Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1872)
- Date
- 1872-12-03
- Page
- Seite 967 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Lehre bekennen würden. Sprechen die Juden noch jchk den Satz von ihrer; Erwählung in ihren Gebeten mtSp so endigen auch alle ihre gottesdienstlichen Handlungen mit dem Ausspruche der Propheten, daß dereinst alle Bewohner der Erde den einzigen Gott bekennen werden. Und in der Thal, auch die Griechen hatten ein volles Recht auf ihr Selbstgefühl. Sie waren die Schöpfer einer freien geistigen Lebeusbewegnng; sie halten allen neun Musen eine Heimstätte bereitet, die Anfänge aller Kunst , wie sie ihnen von andern Völkern überliefert worden waren, zur höchsten Blüthe entfaltet, und das Fundament für die Wissenschaft gelegt, auf welchem späte Geschlechter die Wiedererstehung jener vollbringen sollten. Ein Blick, den ein Hellene von dieser Höhe auf die übrigen- Völker, auch auf ihre Sieger und Nachahmer, die Römer, warf, konnte ihm seine Vorstellung von sich und den anderen Nationen nicht ändern. Doch hiermit war das; Selbstgefühl der Juden uk haltlich noch nichterschöpft. Es kam ein anderes Moment hinzu, das aus ihren Ueberzeugungen erfloß, und gerade aus ihrem nationalen Untergangs «nd ihrer Erniedrigung sich bildete:- Nichts ist schöpferischer als das Selbstgefühl des Menschen, und wem ein Solches stark und dauerhaft in der Brust lebt, dem verleiht es selbst durch die Unglücksfälle, die es erdrücken zu müssen scheinen, die-schärfsten Waffen der Abwehr.. Die Ueberzeugung, daß esdie höchsten Wahrheiten in Lehre und- Gesetz 'besitze^ durch; göttliche Offenbarung empfangen habe und fürdie ganze-Menschheiterhalten müsse, weckte und nährte: irn jüdischen Volke den; Glauben einer zukünftigen Erlösung, einer höheren und glänzenderen Erhebung, der sich; zum Messiasglauben in dessen verschiedenartiger Nüanciruug gestaltete. Dieser Glaube, der mit den anderen Momenten auf's Innigste verwuchs, rüstete den Juden zur Ertragung aller' Leiden,.-aller Mißhandln»g, aller Verachtung, und wenn er fein Haupt noch so tief beugen mußte, flüsterte ihm dieses Selbstgefühl den Trost ein: Du bist und hast doch mehr als dieser Dein Peiniger, und wenn auch nicht Deine Person, so doch Deine Nachkommen werden dereinst hoch und geehrt dastehen, während dieses Geschlechts das Dich schmäht und martert, längste verschwunden sein wird. — Hierzu kam noch ein Anderes Ms die Griechen zu römischen Sklaven geworden und m großer Zahl meist als listige, tückische Schmarotzer in Rom lebten; von: dem plumpen und üppigen Römern verachtet^ und ihnen dennoch als-' dis Werkzeuge Mr feineren Eultur^- alleK künstlerischen-' und gystigeu Luxus, als Lehrer, Rhetoriker, Bibliothekare, Schreiber u. dgl. unentbehrlich, da fühlten sich dieselben Griechen in gewissen Beziehungen Meister ihrer Herren, und durch ihre Gewandtheit' und Schlauheit ihnen über-' legen. Ihre eigenen Schriftsteller, z. B. Lucian, schildern dies in ätzender Weife. Aehnlich erging es den Juden, die, aus allen bürgerlichen und gewerblichen Bahnen ausgestoßen, auf den Handel, besonders den Geldhandel, beschränkt waren, und sich hierin eine große Gewandtheit, List und Schlauheit erwarben. Die unaufhörlichen Bedrängnisse, in die sie gebracht wurden, mußten ihren Scharfsinn, sich Jenen zu entziehen, immerfort wetzen. Bald fühlten sie sich hierdurch ihren Gegnern und überhaupt denen überlegen, mit welchen sie zu schaffen hatten. Dies gab ihrem Selbstgefühle neue Nahrung, und vervollständigte es von sehr weltlicher Seite her. Wir sehen also, daß alle Thatsachen zusammenwirkten, um dieses Selbstgefühl im Juden zu wecken, zu nähren und zu gestalten. Dies ist die geschichtliche Entwickelung bis zur Neuzeit, wo völlig verschiedene, ja entgegengesetzte Lebensbedingungen eintraten. Diesen Erwägungen wollen wir noch einen Artikel widmen. ZeitungsnLchrichteu. Deutschland. Berlin, 19. Nov. Der große Zuwachs: der israelitischen Bevölkerung hier, besonders ans den' polnischen Provinzen, wird hiesigen Blätternzufolge in Berlin wiederum zwei neue Synagogen entstehen sehen, wovon die eine durch einen hiesigen Rabbiner in der Friedrichsstadt, die andere durch einen bekannten Banquier im spandauer Viertel erbaut werden soll. Beide Synagogen werden dem orthodoxen Judenthmne geweiht und sich unabhängig von der Hauptgemeinde hatten. Berlin, 17. Novbr. Der „K. Z." schreibt man : Ueber die Theilnahme jüdischer Magistratsmitglieder an den der Stadtbehörde zustehenden Wahlen evangelischer Prediger hat der evangelische Oberkircheurath kürzlich eine Entscheidungan den' Magistrat von Graudenz (Westpreußen) ergehen lassen- und damit' eiick Verfügung