Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1873)
- Date
- 1873-01-15
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
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34 Wirklichkeit eines solchen Ereignisses, der eigentliche Werth und Verlauf einer solchen Situation erst später heraus, erscheint oft am nächsten Tage anders als am vorhergehenden, und wenn auch diese Tagesmeinung ihr Licht aus der Beschaffenheit der öffentlichen Meinung zieht, so hat sie doch ihrer Wandelbarkeit wegen, und ob der Unzulänglichkeit ihres Stoffes, eine, geringere Bedeutung. Tie Menge ist stets bereit, von dieser ihrer täglichen Benrtheilnng heute aufzngeben, was sie gestern hartnäckig festgehalten, heute zu verdammen, was sie gestern gerühmt hat. Tieö ist die aura popularis, über deren Hinfälligkeit sich schon Cicero so bitter beklagt hat, und der in allen Zeiten so viele Männer zürn Opfer gefallen sind, die kurzsichtiger Weise um sie gebuhlt hatten. Dies ist die öffentliche Meinung nicht. Die See wird von Stürmen aufgewühlt, oder von Windstillen gebannt gehalten; aber dies Alles geht vorüber, und die See bleibt Sec in ihrer beständigen Fluthung, in ihrer unaufhörlichen Umkreisung des Festlandes. Um im Gleichnisse zu bleiben: die Partei ist der Fels, der in scheinbarer Starrheit und Unerschütterlichkeit Sturm und Wetter, Frost und Gluth von sich weist, dennoch aber durch sie in Jahrzehnten verwittert und seine Gestalt verändert, in Jahrhunderten Trümmer auf Trümmer von seinem Gipfel und seinen Wänden Herabstürzen läßt. Die Tagesmeinnng gleicht der immer wechselnden Bewegung der Luft, die bald leise fächelt, bald stürmisch rast, sich durch sich selbst steigert und wieder nachläßt, Stunde auf Stunde anders, Tag um Tag kaum zu berechnen. Hieraus geht verständlicher für uns hervor, was die „öffentliche Meinung" sei. Sie ist die allgemein verbreitete Anschauung, die sich in den Geistern mit der Zeit herausgebildet, entwickelt und gestaltet hat, und in diesem Processe immerfort begriffen ist. Aus dem Schoße der Verhältnisse, der Interessen und der vorwiegenden Geistesrichtung und Geistesbcschasfenheit hebt sich die allgemeine Anschauung der Dinge an die Oberfläche herauf, und wird hier zu einer Allen verständlichen, in Allen wirksamen und gleichsam instinetiven Ansicht, unter deren reflectirtem Lichte die Strebungen und Erfolge, die Meinungen und Handlungen, angeschaul werden. Hieraus ergiebt sich, daß die öffentliche Meinung der Entwickelung unterworfen ist, aus ihr hervorgeht, auf sie wirkt und von ihr in ihrem Verlaufe bedingt wird, daß sie, in ihrem -Lerne dauernd, dennoch veränderlich ist, und in ihren Erscheinungen oöcillirt. Sie ist ein Erzeugniß der tieferen Geistesarbeiten, drückt diesen wiederum ihren Stempel auf, und ringt sich so aus den Bewegungen nud Bedingungen der Zeit herauf. — Die Bedeutung der öffentlichen Meinung wächst demnach mit der Freiheit, welche dem Volke wie dem Geiste geworden ist. undifyvc Einwirkung iiiif Gesetzgebung, Verwaltung und sociales Leben wird immer unverkennbarer, je mehr die Fesieln gebrochen, und die Herrschaft einzelner Parteien beseitigt wird. Es kommt wohl vor, daß zeitlich die össentliche Meinung mit einer Parteiansicht znsammcnfällt, besonders wenn die entgegengesetzte Partei sich zu schädlichem Extreme hat verleiten lasten. Lange währt dies aber niemals, und die öffentliche Meinung geräth wieder in ihre selbstständige Dahn. Zunächst wird uns hier die Frage nahe treten: stimmt die öffentliche Meinung vorzugsweise mit rer Wahrheit und dem Rechte überein, oder nicht? Befragen wir zunächst die Geschichte, so können wir diese Frage nicht geradezu bejahen. Aus Zeiten, wo der Fanatisnms vorwiegend war, oder wo die bisherigen Einrichtungen sich überlebt hatten, und Dies von eigennütziger Gewalt gemißbraucht ward, sehen wir die öffentliche Meinung Vornrtheile schöpfen und bewahren, welche aller Anstrengung zum Trotze sich erhalten, oder es bilden sich in ihr Richtungen heraus , die zur Entartung der staatlichen. socialen und sittlichen Verhältnisse führen. Gehört daher die öffentliche Meinung immer der Majorität des gesammten Volkes an, so ist sie doch öfter von der Wahrheit und dem Rechte entfernt, welche vielmehr aus Seiten der Minderheit vorhanden sind. Die Beweise hierfür giebt uns die Geschichte Athens, Roms, Frankreichs u. A. in Fülle. Ist uns Dies einsichtlich geworden, so fragen wir von nuferem Standpuncte aus, wie hat sich die öffentliche Meinung von jeher gegen uns Juden verhalten? und wie verhält sie sich gegenwärtig zu uns? — Wer die (^'schichte der öffentlichen Meinung verfolgen will, wird für die Vergangenheit auf viele Schwierigkeiten stoßen, da die ausgedehnte ZeitungSpreste erst eine moderne Erscheinung ist, die Geschichtschreiber aber meist sich nur mit den Ereignissen selbst, mit dem, was Fürsten und Völker nach Außen hin gethan haben, beschäftigten. Rur aus einzelnen Zügen wird man die zur Zeit vorhandene össentliche Meinung folgern können. Da finden wir denn aus verschiedenen Zeiten Andeutungen, welche bezeugen, ras; die Inden vom Volke in günstigem Lichte angesehen wurden. Im zweiten Buche Mosis wird 3, 21. II, 3.!2, 30 wiederholt ausgesprochen, daß die Israeliten „Gunst gefunden hatten in den Augen der Aegypter, auch der Mann Moses war sehr groß im Lande Aegypten in den Augen der Diener Pharaos, und in den Augen des Volkes"; und in Folge tiefer Gunst erhielten sie sehr reichliche Geschenke vom Bolle bei ihrem Abzüge. Wahrend also Pharao und die höchsten Machthaber Aegyptens die Israeliten fürchteten und in grausamster Weise drückten, lebten sie in Frieden mit dem Volke, und genossen Gunst in ressen Augen. Aehnlichcs können wir in Rom beobachten. Die Klagen Eicero's über den Einfluß der Juden auf das Volk, wie er sich selbst in den Versannnlungen desselben knnd lhat, der Spott des Horaz, des Juvcnal u. A., daß sich so viele Römer den Inden näherten, und ihre Sitten und Gebräuche annähmen, bezeugt gerade das Ansehen und die Gunst, welche die Letzteren innerhalb des Volkes sich erworben hatten. Dies erweist sich auch aus der feindseligen Polemik, die sich gleich nach dem Falle Jerusalems gegen die Juden geltend