Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1872)
- Date
- 1872-12-03
- Page
- Seite 974 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Rußland- Moskau, im October. (Privatmitth.) In der politffchen russischen Presse wird gegenwärtig die Nochwendigkeit sehr lebhaft besprochen, gegenüber dem immer dringender werdenden Bedürfnisse zur Lösung aller brennenden jüdischen Fragen auf Grund des bestehenden Gesetzes wiederum einen Rabbinercongreß zu berufen, von dessen erfolgreicher Wirksamkeit indeß, namentlich wenn heute noch nach dem vor 15 Jahren erlassenen Gesetze verfahren wird, wir uns nicht zu überzeugen vermögen, und dies um so weniger,- als auch von der Fruchtbarkeit der zu jener Zeit stattgesundenen rabbinischen Berathungen und Beschlüsse sehr wenig zu verspüren ist. Die Zeiten sind eben ganz andereals sie vor 15 Jahren waren, und der Erfolg irgendwelchen Berathens und Beschließend ist gegenwärtig von ganz anderen Bedingungen abhängig als zu jener Zeit. Die Rabbinercommission, deren Zusammenberufung vom Ministerium auf Gnrnd des bestehenden Gesetzes verlangt wird, hat nach den Bestimmungen dieses letzteren aus einem Vorsitzenden und sechs Mitgliedern zu bestehen, die der Minister aus den ihm von den Generalgouverneuren und den Gouverneuren derjenigen Gouvernements, in denen die Juden ihren beständigen Wohnsitz haben, Präsen« tirten auswählt; die von jenen zum Vorschlag gebrachten Deputirten werden zuvor von den Juden selbst gewählt. Bor 15 Jahren indeß haben Juden nur in den südwestrussischen Gouvernements leben dürfen und gelebt, während sie heute im ganzen Reiche zerstreut wohnen; sollen nun diese ohne jede Vertretung bleiben? And ferner, abgesehen davon, daß Einige der tüchtigsten und zuverlässigsten Mitglieder der damaligen Rabbinercommission unterdeß verstorben sind, wie der auch mit gediegenem modernen, ja philosophischen Wissen ausgerüstet gewesene Rappoport in Minsk, ist es nicht recht und billig, ja im Interesse der erfolgreichen Berathung geradezu unerläßlich, daß auch die Laienwelt, die oft ein bei Weitem praktischeres Verständniß für die zur Begutachtung vorliegenden Fragen besitzt, zugezogen werde? Und an tüchtigen, nicht dem "theologischen Stande angehörigen Männern mangelt es doch gewiß in keiner Gemeinde! Während nun die Juden selbst von den Berathungen und Beschlüssen der von ihnen zur Commission gewählten Rabbiner gar keine Kunde erhielten, mithin jeder Gelegenheit beraubt sind, zu beurtheilen, ob dieselben ihr Vertrauen auch fernerhin verdienen, scheint es uns jetzt dringend geboten, einerseits nachträglich noch die betreffenden, im Ministerium aufbewahrten Sitzungsprotokolle zu veröffentlichen, und andererseits für den etwaigen Fall, daß die Commission wieder zusammenberufen werden sollte, den Sitzungen derselben gleich vorweg die größte Oeffentlichkeit zu geben. Denn nur dann wird die Theilnahme der Juden selbst eine der Wichtigkeit der irr Rede stehenden Angelegenheiten entsprechende sein, während ohne Jene alle Berathungen und Beschlüsse werthlos sind. Wie die „Moskauer Nachrichten" mittheilen, besteht im Ministerium des Staatseigenthums die Absicht, die in den Gouvernements Cherson und Jekaterinoslaw noch bestehende Specialabtheilung für -jüdische Angelegenheiten nunmehr aufzuheben. Es scheint demnach, daß die jüdische Bevölkerung daselbst mit der übrigen derartig bereits afsimilirt ist, um keines besonderen Ressorts mehr zu bedürfen. A me r i k a. Newyork, im October. Die Arch. isr. entnehmen einem Blatte die Notiz: Eine Entschädigung von zehn bis zwanzig Dollars pro Person ist von Seiten des Sigenthümers des Schiffes „Herrn Charles H. Marshall" freiwillig den russischen Juden, die so grausam auf ihrer Ueberfahrt behandelt worden sind, gewahrt worden. Diese Handlungsweise von Seiten des Schiffseigenthümers ist ein stillschweigendes Zugeständniß der Schuldhaftigkeit. (Welche Vorsicht ist daher bei der Verschiffung zu beobachten!) Nachtrag. Bonn, im Nov. (Privatm.) ES liegt in der Natur der Sache, daß sehr h äufig Gemeinden sich in irgendwelchen Fragen um gutachtliche Aeußerungen an den Redacteur dieses Blattes wenden. Daß diese Letzteren seit Jahren im Pulte liegen bleiben, scheint darum nicht ganz gerechtfertigt, weil dieselben Fälle an anderen Orten gleichfalls Vorkommen und der dabei ertheilte unmaßgebliche Rath anderwMg benutzt werden könnte. Wir wollen daher Dergleichen von Zeit zu Zeit hier wiedergeben, selbstverständlich ohne jede Bezeichnung des