Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1872)
- Date
- 1872-12-10
- Page
- Seite 989 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Zuhörerschaft eine innigere Auffassung und ein tieferes Verständniß zu wünschen haben. — „Vier Predigten in der Synagoge zu Kaiserslautern, gehalten von Bezirksrabbiner Ludwig Seligmann. Kaiserslautern 1872." Diese Predigten zeichnen sich durch Einfachheitünd Kürze aus; das Gewicht der Themata mit der Klarheit' der Durchbrechung muß den Eindruck sichern. Israels Stärke, das Recht Israels, Israels Sendung, und die Einheit der Gottesverehrung, bilden hier den willkommenen Stoff eindringlicher Wahrheiten und ernster Mahnungen.—„Biblische Bilder, dargestellt in Kanzelreden von vr. Joel Müller. I. Heft: Abraham — Isaak — Jakob — Zelt und Altar — das Alter der Patriarchen. Böhmisch-Leipa, 1869." In unserer Zeit, in welcher ein skeptisches Geschlecht die in einfacher Treue überlieferten Lebensskizzen der Helden der Schrift zu zersetzen liebt, und an ihnen jede Mangelhaftigkeit zu bitterem Spott, jede Tugend zur Bemängelung verwendet, ist es wohlgethan, die Bilder der Patriarchen mit religiösem, pietätvollem Auge zu betrachten, und das Edle und Erhabene an ihnen zusammenfassend, die Ehrfurcht vor ihnen zu erneuern und zu stärken. Dies hat der Verfasser versucht, und zwar meist mit Tact und Verständniß. Besonders 'anziehend ist die Predigt „Zelt und Altar." — „m mnbtfj Gottesslamme; religiöse Reden über die Festtage, Wochenabschnitte und verschiedene Gelegenheiten; von I. Stern in Niederstetten (Würtemberg). Berlin 1872." Ein tiefreligiöses Gemüth, ein warmes Gefühl und eine liebevolle Auffassung des Judenthums, bringt der Verfasser der vorliegenden Schrift auf den Rednerstuhl mit. Jeder, der diese Sammlung liest, wird sich erbauen , in seinen Ueberzeugungen sich befestigt, in seinen sittlichen Bestrebungen gestärkt fühlen. Aber in Stoff und Form ist noch eine gewisse Gährung vorhanden/ die der Klärung bedarf; ebenso ist die Sprache wohl voll und kräftig, aber nicht correct, und nicht immer auf der Höhe des Gegenstandes. Auch die Auswahl der Vorträge hätte noch eine strengere sein müssen. Wir sprechen Dies offen aus, weil wir von dem Verfasser noch viel Gutes und Würdiges erwarten.^ Zeituvgsuachrichteu. Deutschland. Berlin, 24. Nov. (Privatmitth.) Es ist nicht unerheblich, hier anzuführen, daß zu dem oben erwähnten Erlasse des evangelischen Oberkirchenrathes die hiesige Nationalzeitung folgende Bemerkung hinzufügt: „Dieser Bescheid entspricht so sehr dem gesunden Menschenverstände, und die Wahl evangelischer Prediger durch jüdische Magistratsmitglieder wäre eine so offene Verhöhnung der evangelischen Kirche, daß man sich darüber wundern muß, wie mehrere hiesige Zeitungen ihn mit angeblich juristischen Deduktionen anfechten können. Es scheint wirklich, als ob es in Deutschland bald nöthig werden soll, im Gegensatz zu früheren Bestrebungen, für Emancipation der Christen zu agitiren." Die Frage an sich, ob es recht oder unrecht, eine Tactlosigkeit oder eine Unzukömmlichkeit war und ist, daß ein jüdisches Mitglied eines Magistrates bei der Wahl eines evangelischen Predigers mitgewirkt hat oder Mitwirken will, bei Seite gelassen, erscheint es doch ganz ungeheuerlich, daß ein Blatt, welches auf seinen Liberalismus pocht, und sich dabei das Air der höchsten hauptstädtischen politischen Weisheit giebt, bei einer doch verhältnißmäßig äußerst geringfügigen Veranlassung hinzufügt: man müsse an die Emancipation der Christen — von den Juden denken! Es liegt hier eine einfache kleine Rechtsfrage vor, die man von verschiedenen Seiten ansehen kann. Darum Zu sagen, es gelte die Emancipation der Christen — beweist entweder einen argen Leichtsinn, dem es auf eine pikante Floskel nicht ankommt, oder eine innere Verbissenheit, die sich hier einmal Luft schafft. Ich halte mich von der Letzteren überzeugt, von einem, wie sie selbst sagt, „Gegensatz zu früheren Bestrebungen." Denn die N.-- Z. hat seit Jahren, wo sie nur konnte, kleinere und größere Stiche gegen die Juden ausgetheilt, und athmet gegen die Letzteren jene Art von horror, den sonst die Aristokraten fingiren — was sie freilich nicht verhindert, die Kräfte eines bedeutenden Juden für sich auszubeuten. Uebrigens nimmt die N.-Z. schon längst eine sehr.tiefe Stufe auf der Leiter des Liberalismus ein, sie ist für den liberalen Sinn der Hauptstadt sehr entbehrlich, und die Juden Berlins könnten sie nicht empfindlicher für ihre Richtung strafen, als sie nicht