller hegte, sowie die Gegensetzlichkeil in der religiösen Anschauung, im staatlichen Gesetze, in Sitte und Lebensweise, welche die Juden von anderen 'Rationen unterschied, konnten nicht anders. als die öffentliche Meinung gegen sie richten, so das; dieselbe eben nur in einzelnen Perioden engeren Anschlusses und stärkerer Amalgamation sich rcctificirte und günstiger gestaltete. Mil der Herrschaft des Christenthums, mit dem Fanatismus, welchen die christlichen Priester besonders gegen die Juten bethängteu, und im Volke, in den Führern, wie in der Masse, inunerfort aufachten und grvstzogen, mit der Ausschließung aus der Gesellschaft und dem Volksleben, die man den Juden auferlegte, konnten die Vorurthcile gegen sie stets nur wachsen, und sich mit der äußersten Zähigkeit erhalten. Es wurden Verläumdungcn, Verdächtigungen und Anschuldigungen der ärgsten Art verbreitet, und selbst mit der Autorität der Kirche und der Obrigkeit ausgerüstet. Wir erinnern an die Brnnnenvergiftung, an die Hostienentweihung, an den Gerniß von Christenblut, namentlich geraubter Kinder, an die Ueberlreibungen von wucherischer Ausbeutung u. s. w. Daß hiervon die öffentliche Meinung viele Jahrhunderte infieirt und beherrscht wurde, ist einsichtlich, ja das; dieselbe zu Ungunsten der Juden auch für die Zukunft vergiftet wurde. Sie senkten sich tief in das Herz des Volkes, tief in alle Einrichtungen des Staates und der Commune, tief in die Literatur ein. So bedurfte es erst eines großen Umschwungs im allgemeinen Geiste der civilisirten 'Welt, um diese dichte Finsterniß des Hasses rurd der Verachtung zu lichten. Ans der Entwickelung des Geistes, der Wissenschaft und der Kritik erstand der Genius der Humanität, der die Fesseln verknöcherter Dogmen, engherziger StandeSunlerschiede, einschnnrender Privilegien und einschneidender Classcnvorrcchte, zerbrach, und das Bewußtsein des allgemeinen Menschenthums erweckte. Das Aufwachen eines solchen Genius aber entzündet eine Begeisterung, einen Enthusiasmus, der schnell über alle bisherigen Vorstellungen und Meinungen siegreich erhebt. Hierzu kam, daß die Institutionen des Feutalstaates, soweit sic noch vorhanden waren, und diejenigen des Absolutismus, wie er bestand, sich überlebt hatten, und ihr Mißbrauch eine entschiedene Opposition in allen Gebildeten. und zum Theil bis in die untersten Volksschichten hinein, hervorgebracht hatte. Beide Umstände vereinigten fick, um die Juten aus der Tiefe zu erheben, in welche man sie gesenkt hatte. Die drückenden Beschränkungen, denen mau sie unterworfen hatte, erschienen als Ausschreitungen alles RechtS, als unerträglicke Bürden, welche Menschen ausgelastet seien; und zugleich erkannte mau an, daß die Juden als Menschen ras vollste 'liecht im Staate und in der Gesellschaft besäßen, daß in ihnen die Menschenwürde tief verletzt werde. Da nun zu gleicher Zeit sich einige Inden in imelleetueller, sittlicher und geselliger Bildung, Mendelssohn voran, auszeichneten, so gestaltete sich nach Und nach eine öffentliche Meinung zu Gunsten der Juden, der jedoch noch ein harter Kampf bevorstand. «Fortsetzung folgt.» Literarischer Wochenbericht. Gr. Bceskerek, 25. Rov. Grammatik der biblisch-chaldäischen Sprache und des Idioms des Talmud Babli. Ein Grundriß von S a m ue l D avid L n;; a t t o. Aus dem Italienischen mit Anmerkungen herausgegeben von I)r. Markus Salomon Krüger. Breslau. Schlettersche Buchhandlung. XII und 122 S. 8. Die Erhaltung der chaldäischen oder aramäischen Sprache haben wir, wie Renan mit Recht bemerkt, einzig und allein den Juden zu danken. Seine Worte lauten: (’Yst done aux Juifs (jiu! iiou.s devons tont ne qii'il est possible de savoir snr lancien idiomc arannYn. Und doch ist es wiederum eine alte, nicht ultberechtigte Klage, worüber sich bereits Rabbi Elia Levita in.der Borrete seines chaldäischen Wörterbuchs, Methurgeman (Jsny 15 11), nicht genug wundern kann, daß das grammatische Studium dieser Sprache von . den Juden gänzlich vernachlässigt wurde. Während die hebräische Sprache seit Jahrhunderten sich der sorgfältigsten Pflege von Gelehrten und Sprachforschern zu erfreuen hatte, blieb, sagt Elia Levita, der Begründer der chaldäischen Lexikographie, die aramäische Sprache, obschon dieselbe, abgesehen von den Targnmun und den beiden Talnmdcu, einen kleinen Bestandthei! des biblischen Schrisllhums bildet, völlig unbeachtet. Rabbi Elia Levita war der Erste, der eine solche Gramluatik bearbeitete, die ihm aber bei der Belagerung von Rom in Verlust gerathen ist. Hierauf*) machte Rabbi Salvmon de Olivehra einen Versuch, diese Lücke auszufüllen, mit einerkurzen chaldäischen Grammatik in portugiesischer Sprache unter dem Dtel: 'n lAmsterdam HIS'J», die aber wenig Ver- *) Tie Pistungen Buxtorss, der INI', eine chaldäj'che Grammatik berausgab, und anderer ebrisilicber Geleinten, übergeben wir bier als bekannt. 3*