Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1872)
- Date
- 1872-12-17
- Page
- Seite 1014 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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1V14 Md Gleichberechtigung Aller, wenn auch 'durch die Constitution decretirt und im Großen und Ganzen geübt, doch noch lange nicht in Fleisch und Blut des gesammten Volkes übergegangen ist? daß auch dort noch die Juden ihrer Haut sich wehren müssen wie in Deutschland? Wir sind gewiß die Letzten , wenn es gilt, Frankreichs Verdienste um die Emancipation der Juden abzuschwächen. Aber um unserer selbst willen, um der geschichtlichen Wahrheit willen, müssen wir uns ebenso sehr vor dem Gegentheil hüten: jene zu übertreiben.*) Die wirklich nachhaltige Emancipation einer religiösen oder politischen Körperschaft ist von ganz anderen Bedingungen abhängig als von Schlagwörtern und überhasteten Decreten. Deutschlands großen Männern, einen Lessing voran, Deutschlands Schulen und sonstigen gemeinnützigen Instituten, von denen Bildung und Aufklärung unter die große Masse ausgeht und dieselbe nach allen Richtungen hebt und läutert — ist wohl auch ein kleines Verdienst um die Beseitigung der religiösen Vorurtheile auf Rechnung zu setzen! Zu dem zweiten Grunde, den Herr Peltyn für die Abneigung unserer Glaubensgenossen in Polen gegen Deutschland angiebt und der sich auf eine längst hinter uns liegende Vergangenheit bezieht, wissen wir wirklich nicht, was wir sagen sollen. Die Juden wurden dort meist schlecht, unmenschlich behandelt; verjagt, beraubt, verschachert rc. Unbestreitbar wahr! Aber in Frankreich etwa nicht? Woher denn die relativ geringe Anzahl unserer Glaubensgenossen in diesem Lande? Weil sie dort radical vertrieben wurden. Und ist es nicht eine allgemein bekannte geschichtliche Thatfache, daß noch unmittelbar vor der ersten Revolution unter Ludwig XVI. die französischen Juden sich an einen deutschen Juden, an Mendelssohn, wandten, der wiederum einen deutschen Christen, Dohm, damit beauftragte, daß er ihnen eine Denkschrift ausarbeite, von deren Überreichung sie sich eine Erleichterung ihrer unerträglichen Lage versprachen? Wenn nun Herr Peltyn die deutschen Juden von MS *) Den besten Beweis hierfür liefert uns das Beispiel der kleinen republicanischen Schweiz, welches, obgleich der Machtsphäre Frankreichs so nahe, sich dennoch bis in die jüngste Zeit hinein unseren Glaubensgenossen so verschlossen gezeigt hat. Frankreichs wenn auch nur sittlicher Einfluß muß demnach doch wohl nicht so omnipotent fein! Corresp. den Deutschen selbst getrennt betrachtet wissen will, jenen alle Gerechtigkeit widerfahren läßt, welche er diesen wohl — Mschweigend — vorenthält, so müssen wir dagegen , als die Art eines Judenfeindes oder eines Sophisten, entschieden protestiren: die deutschen Juden fühlen sich Eins mit dem deutschen Volke, gerade so wie die französischen rc. mit ihren respectiven Nationen; die deutschen Juden sind durch Deutschland Das geworden, was sie sind, gerade so wie die französischen durch Frankreich, die polnischen durch Polen u. s. w. Zeichnen sich die deutschen Juden auf irgend einem Gebiete oder auf mehreren Gebieten menschlichen Strebend und Schaffens besonders aus — und Dies geben Sie doch zu, Herr Peltyn! — so ist das wahrhaftig nicht zufällig so geworden, sondern der deutsche Geist hat bestimmend auf sie eingewirkt. Eine Trennung einer bestimmten religiösen Genossenschaft vom Staate ist nur da zulässig, wo es sich nicht um die heiligeren Interessen des Letzteren handelt. Und darum beruht es wohl auf einem Mißverständniß Ihrerseits, wenn Sie Sich zur Bekräftigung Ihrer Ansicht auf das Zeugniß des Herrn Redacteurs d. Bl. berufen, der z. Z. Worte der Verständigung und Versöhnung an unsere in Elsaß-Lothringen wohnenden Glaubensgenossen richtete, nachdem das Krie g s - glück über das Schicksal dieser beiden Provinzen entschieden hatte. Dieser Umstand ändert die Sachlage, wie uns dünkt, vollständig. — Die deutschen Juden bilden einen integrirenden, unablösbaren Theil des deutschen Volkes, und verwahren sich, aufs Entschiedenste gegen die zweifelhafte Ehre, eine von der Gesammtnation gesonderte Beachtung zu finden.*) Dies hindert freilich nicht, daß gewisse Ideen, die ursprünglich ein abgegränzt nationales Gepräge hatten, oder ein solches mit der Zeit verloren, diesseits und jenseits der Vogesen gemeinsam anzutreffen sind. Wir haben uns darauf beschränken müssen, nur die wichtigsten vom „Israelit" angeregten Fragen zu besprechen, die minder in's Gewicht fallenden hingegen unberührt gelassen. Es lag uns hierbei, wie früher, so auch jetzt, jede persönliche Gereiztheit oder nationale Eitelkeit fern; wir hatten nur die Sache im Auge; die Liebe zur Wahrheit und Gerechtigkeit dictirte uns unsere Sprache. Wir leben lange genug hier im Lande, *) Wir hoffen, dieses Mal bester verstanden, Seitens des „Israelit" nicht wieder logischer Widersprüche geziehen zu werden. Corresp.