Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1872)
- Date
- 1872-12-10
- Page
- Seite 988 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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beinahe zur Verachtung gelangte Gleichgültigkeit verdrängten. — Ohne auf das Nähere und so oft Besprochene weiter einzugehen, erhellt doch hieraus der große Umschwung, den das Selbstgefühl der Juden hierdurch erfuhr. Nur das wollen wir noch bemerken , daß dieser Umschwung nur durch die individuelle Freiheit möglich war, welche dem Juden auf dem ganzen Gebiete seines Bekenntnisses zustand. Der Mangel an einer Reihe von formulirten Dogmen, auf welche der Bekenner des Judenthums verpflichtet wäre, das Nichtvorhandensein einer die Synagoge beherrschenden Hierarchie, und der Wegfall aller äußeren Zwangsmittel, stellten jedem Individuum frei, von den religiösen Formen zu beobachten, wie viel er für sich als verbindlich ansah. Es war ihm daher möglich, die Lehre weder an bestimmte Worte, noch an unumgängliche Formen gebunden zu erachten, und somit die Lehre seiner "Religion als lauterer und erhabener zu betrachten, als die anderer Religionen, ja in ihrem Gegensätze zu diesen hochzuschätzen, ohne durch die Fesseln der Formen darin behindert zu werden. Nur so war es. möglich, daß die gebildetsten und wissenschaftlichsten Geister sich mit der Gesammtmaffe, selbst mit einer rohen Schicht derselben, in der religiösen Einheit fühlen konnten. Nachdem so die Krise vorübergegangen war, bildete von Neuem der Monotheismus in seinem ebenso Ehrfurcht wie Liebe einflößenden Verständniß die Grundlage für das Selbstgefühl der Juden, und hieran mußte sich sofort aus der Betrachtung der ganzen geschichtlichen Vergangenheit, wie aus der Umschau in der Gegenwart, die Ueberzeugung schließen, daß der jüdische Stamm in der Menschheit für die Verkündigung und Erhaltung dieses Monotheismus bestimmt gewesen und noch sei. Was man auch gegen die Anschauung dieser, nenne man es Sendung oder Bestimmung oder wie man sonst will, sagen möge, die Geschichte selbst erweist sie vollständig, und Jahrtausende des schwersten Martyriums, zahllose,, dem Ganzen wie den Individuen auferlegte Opfer, berechtigen zu dieser Ueberzeugung. Die Kämpfe der Gegenwart, die ultramontane und pietistische Kirche auf der einen, und der offenmüthigste Atheismus auf der anderen Seite, geben ihr einen vollen Inhalt. Es war natürlich, daß sich an diesen Standpunkt alsbald die Erforschung der Geschichte des jüdischen Stammes nach. allen ihren Richtungen knüpfte, und Diese' befestigte jenes Bewußtsein über die innere und äußere Existenz des jüdischen Stammes und ihrer Zwecke nur um so mehr, da sie neben dem immensen Widerstande nach. Außen daS «nermüdliche Ringen des Geistes im Innern bezeugte.. - Wir glauben hiermit das Selbstgefühl der Juden, wie es gegenwärtig beschaffen , und innerhalb welcher Gränzen es vollberechtigt ist, gezeigt zu haben Ob es sich nun in einzelnen Individuen mehr nach. rechts verstärkt oder nach links abschwächt, kann uns nicht^eirren. So ist es da, und muß da sein, und kann nur von einseitiger Parteisucht getadelt und hinweggewünscht werden. Wer unter den Juden dieses Selbstgefühl nicht theiltist nur zu bedauern, da ihm ein schönes Stück geistigen Lebens fehlt, und eine sichere Ueberzeugung verloren gegangen ist. Allerdings würde es an Fanatismus gränzen nicht zugeben zu wollen, daß es für den Einzelnen geistige Momente giebt, die für ihn das Selbstgefühl als Jude überragen. Der Jünger einer Kunst z. B., der in den Lehrjahren steht, kann sich nicht darum von seinem Meister trennen, weil dieser Vorurtheile gegen die Juden hegt. Aber er wird doch, wenn er Charakter und Selbstschätzung besitzt, seiner persönlichen Würde nicht zu nahe treten lassen, und zu dieser wird das Selbstgefühl als Jude gehören, auch wenn er sonst der religiösen Wärme sich nicht in allzu hohem Maße erfreut. — Auf was daher der Lehrer des ÄudenthumS, besonders bei der Erziehung der Jugend, mit Wort und That feine Anstrengungen zu richten habe, scheint uns aus Obigem klar hervorzugehen. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 21. November. (Schluß.) „Wie und was soll gepredigt werden, und wie die Predigt gehört wen den? Zwei Predigten, gehalten am 10. und 17. Februar 5632 in Newyork, von Dr. M. Mi elzi n er. Newyork, 1872." Die Weise dieses Redners muß für seine Zuhörer anziehend sein. Er geht nicht um die -Dinge herum, sondern bezeichnet sie geradezu, beantwortet seine Fragen in sinniger Jnterpretatton von Schriftstellen, und erhebt sich nur momentweise zum Pathos. Die Fragen, die er aufwirst, sind 'gewiß zeitgemäß , da nicht wenige Prediger das richtige Maß nicht zu treffen pflegen, und das Publicum entweder mit großen Erwartungen oder auch nicht in der rechten Stimmung zur Predigt kommt. Wir .wissen Alle, daß wir den Kanzelrednern das rechte Geschick , und der