Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 . so weniger giebt er die Widersprüche zu. die wir in den, Berichte jereö einzelnen Evangelisten mit sich selbst nachgewiesen haben. Eine Verständigung, aber auch eine DiSeussion ist da nicht möglich. Herr Becker glaubt, und mit dem Glauben ist nicht zu rechten. Vernnnstgründe haben da keinen Platz. Er dachte übrigens, einen Hanptconp gegen unS zu führen, indem er uns die Frage entgegenwarf, was wir antworten würden, wenn mar, in gleicher Weise die geschichtliche Glaubwürdigkeit von MoseS und den Propheten durch andere Historiker erwiesen fordern, und bis dahin in Zweifel ziehen würde? Ebenso wären die Evangelisten durch sich selbst geschichtlich glaubwürdig. "Jimi steht diese Frage in gar keinem Zusammenhänge mit der .Kreuzigung Jesu; wir wellen aber dennoch darauf eingehen, damit Hera- Becker rricht glaube, daß wir sie scheuen. Wir wollen nicht einmal geltend machen, daß für Moses und den Auszug des Volkes Israel ans Aegypten allerdings geschichtliche Nachweise vorhanden sind, wir erinnern an Manetho, und an die in neuester Zeit in derr Papyrnsrellen gefundenen Spuren. Auch könnte Herr Becker, wenn es ihm daraus ankäme, unsere Ansicht über die Absassungszeiten und die Verfasser der Bücher der gesammten heiligen Schrift in unserem großen Bibelwerke Nachlesen. Uns kommt es vielmehr in diesem Augenblicke auf folgendes Moment an. Netzen wir den Fall, cs wären ans nuferer heiligen Schrift alle die Theile verloren gegangen, welche geschichtlichen Inhalts sind, alle Erzählungen, Berichte und historischen Notizen; cs wären nur alle, die Lehre und das (besetz enthaltenden Stellen, die prophetischen Reden und die poetischen Schriften der Hagiographen übrig geblieben, so würde dies für die Geschichte und Literatur, und insonders für die Israeliten selbst, ein großer Verlust sein, nicht aber für das Indenthnm. Der Inhalt des Letzteren würde dadurch nngeschädigt sein, wenn ihm auch die historische Einkleidung fehlte. Dies ist aber nicht der Fall mit dem Ehristenthume. Tie Dogmen desselben basiren zürn größten Theile auf der Person Jesu, und zwar als eines wirklichen, gesck'ichtlichen Menschen, auf seiner Geburt, seinem Leben, seinem Tore und seiner Auferstehung. Hier kommt also Alles ans die geschichtliche Erzählung an, und würde man diese aus den, neuen Testamente entfernen, so siele der Stoss deS ganzen christlichen DogiuengebäudeS hinweg. Ties ist die Antwort für Herrn Pastor Becker. Eine aus den geschichtlichen Werth der Personen Mosis und der Propheten gewandte Kritik läßt daS Iudenthum seinem Inhalte nach unberührt; hingegen eine auf den geschichtlichen Werth der Person Jesu gerichtete Kritik setzt . zugleich die christlichen Dogmen in Frage, zieht das gesammte Ehristenthuu, in Mitleidenschaft. Es kann uns daher der Einwurf Beckers von der Kritik der Evangelien durchaus nicht abhalten. Der größere Theil der vorliegenden Schrift ist nun eine Auseinandersetzung des Ehristenthurns aus Grund jener bekannten christlichen Exegese des alten Testaments, die überall Vorbildlichkeit und Weissagung auf daS Ehristenthum herausfpintisirt. Hierauf können wir uns erst recht nicht cinlassen, und müssen den Verfasser, wenn es ihn interessirt, ans unseren Bibcleonuncntar verweisen. So lange die christlichen Theologen ans diese willkürlichen Ausdeutungen sich berufen, und die einfache philologische und grannuatikalische Erklärung nicht gelten lassen wollen, läßt sich mit ihnen nicht streiten. Auf Seilen der Inden stehen hier alle christlichen Exegelen, welche eine sprachliche und kritische'Interpretation verfolgen. — Zum Schluffe wollen wir einer freundlicheren Begegnung erwähnen. Unsere Leser erinnern sich noch einer Reihe von Leitartikeln, welche wir dem Werke des Herrn Du Mesnil- Marigny über die Nationalökonomie der Aegypter, Inder, Israeliten und Griechen widrneten. Der gelehrte und scharfsinnige Verfasser hat von unseren Artikeln Kenntniß genornmen, und spricht in einer Zuschrift von, 3. December uns seinen Dank dafür a„S. Er arbeitet jetzt an einer zweiten Ausgabe seines Werkes, und will in dieser ausführlich auf unsere Artikel eingehen. Einstweilen vertheidigt er in seinem Briefe seine Ansichten über die Motive der Trennung Israels von Juda, worauf wir, wenn uns Gelegenheit geboten ist, zurückkommen werden. Inzwischen war cs unS sehr angenehm, hier einen Beleg zu haben, daß die Entfremdung zwischen französischen und deutschen Gelehrten durchaus nicht mehr so allgemein und störend sei, wie viele Zeitungsschreiber hüben und drüben insinuiren wollen. Kleine Berliner Briefe. M. Sie fragen mich, bester Freund, wie cs mir in der Kaiserstadt gefalle, und motiviren dies durch die Bemerkung, daß durch eine seltene Gunst des Schicksals es mir vergönnt gewesen fei, in einem Jahre, kaum durch einige Wochen getrennt, in lieber Gesellschaft über die Hochalpen „ach Dberitalien zu ziehen, und dann in der Hauptstadt des neuen deutschen Reiches zu weilen. So Etwas koinnit nicht jedem in der Provinz zurückgezogen Lebenden zu, und einige Rechenschaft darüber zu geben, sei die Pflicht eines Publicisten. Run, Sic erwarten keine ausführliche Vergleichung der Wunderwerke der Natur und des Menschen, keine Bemerkungen und geistreiche Einfälle über die Größe Jener und Dieser, ihre Unterschiede, die Stimmung, die man ihnen cntgcgenbringen muffe, und was dergleichen vielbesprochene Thcrnata sind. Ich will Ihnen einfach antworten, und da sage ich Ihnen, daß es sich doch in einem Punete mit Beiden gleich verhält: man staunt, man bewundert, man bereichert sein Wiffen und seine Vorstellungen, man lernt und nimmt in sich auf, aber einen bleibenden Aufenthalt wünscht man weder dort, noch hier. Als der Wind über die riesigen Höhen schärfer hcrabzufahren begann, die Tage kürzer und kühler, die Abende und Nächte länger und kälter wurden, als die mächtigen Schneefelker ans den Gipfeln und Kuppen ansingen, sich nach den Dhälern anSzudehnen, und die Zeit;n nahen schien, wo Alles, Höhen und Niederungen,