Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1872)
- Date
- 1872-12-10
- Page
- Seite 985 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226852-3226903--31236-3254150- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
werfen, und doch mit Strauß, und Karl Vogt zu behaupten, es . gäbe keine einzige Thatsache für die Existenz der Seele. Was diese Herren immer wieder von dem Gebundensein der Seele an die.körperlichen Organe sagen, haben wir bereits widerlegt. Die körperlichen Organe sind ebenso abhängig von der Seele , und die größte Thätigkeit der Letzteren in Gedanken und Gefühlen geht. mit viel größerer. Selbstständigkeit und Unabhängigkeit vor sich, als die körperlichen Functionen in Unabhängigkeit von der Seele; die Seele ist bei Weitem mehr das bewegende Moment für körperliche Thätigkeiten, und zwar aus sich selbst heraus, als die Wirksamkeit der körperlichen Organe aus die Seele. Man mag sagen, was man wolle, zwischen der physikalischen Natur des Körpers und dem Psychischen Wesen , der Seele, zwischen der raumausfüllenden Materie und dem unräumlichen Denken, ist eine .unermeßliche Verschiedenheit, ein Gegensatz, der . zwar eine innigste Verbindung zuläßt, niemals aber eine Identificirung. Die sorgfältigere und genauere Erforschung dieser Verbindung, dieser Wechselwirkungen zwischen Leib und Seele, zwischen Materie und Geist, haben die Verirrung der Forscher herbeigeführt, die aber ebenso wenig vor dem gesunden Menschenverstände, wie vor der strengen Wissenschaft, von Dauer sein kann. Es ist nicht das erste Mal, daß die Menschheit zu dem „alten Glauben", welchen nicht eine Kirche, sondern die Jahrtausende des Menschengeschlechtes lehren, zurückkehrt, nachdem sie ihn durch eine „neue" Verirrung geklärt und befestigt hat. Etwas, davon hat Strauß empfunden, denn er giebt (S. 207) zu, daß er von diesen Dingen Nichts verstehe, und hofft, daß „Andere kommen werden, die sie verstehen." Strauß schließt, indem er über den Zweck sich ausspricht. Auch hier verfällt er einem Widerspruche, den er.selbst constatirt. Den Zweck jedes Einzelwesens muß er.- nach der darwinschen Theorie in „immer höheren Manifestationen" finden, während das Universum davon Nichts hat, sondern immer ist, wie es ist. Dann liegt der Zweck aller Dinge über sie hinaus , während der Zweck des Alls in sich selbst liegt. Dies setzt eine Verschiedenheit zwischen allen Dingen und dem All, die doch, da das All für Strauß nichts Anderes ist, als die Gesammtheit aller Dinge, als gegensätzlich süt ihn stehen bleibt. In jedem Augenblicke soll-jedes Ding vollständig sein, und doch etwas Höheres wollen und danach streben, und alle Dinge zusammen - wieder vollständig sein, und Nichts Über sich wollen. Das ist doch voller Widerspruch und reine Willkür! 'Strauß, .'dev"die- Religion nur im Abhängigkeitsgefühle'bestehen lasten, also 'den Trieb nach - Höherem, . nach Erkenntniß und Befriedigung der inneren Sehnsucht/ im Menschen nicht' anerkennen wollte, muß schließlich das Bedürfniß und Verlangen nach Höherem allen Wesen zuschreiben, und'wiederum als Ziel derselben die Nutzlosigkeit dieses Strebend hinstellen, welchem doch immer nur der Untergang bevorstehe! - >'■ So zeigt uns Strauß, wie Klarheit und Schärfe auf der Oberfläche mit vollständiger Begriffsverwirrung in der Tiefe sich vereinigen läßt. Man kann sich leicht vorstellen, wie dieser wirre Begriff von der „Idee des Universums" für Moral und Politik nur eine schwächliche und schwankende Unterlage giebt, was denn auch von dem vierten Abschnitte der vorliegenden Schrift von verschiedenen Seiten her, namentlich von der Tagespreffe, genügend nachgewiesen worden ist: Strauß zeigt sich hier sehr conservativ. Schließen wir, indem wir versuchen, noch einen allgemeinen GesichtsPunct für däs Werk von Strauß zu eröffnen. Strauß' nennt seine Ansichten ,,den neuen Glauben". Aber sie sind nichts Neues; sie sind nur die jüngste Manifestation einer sehr alten Geistesrichtung. Die Anschauungen über die Welt bewegten sich stets in zwei Strömungen. Die Eineging von der Außenwelt aus, suchte nach , einer Vorstellung vom Universum, stieg von diesem durch die Sternen-und Sonnenwelt zur Erde, durchschritt die Gattungen der Erdgeschöpfe, und kam so zum Menschen, den sie? von dort aus zu begreifen suchte. Alte Religionen; .wie 'der Buddhismus, und alte Philosopheme von den ersten ionischen Philosophen an, gingen diesen- Weg. Die' andere Strömung war die entgegengesetzte; sie ging von der Betrachtung des Menschen aus, und suchte von dieser her die Welt in ihren nächsten und immer weiteren Kreisen zu begreifen. Andere Religionen, wie'das Iudenthum, Und andere Philosopheme, von Sokrates und Plato an, gingen den letzteren Weg. Es kommt nun nicht auf die ostensible Methode' an, ’ welche gerade in den Schriftwerken befolgt ward; auch die - Mannichfaltigkeit der Resultate in ihren Nuancirungen machen-hierbei Nichts aus. Zu Grunde liegt immer die eine öder die andere dieser beiden Richtungen.- Auch das Ziel Beider läßt sich sichererkennen. Die Eine, welche von der Außenwelt zum Menschen kommt, endigt immer im Materialismus und in der Läugnüng des Geistes; - die Andere erkennt außer der körperlichen eine geistige ExisteüF 50*