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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-12-10 · Heft 50 (10.12.1872) · p. Seite 984

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 50 (10.12.1872)
Date
1872-12-10
Page
Seite 984 (sequence 2)
Language
German
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.., .r ir? ■y':- woher daS Gesetz? Mit Wortspielen erklärt und erweist man Nichts. Er, welcher der religiösen Lehre vorwirft, sie erkläre Nichts — was hat er erklärt? Er fühlt dies'selbst;/ er sucht nach einer Erklärung, aber findet fie nicht. Er verwirft die „blinde Naturkraft", verwirft das „unbewußte Absolute" (von Hartmanns); er muß dies, denn ihm ist ja das All ein Vernünftiges und Gütiges, hat'Vernunft und Zweck; freilich wo und woher hat diese Gesammtheit bewegter Atome, die als Gesammtheit nur in der Abstraction besteht, Vernunft und Zweck? > - Wir lassen Herrn Strauß seinen Excurs vom Aether durch die Sonnensysteme zum Erdball, und durch. dessen Schichten..und Lagerungen ruhig machen. Wir nehmen nur eine kurze Rast, wenn er zu den belebten Erdwesen gelangt. Er huldigt hier ganz der darwinschen Theorie, die er freilich seinerseits nicht bereichern konnte. Bekanntlich ist für Darwin die Beschaffenheit der Thiere ohne Vernunft,' ohne Zweck, ohne Gesetz. Die Formen und'alles Thun der Thiere sind entstanden aus dem Bedürfniß, dem Verlangen nach der Befriedigung derselben, und dem Ringen nach dieser Befriedigung. Die Formen sind ererbt nach unendlich langer Entwickelung, das Thun, die Instincte und Kunfitriebe ererbte Gewohnheiten. Alles war Molluske; der eine Theil derselben ist durch Trägheit Molluske geblieben, der andere Theil hat so lange sich bewegt und gezappelt, bis er kriechen, laufen, stiegen oder schwimmen gelernt und sich hierzu Füße, Flügel oder Flossen herausgebildet hat; die kurzen vderlangen Beine, der kurze oder lange Schnabel, der kleine öder große Flügel und all Dergleichen sind so entstanden; nicht das Auge wurde für das Licht gebildet, sondern durch das Licht; wer seine Augen oft öffnete, bekam Luchsaugen, wer sie geschloffen hielt, Maulwurfsaugen. Wir wollen das Bild nicht weiter führen, müssen aber doch Herrn Strauß fragen: Er, der im ganzen M nur Gesetz, gesetzliche Kraft, gesetzliche Bewegung, Vernunft, Zweck erkennt, wie will er nun erklären, daß iw der organischen Natur alles Gesetz aufhört, alle Vernunft verloren gegangen ist, und aller Zweck sich in Zufall verwandelt?' Diesen Widerspruch mag er lösen, wenn er kann. Weiterhin fragen wir: wie kam denn daS Bedürfniß in die Molluske, und wiederum die Befähigung, aus sich die Werkzeuge der Befriedigung herauszubilden? Bringt diese Hypothese auch nur die schwächste Erklärung für die Erscheinungen in ihrem Wesen herbei? ' Trotzdem schlägt Strauß die „Thierseelen" sehr hoch an, wenn sie ihm auch nur „ererbte Gewohnheiten" find, und erklärt alle Naturforscher , welche irgendeinen Unterschied zwischen Thier und Mensch anerkennen, für „altgläubig." Glücklicher Weise werden diese in der Wissenschaft bedeutendsten Geister so geringen Werth auf die straußsche Neugläubigkeit legen, daß sie sich wenig darum kümmern mögen, wie Strauß sie benenne. Wenn er, nebenbei gesagt, den Dualismus dem Christenthume zuschreibt, so irrt er; stärker als in der bekannten Stelle Koheleths: „Der Staub kehret zur Erde zurück, von der er genommen, der Geist aber kehret zu Gott zurück, der ihn gegeben", kann er doch wohl nicht ausgedrückt werden. Für Strauß besteht kein Unterschied zwischen Thierseele und Menschengeist; mit Voltaire sieht er im Letzteren nur ein „Mehr" als in der Thierseele, aber nicht ein Anderes. Die Gewohnheiten der Ameise, die Erzählungen von Hunden, Pferden^ Elephanten, deren doch so Viele seien, sind ihm hierfür genügender Beweis. Voltaire in seinem Humor hält dieses „Mehr" sogar für sehr unbedeutend, Strauß im Ernste für bedeutend. Wie? Eine Symphonie von Beethoven, ein Requiem von Mozart, sollen also nichts Anderes, nur ein Mehr als die ererbte Gewohnheit in der Melodie eines Canarienvogels, in den Trillern einer Nachtigall sein? die Berechnungen eines Laplace, die Combinationen eines Newton, nur ein Mehr als die Verstandesthätigkeit eines Pferdes, die Abstractionen eines Kant nur ein Mehr als die Vernunft eines Esels sein? Und der Erbauer des Parthenon, der des St.-Peter, der Meißler des olympischen Zeus u. s. w. soll.keine anderen Eigenschaften besitzen als die Biene, die seit zahllosen Jahrtausenden dieselbe Zelle an. Zelle klebt? Die Sprache des Menschen soll nur ein Mehr, nichts Anderes als das Blöken des RindeS, das unwillkürliche und unbewußte Hinausstoßen einer Lustmenge durch die anererbte Oeffnung sein? Das kann doch wohl nur die roheste Psychologie sagen! Das Selbstbewußtsein , die vergleichende Combination, die schöpferische Idee, die abstrahirende und kritische Vernunft, die Berechnung für Zweck und Absicht im Ganzen und in den kleinsten Theilen, sie haben keine Verbindung mit den aus dem Bedürfniß errungenen „ererbten Gewohnheiten"'der Thiere, sie sind nicht blos ein Mehr, sie sind ein Anderes als Das, was wir ,in den Thieren Seele nennen. Fürwahr, es gehört ein blödes Auge dazu, um einen Blick über die Schöpfungen und Geistesarbeiten der Menschheit nach allen Richtungen hin zu

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