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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-12-17 · Heft 51 (17.12.1872) · p. Seite 1013

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 51 (17.12.1872)
Date
1872-12-17
Page
Seite 1013 (sequence 11)
Language
German
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Rußland. Warschau, im October. (Privatm.)*) Unter der Überschrift „Seltsame Ansprüche" brachte der hier in Warschau erscheinende „Israelit" vor Kurzem eine Entgegnung auf unsere Correspondenz in der A. Ztg. d. Judenth. Nr. 39. Wir halten uns für verpflichtet, mit einigen kurzen Gegenbemerkungen darauf zu antworten. Was die Eingangs uns gemachten Vorwürfe eines überspannten Patriotismus, eines deutschen Stolzes oder Dünkels, eines Berauschtseins von den augenblicklichen Erfolgen der deutschen Waffen und Politik anbetrifft, so können wir sie auf sich beruhen lassen; weder durch die Fassung noch durch den Inhalt unserer Correspondenz sind sie, wie jeder Unparteiische uns gewiß zugestehen wird, irgendwie begründet. Auch sind gerade solche Beschuldigungen zu bequem, zu allgemein, zu wenig concret, um mit Erfolg widerlegt werden zu können, zumal wenn auf Seiten des Gegners der gute Wille fehlt, sich von ihrer Haltlosigkeit überzeugen zu lassen. Mit derartigen Schlagwörtern ist unseres Dafürhaltens wenig bewiesen, und noch weniger der Sache gedient. Wir lieben unser Vaterland mit aller Gluth, derer wir fähig sind; niemals aber haben wir von Angehörigen anderer Staaten eine gleiche Sinnigkeit und Hingebung verlangt; zu keiner Zeit auch haben wir irgend Jemandem das Recht der freien Kritik unserer staatlichen Einrichtungen, der Mängel, die denselben noch anhaften, streitig gewacht. Auch sind wir gerecht und unparteiisch genug, um jedem Staate, und namentlich Frankreich, seinen Antheil an der allgemeinen Cultur und Civilisation widerspruchslos und freudig zuzugestehen, und andererseits für Deutschland keinen größeren in Anspruch zu nehmen, als ihm zukommt. Aber um alles Dies handelt es sich ja gegenwärtig gar nicht. Wir haben behauptet und behaupten noch jetzt, daß unsere Glaubensgenossen in Polen sowohl geistig wie materiell bei Weitem mehr auf Deutschland als auf Frankreich angewiesen sind; daß sie von jenem bewußt und unbewußt weit mehr profitirt haben und prosi- *) Die Redaction der Arch. isr. sprach von der oben citirten Correspondenz, als ob sie von uns ausgegangen — wir haben nicht ein Wort hinzu- oder davongethan. Ebenso mit der hier vorliegenden. Redaction. Liren ' als von diesem , und daß es daher weit, würdiger und ersprießlicher für sie wäre, wenn sie sich endlich jener ganz grundlosen und lächerlichen Voreingenommenheit gegen Deutschland entschlügen, die, wohl nur eine Folge der sklavischen, sich jedes selbstständigen Urtheils begebenden Unterwürfigkeit unter die französische Phrase und Logik, seit dem letzten Kriege so ausfällig geworden und fast zu einem chronischen Nebel zu werden droht, wenn nicht der gallische Hahn selbst unterdeß andere, sanftere Töne anschlägt. Wir sagten grundlos — und darum auch lächerlich; — denn gesetzt gar, Frankreich besäße in Wirklichkeit alle die ihm nachgerühmten Tugenden, ist dies ein Grund, Deutschland, welches doch, selbst nach dem Zeugniß seiner wahrheitsliebenden Feinde, auch nicht aller guten Eigenschaften baar ist, mit Abneigung zu begegnen, diesem Deutschland, welches —Herr Peltyn wird wohl so gütig sein, dies einzuräumen -- doch auch sein Scherflein zur allgemeinen Cultur und Civilisation beigetragen hat und noch beiträgt? Doch Herr Peltyn hebt mit Nachdruck die Motive für die Zu - resp. Abneigung unserer hiesigen Glaubensgenossen hervor und meint erstens, daß die Juden in Frankreich gegenwärtig mit größerer Humanität behandelt werden als in Deutschland. Zugegeben! Aber ist denn in dieser Beziehung der Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland wirklich ein so crasser, um als genügende Erklärung für jene gelten zu können? Ist denn Deutschland ein Rumänien für die Juden, und Frankreich ein Eldorado für dieselben? Die Tage von Damaskus, in Scene gesetzt von dem gegenwärtigen Oberhaupt der konservativen Republik, das schmachvolle Benehmen jenes perfiden Präfetten in Algier, der über unsere dortigen Glaubensgenossen einen Bericht veröffentlicht, wie er gemeiner noch nicht geschrieben worden ist; die jüngsten journalistischen Auslassungen des republicanischen „Jnfanten", Gambetta — hinter dem doch eine ungeheuer große und in Bezug auf die Anwendung der Mittel für ihre Zwecke nicht sehr wählerische Partei steht, — Auslassungen, die an Schmuz und Infamie Alles übersteigen, was seit Menschengedenken gegen Juden und Judenthum vorgebracht wurde; die Feindseligkeiten der kle-. rikal-legitimistischen Partei, — beweisen alle diese Momente nicht zur Genüge, daß auch leider in Frankreich unsere Glaubensgenossen noch nicht über allen Anfechtungen erhaben sind? Daß auch dort die Gleichheit ' M *

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