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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-01-01 · Heft 1 (1.1.1873) · p. Seite 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 1 (1.1.1873)
Date
1873-01-01
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
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13 Berge um? Thäler, Felsen und Schluchten, mit cine'r weißen Decke auf viele Monate hin verhüllt, und Seen und Ströme mit spiegelglattem Eise überbrückt werden — da zog es mächtig nach der Heimath hin, nach dein behaglichen Dasein. wo der Kamps mit den Elementen nicht eine solche Härte und Gewalt annimmt, und mehr Genuß als Schädigung erwirkt. Achnlichc Empfindungen beschleichen den Provinzbewohner nach einem längeren Aufenthalte mitten in der gewaltigen Flnthnng, welche ler Wohnort einer Million Menschen, und zugleich der Eemralpunct einer großen Nation, eines Weltstaates, mit sich bringt. Man wird ergriffen, man steuert eine Zeitlang mit der Fluch, man regt seine Geisteskräfte an, dieses mächtige Leben in seiner Gefammtheit, wie in seinen einzelnen Aenßernngen und Gestaltungen, zu begreifen; aber allmälig stellt sich auch wieder das verlangen ein, in ruhiger Beschaulichkeit das Erfahrene und Geschauctc in sich zu verarbeiten. Ich bin überzeugt, .diese Antwort leuchtet Ihnen ein. Ihnen auf Ihrem reizenden Landsitze, dicht bei der liebenswürdigen Rheinstakt. Aber ich will Sie hiermit nicht abfpeisen, sondern einige Beobachtungen hinzufügen. In einem Leben, wie es Berlin jetzt besitzt, ist und wird Alles — eine Machtfrage. Erschrecken Sie nicht; ich denke hierbei nicht an Militär und Polizei, an Bewaffnung und Bewachung. Nicht im Geringsten; hiervon wird man in Berlin nur gerade so viel gewahr, wie nöthig ist. Man sieht wohl auf den Straßen einige Soldaten und Ossiciere, hier und da einen Schutzmann; was will das aber sagen vor der ungeheueren Menschenmenge, die sich da bewegt, und bei dem ersten Anstauen erdrückend zu werden scheint. 9tcin, mein Spruch hat nur einen ideellen Sinn. Nicht der innere Werth, nicht irgend ein erworbenes oder vermeintliches Brecht, auch nicht das bloße Dasein entscheidet hier — Alles ist vielmehr eine Machtfrage. Werth, Berrienst, Recht, Dasein verschwindet unter der Oberfläche des Stromes, während im glänzenden dichte des Tages nur Der und Das erscheint, wer und was eineMacht besitzt. Diese Macht wird erwerben durch Amt, Geld oder Talent. Selbstverständlich muß es ein hohes Amt, ein großer Reichlhum und ein hervorragendes Talent sein, um Macht zu gewinnen. 'Ans die Dauer kommt es hierbei nicht an; diese ist, wie bei Meteoren, mir kurz, oder in einem außerordentlichen Kampfe etwas langlebiger; wundert man sich doch, keuselbigen Namen eine geraunie Zeit hindurch zu hören. Nur der Aussteigende hat Aussicht; ein Schritt von der Höhe herab, und er sinkt schnell, und die Schatten der Vergessenheit breiten sich im 9fu darüber hin. Eine Zeitlang erhält sich wohl die Erinnerung, aber auch die, welche ein treues Getächtuiß haben, haben an zu Viel zu denken, und bald ist die ganze Generation dahin. Wer gedenkt noch eines abgetretenen Ministers, eines ehemaligen Börsenkönigs, eines ans seiner Nnhmcssphäre heransgetreteneu Künstlers? Sie haben sich zn den Schatten gesellt, welche einst Odysseus am Eingänge der Unterwelt, an seiner blutgefüllten Grube gesehen. Talent? Es kommt nicht daraus an, was sür ein Talent es sei; in welcher Kunst, in welcher Wissenschaft, in welchem Industriezweige es sich hervorthut; eS muß nur eine außergewöhnliche Leistung produeiren, und mag hierin den Gesetzen der Verrinnst und des Geschmackes auch nicht entsprechen; ja man kann sagen, um recht zn imponiren, nrnß es Diesen in irgend einer Weise widersprechen. Ter Fanatiker, der Gaukler, selbst der Blödsinn und die Rohheit haben einen Tag, bisweilen nur eine Stunde. Alles rundrängt sie, beugt sich ihnen, gewährt ihnen Ansehen und Einfluß, bis ihre Macht schnell absorbirt ist, worauf ihnen alle Welt den Rücken kehrt. '.Nein, ich meine hiermit nicht, daß das wahre Verdienst, das wirklich würdige Talent von dieser Schaubühne des allgemeinen Gebens ausgeschlossen sei; aber eS muß sich gefallen lassen, neben sich auch das Entgegengesetzte mit gleicher Münze bezahlt zu sehen, den Schein, den Prunk, das Widerwärtige auf denselben Schild erheben zu wißen; es muß sich gefallen lassen, ebenso schnell sich verdrängt, und seine Herrschaft rrach krrrzer Dauer beendet zu sehen. Daher mitten in einem solchen Strome des Gebens so viel Fieberhaftes, so viele vergebliche Anstrengungen, in die Höhe zu kommen, so viele vereitelte Mühen, sich droben zu erhalten, sich in der Meinung der Menge wieder aufzufrischen, so viele Ansreibmigen ohne dauernde Wirkung, so viele verfehlte und untergegangene Existenzen. Sie glauben nicht, daß ich hiermit eine Satire oder eine Ieremiade habe schreiben wollen, vielmehr nur eine Thatsache constatiren, die in der Natur der Verhältnisse liegt. Tenn es ist selbstverständlich, daß neben diesen! allgemeinen Leben, in welches Alles mündet, Politik, Wissenschaft, Kunst, Industrie, Geselligkeit und Familie, es viele Kreise giebt, in denen diese großen Momente des menschlichen Daseins in würdigster und nachhaltigster Weife gepflegt werden, und die innerhalb ihrer Abgränzuug Intelligenz und Geschmack tu vollstem Maße entwickeln. Ans ihnen treten dann bisweilen ausleuchtende Resultate ans die allgemeine Bühne hinaus, und nehmen einen Augenblick lang den Vordergrund ein, bis sie da wieder verschwinden, und nach geihaner "Wirkung vergessen werden. Dieses Wesen, wie es sich durch die Mannichfaltigkeit der Erscheinungen, und durch den schnellen Wechsel der Personen, in einer solchen Metropole entwickelt, laßt zwar seinen Wellenschlag auch hinaus in die Provinzen dringen; man verspürt ihn daselbst, aber er prallt doch von der dort herrschenden Stabilität ab, und vermag so eine zerstörende Wirkung hier nicht zu üben. In den Provinzen, wo die Strömung ruhiger fließt, wo die Arbeit des Einzelnen als solche überall sichtbar wird, wo daher Eharakter und Tendenz der hervorragenden Persönlichkeiten genau beobachtet und dauernder gewürdigt werken, sinket deßhalb ein anderes Leben, ein Schaffen und Erzeugen eigenster Art statt, das zwar der allgemeinen Richtung weniger entspricht, aber durch seinen

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