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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-12-17 · Heft 51 (17.12.1872) · p. Seite 1021

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 51 (17.12.1872)
Date
1872-12-17
Page
Seite 1021 (sequence 19)
Language
German
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haben sich von Schopenhauer Gott und die ganze Welt gefallen Lassen müssen, als daß die Urtheile des Einen wie des Anderen die Juden nicht sehr gleichgültig lassen sollten. Im Gegentheil, wenn diese Männer so vieler und so schneidender Worte zu bedürfen meinten, um der Welt glaubhaft zu machen, daß an den Juden gar Nichts dran sei, so mußten sie voraussetzen, daß die Welt doch eine'andere Meinung habe. Hiermit glauben wir den ganzen/ Streit mit den Herren Socialdemokraten abgethan zu haben. Es ist immer ein Zeichen, daß die eigene ~ Sache schlecht steht, wenn man sich über die Juden hermacht. Die preußischen Feudaljunker haben dies schon erwiesen. Bekanntlich hat in diesem Augenblicke das Ansehen und der Einfluß der preußischen Junker den letzten Gnadenstoß erhalten, da sie in das Herrenhaus eine neue Anzahl Pairs eintreten und die Kreisordnung, der sie, trotz des Königs, der Staatsregierung und des Abgeordnetenhauses auf's Bestimmteste ausgesprochener Willensmeinung, durch ihre Abstimmung den Garaus zu machen gewähnt hatten, im Herrenhause selbst die Mehrheit erlangen sahen. In diesem Todeskampfe konnten sie es nicht unterlassen, noch einige Fluchworte auf die Juden herauszüröcheln. Herr Senfft von Pilsach war ihr Organ. Er schreibt, was so recht charakteristisch ist, die ganze Kreisordnung „einem semitischen Herrn im Abgeordnetenhause" zu. Dies ist die rechte Weise, wie man eine große Institution, die dem Staate nothwendig geworden, und den vereinten Bemühungen der bedeutendsten Staatskörper entsprungen ist, verdächtigen und verläumden will. Noch mehr aber sprudelt der Aerger heraus, daß §.106, gemäß der Verfassung und dem deutschen Reichsgesetze, die Wählbarkeit zum Kreistage allen Bürgern zuertheilt, also auch den Juden. Da ruft der edle Ritter aus: „Wie kommen wir dazu, den Juden das Recht zu geben, sich in unsere Sachen einzumischen? Mischen wir uns in die Ihrigen ein? Wir Haben ihnen dies Recht schon mehr als einmal eingeräumt, denn das Schulaufsichtsgesetz ist hauptsächlich durch jüdische Stimmen zu Stande gekommen. Unser ehrlicher Bauer ist sehr tolerant, aber wenn er bedeutend schlechter behandelt werden soll als ein Jude, das nimmt er sehr übel. In einer Judengemeinde müssen die Mitglieder wenigstens volljährig, unbescholten und mit ihren Abgaben an die Synagoge für drei Jahre nicht im Rückstände sein. Bisher durfte Niemand, als wer sich zu einer christlichen Kirche' bekannte, in den Kreistag eintreten; Sie aber wollen jetzt eine neue Verletzung des christlichen Rechtes herbeiführen! —" Das Haus, antwortete auf diese Don Quixotischen Auslassungen durch Annahme des §. 106. Wir kommen zu einem anderen Gegenstände. Vor uns liegt eine ziemlich starke Schrift eines christlichen Pfarrers, die er soeben gegen unsere Broschüre: „Haben wirklich die Juden Jesum gekreuzigt?" hat erscheinen lassen. Das Buch ist, interessant genug, um mit wenigen Worten charakterisirt zu werden/ (Schluß folgt.) Vermischtes. In der in Berlin erscheinenden „Wochenschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben", betitelt „Die Gegenwart", Nr. 44 vom 23. November, finden wir eine Aeußerung, welche einen, von uns nicht näher zu bezeichnenden Charakter trägt. In der That, Würde und Wahrheitsliebe bewähren sich jetzt nicht immer in den Kreisen, welche dieselben zu üben vorzugsweise den Anspruch erheben. Es wird darin eine Schrift des Di-. Alfred Woltmann „Die Baugeschichte Berlins bis auf die Gegenwart" (Berlin 1872) besprochen. Es heißt daselbst: „Nicht minder, wie dem Magistrat das Rathhaus, so wird den christlichen Gemeinden die Kärglichkeit vorgehalten ,- mit der. gegenüber der Würde und Schönheit der neuen Synagoge die meisten christlichen Kirchen neueren Datums angelegt und ausgestattet sind, wenngleich hiervon die Thomas- und die Zionskirche eine Ausnahme machen. Es ist das allerdings .ein Uebelstand, der, ebenso wie der Mangel an Solidität bei andern Bauwerken, seine Begründung in dem Charakter der Zeit hat: einerseits ist das Interesse für Erbauung von Kirchen ein ziemlich schwaches, und andrerseits stehen denjenigen Leuten, welche sich für den Bau von christlichen Kirchen interessiren, nicht die Mittelzur Verfügung, über welche die Erbauer von Synagogen disponiren können." — Wenn dieser Aeußerung Nichts weiter zu Grunde läge, als die gewöhnliche Ansicht, daß die Juden im Ganzen mehr Geld besäßen als die Christen, eine Ansicht, die gerade im Ganzen eine vollständig falsche ist, da man nur auf den geringen Grundbesitz bei den Juden, auf den unermeßlich größeren bei den Christen hinzuweisen braucht, so würden wir Dessen kaum erwähnen , da es eben einer jener weitverbreiteten und gerngenährten Vorurtheile ist. Allein man will durchaus die größere Opfer Willigkeit und Opfer freu digk eit der Juden nicht anerkennen; es ist höchst unbequem, hei den Juden immer noch einen viel größern religiösen Sinn zu finden, den man von der Erde hinwegschwemmen möchte. Darum sagt man: „Ja, die Juden haben Geld, die Christen nicht." Man schlägt aber hierbei der Wahrheit völlig in's Gesicht. Denn es muß doch dem Berichterstatter bekannt sein, daß die Kirchen Berlins auf Kosten des Staates und der Stadt gebaut werden, und die Mitglieder der christlichen Gemeinden nur auf dem Wege der Almosen dabei concurriren, während die Juden ihre Synagogen ganz und gar aus eigenen Mitteln bestreiten, aus denen noch dazu auch die Unterhaltungskosten des Cultus, des Schul- und Armenwesens, stammen. Während eine christliche Gemeinde von 40,000 Seelen eine Kirche in ihrer Mitte entstehen sieht, haben die 27,000 Juden Berlins ein halbes Dutzend Synagogen erbaut. Auf diese Weise kann auf Seiten her f Christen nicht ein Mangel anGeldmittelnfür die Kärglichkeit der Kirchenausstattüng, sondern nur ein völliger Mangel an kirch-

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